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Jeschurun · 1885-04-09 · Heft 14-15 (9.4.1885) · p. 219

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 14-15 (9.4.1885)
Article
Das Verbot von basar be-chalav
Date
1885-04-09
Page
219 (sequence 1)
Language
German
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219 Siis verbot von בשר ב״לב. In einer Versammlung der Vertretung einer der größten israelitischen Gemeinden hatte kürzlich ein hervor-׳ ragender Mann den traurigen Muth, den Versuch zu wagen, den religionSgcsetzlichen Bestimmungen über eine in das jüdische Leben tief eiugreiseude göttliche Jnstitution den Schein der Lächerlichkeit zu viudizircn. Es ist dieses derselbe Mann, welcher schon lange sich als Vertreter der deutschen Iudcuheit par exellciice aufspielt, vor dessen Professornamen sich eine gedanken- und urtheillose jüdische Zeitgenossenschast beugt und ihm nur allzu leichtfertig auch diese Führerschaft zuerkennt. Es ist dieses derselbe Mann, welcher es unternehmen will, eine Ethik des Talmud zu verfassen. Wie wenig aber dieser Mann, der die Räthsel in der Psyche der Völker entziffert haben will, die Sprache seiner eigenen Stammes-Seele versteht, das hat er nicht überzeugender darthun können, als durch jenen herostratischen Heroismus, mit welchem er gegen das Heiligthum seines Volks anstürmte. Die jüdische Volksseele hat nirgends deutlicher ihre E-igenthümlichkeit ausgeprägt, als in dem wunderbaren Bau des schützenden Wehrs, den sie um das göttliche Gesetz errichtet. In diesem einzigen Werke, das seines Gleichen nicht hat, offenbart sich der jüdische Genius in seinem eigenartigsten Schaffen, und derjenige, welcher die jüdische Psyche verstehen lernen will, hätte gerade hierauf seinen forschenden nach Erkenntniß strebenden Blick zu richten, auch wenn er kein Jude wäre. ׳Wahrlich, der verdiente nicht den Namen eines Weisen, welcher mit cynischenr Spotte dem ihm fremdartig Dünkenden begegnete und im Barbarcuhochmuth für das ihm bizarr Erscheinende an dem-Heiligthum eines der ältesten Kulturvölker nur rohen Hohn in Bereitschaft hat. Wenn aber dieser Spott und Hohn, wie in dem vorliegenden Falle, nicht den Tempelruinen grauer Vorzeit, sondern einem in der Gegenwart verehrten Heiligthnm gilt, und wenn derselbe von den Lippen eines Mannes fließt, dessen Vater und Mutter und Stammesgeuoffen dieses Heiligthum das ihre neunen, und der selbst zun: Hüter dieses Heiligthums sich berufen fühlen sollte, dann dürfte die Sprache sich als unzulänglich erweisen, um diesen Hohn und Spott und die Gesinnung, welcher dieselben entstammen, gebührend zu gualifiziren. Professor Di׳. Lazarus hat in der Repräsentantcusitzung der Berliner Gemeinde am 15. März b. I. bei seinem gewaltsam herbeigeführten Exkurse über das Verbot der Mischung von Fleisch' und Milch sich selbst das Urtheil gesprochen, wie es verfüllender nicht lauten kann. Mag er auf dem Katheder als Philosoph gelten, mag man seinen Scharfblick auf anderen Gebieten anerkennen, — wir wollen seinem Ruhme dort nicht zu nahe treten —, auf jüdisch religiösem Gebiete hat er fortan zu schweigen. Hier hat er sich als unfähig erwiesen, das Wort zu führen, weil ihm die Kenntniß des Iudenthums ebenso wohl mangelt, wie das Verständniß für die jüdische Volksseele. Ein sprechenderer Beweis für diesen doppelten Mangel kann nicht erbracht werden, als durch die Behauptung von der ursprünglichen Beschränkung des Verbots ans das Kochen eines Bäckchens in der Milch der Mutter im Iudenthume und dem Spotte, welcher der weiteren Ausdehnung dieses Verbots zu Theil geworden. Die Judenheit wird fortan Ver« Wahrung einzulegen haben, wenn Professor LazaruS fernerhin in ihrem Namen das Wort führen oder es gar wagen sollte, authentisches Zengniß ablegen zu wollen von den Institutionen und dem Geiste des Judenthums. Wir aber möchten in dem Folgenden in kurzen Zügen das Verbot des geschmähten איסור בשר בחלב nnserem Verständniß näher zu bringen versuchen, und zwar unter Anleitung des Altmeisters Samson Raphael Hirsch *). Das Wort די; wird durch ״Bäckchen" höchst ungenau wiedergegeben; es sind vielmehr darunter junge Thiere der Gattung .בהמה ביר,ורד überhaupt zu be< greifen, wie ja auch דאורייתא mit dem Verbote לא הבשל;ד" בד,לב אמו nicht היה ,בהמה ממאה und ערף getroffen sind. Zum präzisen und kurzen Ausdruck des Verbots giebt es keine prägnantere Bezeichnung als die Thora gewählt hat. Es ist damit das fernstliegende Beispiel hervorgehoben: selbst das Fleisch des jungen Thiers und dessen eigene Muttermilch, die sich doch so nahe gestanden, sind im Kochen von einander geschieden zu halten. Nicht einmal das Fleisch des jungen Thiers darfst du in der Milch seiner Mutter kochen. Für den Geist -dieser Vorschrift dürfte sich die Wahl dieser Ausdrücke noch bedeutsamer Herausstellen. Wenn nämlich anderen Speiseverboten die zu vermeidende stimulirende oder deprimircnde Einwirkung auf Geist und Gemüth als Motiv zu Gründe liegen dürfte, so kann bei בשר בהלב an keinen solchen sittlich diätetischen Einfluß gedacht werden. Hier ist selbst die bloße Herstellung einer solchen Mischung durch Kochen verboten. Die dreimalige Wiederholung dieses Gesetzes in 'der Thora wird in Beziehung zu dem dreifachen Verbote: איסור אבילה איסור ה;אה איסור בישול erklärt. Die Herstellung dieser Mischung durch Kochen muß daher den Kern des Gesetzes bilden, da alle drei Verbote unter dem Ausdruck לא תבשל auftreten. Ist also bei diesem Verbote weder au einen direkten leiblich *1 Dessen Kümnienlar zu Exodus zur Stelle Seite 352 bis 300.

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