Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1885)
- Article
- Über die Bedeutung der Opfer
- Date
- 1885-03-19
- Page
- 178 (sequence 2)
- Language
- German
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178 taflet! und vielfachen Anlässen, ja im täfllichen Morgen- und Abendopfer unausgesetzt, diesen ״Opferkultus"! vorschreibt, und derselbe keineswegs aufgehoben ist, sondern nur aus dein Grunde zeitweilig nicht ausgcüb! werden kann, weil die unerläßlichen Vorbedingungen zur Zeit fehlen. Da will man sich nicht erinnern, das; Israels und der Menschheit theucrstc ZukunftS- Hoffnung in dem Wiedererstehen des Gotteshauses aus der Zionshöhe gipfelt, zu welchem die Gott die Huldü fltutfl nicht länger verweigernde und dann deS ungctrübleslcn Friedens und Heils sich erfreuende Menschheit verehrend Hinblicken und ihre Empor- und Mahlopfcr als Ausdruck der gänzlichen Hingebung an den Willen Gottes weihen wird an der erhabenen Stätte, die ein Haus des Gebetes, der Selbfiprüfuug uiibtüuterung vor den! Angesichte Gottes für alle Nationen dann genannt werden wird. Beschränkte, naive, romantische Schwärmerei der Neu-- orthodoxie, die die abgestorbene mumienhafte Orthodoxie in übel gewählter Pietät mit verjüngten Reizen schmücken möchte — wendet man ein —, willst du denn nicht cinschcn, daß diese Anschauung dem modern gelauterten Zeitbewußtscin so gänzlich zuwider ist? Haben unsere Gelehrten nicht auf Grund tiefer wissenschaftlicher Forschung und scharfsichtiger Kritik längst festgestellt, daß bereits Jesaja, Pseudo-Jesaja, Icrcmia und andere Propheten längst den mosaischen Standpunkt zu den Opfern überwunden und einer gehobenen, edleren GotteSverchrnng die Bahn gebrochen, welche in den prächtigen, glanzvollen Teutpelbauten der Gegenwart, den musikalisch vollendeten Tempclchöreu unter majestätisch getragener Orgeltonbegleitung und einer dem geläuterten Zeitbewußtscin enlslannnten Liturgie ihre herrlichste Blüthe gezeitigt? Nein, und abermals nein! Diese angebliche Wissenschaft ist nichts als trügerischer Wahn einer die Thora als Gotteswort verleugnenden dünkelhaften Astergelehrsanikeit, die nicht nur unfähig ist, den Geist und die Bedeutung der von Gott eingesetzten עבודה, jenes im Bcth-Hamikdosch zu vollziehenden heiligen Symbols des von dem Sterblichen zu bethätigeuden ״Dienstes״ Gottes durch die Weihe alles Irdischen, vor Allem des ganzen MenscheuwesenS, zu begreifen, sondern welche auch die in dürren, klaren Worten ausgesprochenen Bestimmungen über das Opfer ebensowohl vornehm und leichtfertig ignorirt, wie die nicht minder klaren und nicht mißzuverstehenden Worte der als GewährSmüuncr für ihre Lüge angernfenen Propheten Es ist eine auch jeden Scheines einer Begründung entbehrende Unwahrheit, als ob in dem Gesetze, das Gott durch feines DicnerS, unseres Lehrers MojeS Mund, uns offenbart hat, der Gedanke des Heidenlhnms eine Stätte gefunden hätte, als ob Opferblut und Wcihrauchduft das magische Mittel wären, begaugenc Verbrechen aufzuhcben und den Zorn Gottes zu beschwören, oder die Gottheit sich willfährig zu machen. Nicht dem נזזיד, dem mit bewußtvoller Absicht eine Sünde Begehenden, liegt es ob, ein קרבן, ein Opfer zu bringen, sondern demjenigen, der aus menschlichem Irrthum unbeabsichtigt gefehlt und diesen iFehl zu bereuen hat; auch nicht demjenigen, welcher die Verpflichtung, die Gebote der Thora oder des betreffenden einzelnen von ihn! übertretencn Gebots zu erfüllen, nicht anerkennt, sondern demjenigen, der solche durchaus anerkennt, aber in einem unbewachten Angenblicke, namentlich ein ihm als Inden obliegendes Verbot außer Acht gelassen hat. Und der Zweck deS Opfers ist kein anderer, als dem schwachen irrenden Sterblichen das höchste Ideal der von ihm zu lösenden Aufgabe in prägnantestet׳ Schärfe zum Bewußtsein zu bringen, auf daß er durch die Hingebung und Weihe seines ganzen irdischen Daseins die verlorene oder noch nicht erreichte Gottesnähe gewinnt, wie dieses schon in der Bezeichnung deS Opfers als קרבן ausgedrückt ist. Nur dem aufrichtig bereuenden und sich in Wahrheit bessernden, und sein Unrecht, soweit er eS vermag, wieder gut inachenden fehlenden Menschen gewährt der gnadenvolle, barmherzige, gerechte Gott Verzeihung. Das Opfer ist nur eine Besiegelung der Irene, ein Mittel zur Besserung, ein Sporn zur Tugend, ein Gelöbniß zum reinen Wandel. So wenig Gebet, Gesang, Fasten und Festesfeier au sich eine einzige Sünde aufzuhebcn vermögen, ja, wie Gebet, Gesang, Fasten und Festesfeier zu einer Höhnung GotteS werden, wenn das Gelöbniß und die Erhebung nur für den vorübcrrauschenden Augenblick des Gebets und der Feier, nicht aber für die Verwirtlichung in! Leben durch die That berechnet ist, oder' wenn gar dieses Gelöbniß und diese Erhebung im Tempel und während der Feier einen DiSpens für den Gehorsam gegen das göttliche Gebot in Vergangenheit und Zukunft bewirken sollen, — ebenso wird auch das Opfer selbst zu einer blasphemireuden Handlung, wenn es in solchem frevelhaften Uebermnth sich vollzieht. Und hiergegen eifert das Propheuwort. MoseS, Samuel, David, Jesaja, Ieremija und sümmtliche Propheten würden ebenso gegen den Mißbrauch des.Synagogendicnstes eifern, den die heutige Reform mit so vielem Pomp ausstattet, um ein Gott und feinem Gebote entfremdetes Leben durch den Firlefanz eines SchaugcprängeS zu sühnen und das Lippenwort an die Stelle der gottdienenden That zu setzen. Schließt eure Tempel, würden sie rufen, und bringet eure Chöre zum Schweigen in welchen nicht Gott gedient, sondern Gott gehöhnt wird, wo das Gewissen cingelullt und die Lüge gepredigt und verherrlicht wird: daß man sich mit seiner jüdischen Gesinnung und jüdischen Treue brüsten könne,