Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 13-14 (26.3.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-03-26
- Page
- 200 (sequence 3)
- Language
- German
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200 zum erstenmal seit seiner Heimkehr begegnete sein Blick dem des Vaters. ״Ich will Dir glauben," sprach Lewinski nach kurzem Schweigen. ״aber die Zeit drängt, Du darfst Dich nicht lange besinnen. — länger als bis gegen Mittag kann ich die Anzeige nicht verschieben; willst Du die Betreffenden warnen, so muß dieses in den ersten Morgenstunden geschehen, sonst könnte ich Dein Schreiben nicht rechtzeitig befördern lassen." ״Gönne mir zwei, gönne mir eine Stunde Zeit — ich kann — ich darf Dir nicht alles sagen, was ich in Betracht ziehen muß — aber Du kannst Dich ruhig nicderlcgen." — Der Vater antwortete nicht sogleich, einige Minuten standen beide schweigend einander gegenüber. — ״Also in einer Stunde sprach Lcwinski endlich und verließ schwankenden Schrittes daS Zintmer. — In dem anstoßenden .stabinet, daß er nun betrat, mnßtc er doch einige Minuten auhalten. Die Hand an die Stirn gepreßt, lehnte er das schwere Haupt an die Wand. Was würde sein Sohn beschließen? — Er hosste, hosste bereits mit Znv.rsicht, daß eS ihm gelungen, ihn vom Aergsten zurück zu halten. — Doch wenn ihm dieses gelungen, so war das Leben seines SohneS in Gefahr, darüber gab sich der junge Mann keiner Täuschung hin, und auch er selbst konnte sich nicht verhehlen, daß er durch seine Anzeige die Rache der Be.rrathcncn hcraufbcschwören tvürde. — Doch nach dieser ')Dichtung hin kannte er keine Bedenken, was er als Pflicht erkannt, mußte er vollsührcn. — Aber Ignaz mußte gerettet werden, doch wie? — wie? — In seinen Schläfen hämnlertc cS, zu viel war in den jünst verflossenen Stunden auf ihn cingcstürntt, er war keines klaren GedankettS fähig. — Und dennoch, die Zeit drängte. — Mühsam raffte er sich auf, er wollte seinen Schwiegersohn aufsuchen, Alexander sollte rathcn, sollte beschließen, waS geschehen müsse. Nicht ohne Anstrengungen erreichte er daS Zimmer seiner Kinder. Manschend blieb er an der Thür stehen. Durch eine Spalte gewahrte er Lichtschimmer, war Alexander noch wach? —- Er neigte sich und blickte durch das Schlüsselloch. Nichtig, dort am Tische saß sein Schwiegersohn, einen aufgeschlagenen Folianten vor sich. — Lewinski hüstelte einige Mal halb laut, die Aufmerksamkeit des ״Lernenden" zu erregen. Sofort erhob sich Alexander, neigte sich einen Augenblick über daS Bett, in de!n Tolza schlummerte, dann verließ er lautlosen Schrittes daS Zimmer. ״Sind Sie cS, lieber Vater?" fragte er leise. ״Warum bist Du noch auf? ist Tolza wieder leidend?" ״Nicht doch," erwiderte Alexander, ״Tolza schlaft Gottlob ruhig, ich hosfe, sie wird sich morgen wohler fühlen." ,,Dann kommst Du wohl mit mir hinüber, ich habe Wichtiges mit Dir zu besprechen." Alexander erwiderte nichts, schweigend folgte er dem Voranschrcitenden, doch er sah ihn wanken und eilte ihn zu stützen. Schwer ruhte der Greis auf seinem Arni, und langsam erreichten sie daS bczcichnete Zimmer. Hier erst gewahrte Alexander mit Schrecken, wie furchtbar entstellt daS Antlitz seines SchwiegervatcrS. Sorgsam geleitete er ihn zunt Kanapee. ״Sie müssen sich nicdcrlcgcn, lieber Vater, und müssen mir erlauben, Ihnen ein GlaS zu reichen. Sie wären foult schwerlich im Stande, mir die erwähnte Mittheilung zu machen." LewinSki neigte zustimmcnd daS Haupt, er fühlte, ihm war ein Stärkungsmittel unerläßlich. Rasch leerte er das Glas, das Alexander ihm bot und athmete sichtlich erleichtert auf. ״Schenke mir noch Eines ein, eS macht n׳.ir den Kopf klarer und darauf kommt im Augenblick Alles an." Alexander gehorchte, dann rückte er einen Sessel dicht an daS Kopfende des Ruhebettes, auf daS sein Schwiegervater sich gelegt und ließ sich auf demselben nieder. LewinSki hatte auch das zweite GlaS geleert, die geisterhafte Blässe seines Angesichtes hatte sich merklich gemindert und auch sein Athem ging ruhiger. Er hob den Oberkörper ein wenig, stemmte den rechten Arm auf die Seitenlehne des Kanapce'S und stützte den Kopf auf die rechte Hand. — Während sein Schwiegersohn sich zu ihm neigte, thciltc er ihm flüsternd und wiederholt stockend die Unterredung mit seinem Sohne mit. Alexander, lauschte aufmerksam seinen Worten, ohne ihn auch nur ein einziges Mal zu unterbrechen. WaS er hörte, überraschte ihn nicht, er hatte AehnlicheS erwartet. ״Und nun rathe mir, mein Sohn, wie retten wir den unglücklichen Knaben? Sein Leben ist bedroht." ״Sind Sie denn sicher, daß er sein Vorhaben anfgcgeben, daß er mit den Nihilisten brechen will?" ״Ich hoffe cS, hoffe eS mit Zuversicht. Er hat zwar noch nicht zugesagt, dennoch glaube ich mit Be׳- stimmtheit, daß er sich bereits selbst vor dem Entsetzlichen entsetzt." Alexauder zuckte die Achseln. ״DaS könnte sein, und trotzdem — doch ich will mit Ihnen hoffen. Nehmen wir also an, Ignaz habe sein Vorhaben׳ aufgegeben, habe seine Gefährten gewarnt, und Sie Hütten bei der Behörde die Anzeige erstattet. — In diesem Falle wäre sein Leben hier sofort bedroht, daS ist richtig-. — Er müßte fort, unverzüglich fort, jedenfalls noch bevor jener Hcrzkow seine Warnung erhallen." (Fortsetzung folgt.)