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Jeschurun · 1885-04-09 · Heft 14-15 (9.4.1885) · p. 223

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 14-15 (9.4.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-04-09
Page
223 (sequence 2)
Language
German
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223 sich und zog die Hand des Vaters an seine kalten Lippen. ״Ich gehorche, mein Vater." Lewinski schlang seine Arme um ihn und drückte ihn fest an seine Brust; cS währte lange, bevor er eines Wortes mächtig ward. Auch Ignaz war tief erschüttert, doch er erlangte zuerst seine Fassung, sanft entwand er sich des Vaters Arncen. ״Ich habe auch Deinen Rath befolgt," sprach er noch immer leise, ich habe an Hcrzkow geschrieben. — Aber mein Leben wird es tosten — darauf muß ich gefaßt sein, ich kenne Diejenigen, die — doch ich habe mein Leben längst verwirkt — möge ein vorzeitiges Ende die Frevel sühnen, die auf mir lasten — und gewähre auch Ou nur Verzeihung, mein Vater." — Doch dieser war noch immer keines Wortes mächtig, abermals preßte er den Sohn an seine Brust. ״Nicht doch," sprach er endlich, und seine Stimme bebte. ״Nicht, mein Sohn — nicht durch Deinen Tod mögest Du Deinen Frevel sühnen, sondern mit GotteS Beistand durch ein langes, gesctzestrenes Leben." Schmerzlich zuckte es um des Sohnes Lippen, doch er erwiderte nichts. Forschend, prüfend blickte der Vater in das bleiche, erregte Angesicht. ״Ich will nicht fragen, wie Du fern von der Hcimath gelebt; eine jüdische Lebensweise hast Du nicht geführt." — ״Ich habe mein Leben verwirkt," wiederholte Ignaz flüsternd, ״ich weiß eS — Gott ist gerecht." ״Er ist auch allbarmherzig," fügte Lewinski tief ergriffen hinzu. ״Er verzeiht den Ernstbcrenenden." — ״O, ich bereue, bereue aufrichtig. — Gott sieht mein Herz." — ״Und wenn nun seine allbarmherzigc Liebe Dich Mittel und Wege finden lassen würde, der Rache Deiner Feinde zu entgehen?" — ״O, Du kennst sie nicht. — Keiner entgeht ihrer Rache. — Doch, wenn — wenn —" Die Bl nt welle, die für einen Moment seine Wangen färbte, verricth die erwachende Hoffnung, ״wenn eS mir gelingen würde, ihnen zu entgehen — kannst Du zweifeln, mein Vater, daß ich mit meinem ganzen Leben sühnen möchte, was ich so schwer gefehlt?" ״Nein, ich zweifle nicht daran, — ich glaube an Deine ernste Reue. — Und laß uns nun auf Gott vertrauen, daß es mit Seinem Beistand gelingen möge, Dich zu retten, damit Du Deine aufrichtige Rückkehr bethätigcn könntest. Vernimm, mein Sohn, den Plan, den wir für Deine Rettung entworfen." In!eise geflüsterten Worten, als könnten die Wände sie erlauschen und verrathen, theiltc er dem hoffnungsvoll aufhorchendcn Jüngling mit, was er auf Rath seines Schwiegersohnes für ihn beschlossen. Ignaz war selbstverständlich mit Allen! einverstanden, und das Aufleuchten seiner Blicke, die wkcderkehrende Farbe seines Angesichts bewiesen, daß die Hoffnung auf Rettung ihn neu belebte. — ״Ich hoffe zu Gott, cs wird gelingen. Doch Nachricht darfst Du uns nicht zukommeu lassen, in keiner Weise. Deine ehemaligen Freunde haben überall ihre Späher, sie werden ans Dich fahnden, und durch die geringste Unvorsichtigkeit wärest Du auch im Ausland nicht sicher. Wenn cs mir irgend möglich sein wird, reise ich gegen Ende nächsten Sommers nach N.. sei auch Du um diese Zeit dort, daß wir, wo möglich, uns dort Wiedersehen. Bis dahin verweile in einer der frommen Gemeinden Deutschlands, doch nur unter dem Namen, auf den Dein Paß lautet. Und was Du auch unternehmen wirst,!nein Sohn, lasse das Studium des Talmud zu Deiner Hauptbeschäftigung gehören. Ich werde Dein mütterliches Erbtheil in Form von Wechseln und Banknoten in Dein Oberkleid cinnähen lassen. — Doch, da kommt Dein Schwager, er wird Dir behülflich sein, Dich unkenntlich zu machen; ich eile indessen, Dein Reisegeld re. in Ordnung zu bringen." In der That trat Alexander eben in das Zimmer mit allem zu den Vorbereitungen zur Flucht Erforderlichen. Lewinski entfernte sich. Der alte Iankct war in seiner Jugend Schneidergesell gewesen, wußte auch heute noch die Nadel zu führen; Alexander hatte ihn bereits instruirt; als Lewinski in sein Zimmer trat, fand er den treuen Diener dort mit dem für seinen Sohn bestimmten Kaftan. Er hatte das Futter von dem Oberzeug getrennt. Lewinski übergab ihm die erwähnten Papiere, nachdem er sie mit einer dünnen, wasserdichten Umhüllung versehen, und der Alte nähte sie sorglich in Gegenwart des Vaters zwischen Futter und Oberzeug des zur Flucht bestinlmten Kleides. In unglaublich kurzer Zeit waren alle Vorbercitungcn beendet, und der junge Lewinski vollständig reisefertig; der Vater selbst hätte ihn kaum erkannt mit dem dunklen Teint, den braunen Haaren, in ׳ dem langen anschließenden engen Rock. — Doch es ward Zeit, sich zur Eisenbahn zu begeben. Gern hätte der Vater ihn dorthin begleitet, aber er fürchtete die Ansmerksa-mkeit irgend eines Bekannten zu erregen, und auch Alexander durfte ihn nicht geleiten; nur der alte treue Jankcl sollte in einer geschlossenen Droschke bis zum Bahnhof mit ihm fahren. — Der Wagen hielt bereits vor der Hinterthür des Hauses, Alexander drängte zum Ausbruch; in langer, stummer Umarmung hielten Vater und Sohn einander umschlungen. ״Du mußt fort," mahnte Alexander, doch der Vater ließ ihn nicht aus seinen Armen, ihm schien im

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