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Jeschurun · 1885-03-26 · Heft 13-14 (26.3.1885) · p. 199

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 13-14 (26.3.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-03-26
Page
199 (sequence 2)
Language
German
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199 vattjcn, was Du erlauscht, so vcrrathc mich mit, bringe Dtiuen Sohn nach Sibirien oder an den Galgen, ich halte, was ich gelobt, mit dem nächsten Auge fahre ich nach P... Ein Zittern durchflog die ehrwürdige Gestalt des Greises,!nächtig arbeitete cs in seinen fchmcrzdnrchfurchteu Zügen, vollständig erschöpft sank er auf seinen Sessel. Doch er erhob sich sofort wieder; die Tranerwoche um die entschlafene Gattin war noch nicht vorüber. Endlich sprach er, seine Stimme bebte nicht, war jedoch seltsam heiser. ..Du zwingst mich zu dem Schwersten, zu dem ein Mensch den Andern zwingen kann. Meinen Sohn, meinen einzigen Sohn soll ich des Hochverraths anklagen! — Wehe! — Wehe! — Aber ich werde dennoch meiner Pflicht entsprechen. Ehe ich zugebe, das; Du Blutschuld auf Dich ladest, lieber wüßte ich Dich in Sibirien oder selbst —" Er brachte das Wort nicht über die bleichen Lippen, schaudernd bedeckte er das schmcrzznckende Angesicht mit beiden Händen. Als er sie endlich!nieder sinken ließ, wich der Sohn voll Entsetzen scheu zurück, so fahl, so entstellt war das Antlitz des Vaters. Dieser aber trat nahe an ihn hinan und legte seine Hand auf des Andern Schulter. ״Also mit dem nächsten Zuge willst Du nach P ....'?" Ignaz neigte bejahend das Haupt; zu sprechen war er nicht in! Stande. Ein Acchzen entrang sich des Vaters Brust. Schweigend standen beide einander gegenüber, auch in des.jungen Mannes Zügen arbeitete es!nächtig. Doch plötzlich überwältigte cs den Later; er schlang beide Arine um den Hals des Sohnes und brach in ein heftiges konvulsivisches Schluchzen ans." ״Mein Sohn! — mein Sohn! mein einziger Sohn! — nein! — nein! — das wirst Du Deinem Vater nicht thun! — Siehe," fuhr er nach Fassung ringend fort, ״ich weiß cs ja — Du bist mißleitet, bist verführt worden. — Man hat Dein junges, warmeS Herz umgarn׳, hat Deine Eigenliebe gestachelt,, hat Dir' geschmeichelt, daß Du, unreifer Knabe, Großes wirken könntest für das Heil der Menschheit. -- Und darüber hattest Du vergessen die Lehren unserer heiligen Religion; denn das Indcnthum umfaßt die liberalsten Grundsätze, so daß wir stolz uns rühmen dürfen, daß alle jene wahrhaft liberalen Ideen, mit denen' die Neuzeit sich brüstet, dem Judenthnn! entstammen. ES kennt keinen Standcsnnterschicd, alle Staatsangehörigen sind gleich berechtigt, mit Macht tritt cs den! Nebcrhaudnehmen des Pauperismus entgegen, im Indenthum scheint die soziale Frage im eigentlichen Sinne des Wortes längst gelöst. Und trotzdem und .alledem gebietet cs mit heiligem Ernst die Beobachtung der Staatsgcsetze, die Achtung vor dem Staatsoberhaupte und den Staatsorganen. Und selbst berechtigte Un- Zufriedenheit mit den bestehenden Gesetzen verniag unsere Pflichten gegen Staat und Staatsoberhaupt nimmer zu alteriren, denn ausdrücklich wird uns gelehrt, und wäre der' Staat noch so hart, noch so ungerecht gegen uns, weder seine Härte noch seine Ungcrechtigkeit rangircn unsere Verbindlichkeit ihm gegenüber. Wir dürfen in Erfüllung unserer Pflicht nimmer wanken und Du hast auch Deinen Irrwahn bereits erkannt, — ich weiß es — ich sehe eS deutlich — Dir fehlt nur der Muth, cs cinzngcstehen — Du glaubst bereits selbst nicht mehr, daß Du durch Mord das Heil der Welt begründen könntest. —- Mord! — Mord! — Mein Sohn ein Mörder! — Unmöglich! — Auf! — ermanne Dich! — sei Jude! — Rette Dich, rette Deine Gefährten vor dem Entsetzlichsten." ״Ich kann nicht!" flüsterte Ignaz, ״ich kann nicht!" schrie er auf. ״Du kannst," drängte Lewinski, ״Du kannst. — Schreibe jenem Herzkow, daß das Komplot verrathcn ist, - daß alle Betheiligten fliehen. — Ich verspreche Dir, Dein Schreiben durch den zuverlässigsten meiner Leute Herzkow persönlich übergeben zu lassen; ist er hier oder in W...., er wird rechtzeitig gewarnt sein und kann die Andern warnen, erst gegen Mittag werde ich die Anzeige bei der Behörde erstatten." ״Sie lverden mich dennoch als Verrüther betrachten, sie werden ihren 'Rächer senden — ich wäre verloren." ״Und wenn dem so wäre — dreimal glücklicher, wer durch Mörderhände fällt, als derjenige, der als Mörder lebt." Der junge Mann barg das Antlitz in den Händen und luf; das Haupt ans das Kopsende des Bettes sinken. Nahezu zehn Minuten verharrte er in dieser Stellung, hin und wieder durchfuhr ein -krampfhaftes Zittern seinen Körper und verrieth den Kampf, der in seinem׳ Innern tobte. In angstvoller Spannung ruhte das Auge des Vaters ans ihm. Endlich trat er dicht an ihn'hinan und legte die zitternde Rechte ans des Sohnes Haupt. ״Ignaz! —" Es lag solch unsägliche Seckenpein in diesent einen Wort, daß der junge Mann zusammenfuhr und sich hastig aufrichtete. ״Laß mir Bedenkzeit," murmelte er. ״Bedenkzeit! — Du willst mich täuschen! — willst einen unbewußten Moment erhaschen, um aber-!nals zu entfliehen!" — ״Bei dem Andenken an meine thcure Mutter, ich schwöre Dir, daß ich Dein' Haus nicht ohne Dein Wissen verlassen werde." Er legte die Hand betheuernd.auf die Brust und

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