Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-03-12
- Page
- 168 (sequence 3)
- Language
- German
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168 daß sein Sohn sofort fomiiitü werde, doch die Kranke! hörte nicht auf ihn, die Zuckungen wurden von Minute; zu yjiimitc heftiger, und auch der Arzt, obgleich er rasch zur Stelle war, vermochte keine Linderung zu \ schaffen. Plötzlich vernahm inan Schritte im Korridor, die Thür ward hastig aufgcrissen, Ignaz stürzte in'S Zimmer. Tie .Kranke stieß einen Schrei aus und streckte die Arme ihm entgegen. Er wollte ihre Hände erfassen, doch sie sanken plötzlich nieder — noch ein leises .Röcheln, und alles war vorüber, sie hatte ansgcrungcn. Ignaz brach ohnmächtig an ihrem Bette zusammen. Wir wollen es nicht versuchen, den Schmerz der .Hinterbliebenen zu schildern. Die Verblichene war eine der srommstcn, edelsten Frauen gewesen; streng gegen sich selbst, liebevoll, nachsichtig gegen Andere, hatte sic ihren Pstichten im weitesten Umfange des Wortes genügt. Den Bitten Dürftiger zu entsprechen, war ihre Freude gewesen, verschämte Arme attszusuchen, ihr Elend zu mildern, ihre größte Wonne. Darum trauerten mit der Familie nicht nur ihre näheren Freunde und Bekannte, sondern vornehmlich sämmtliche Arme der Umgebung. Für Keinen war jedoch ihr -Eintritt ein so furchtbarer Verlust, wie für den Unglücklichen Sohn, dessen wilder Schmerz von Gewissensgnalcn noch gesteigert wurde. — In den ersten Stunden hatte eine wohlthätige Ohnmacht ihn des Bewußtseins seines unsäglichen Elends beraubt, doch als er die Augen anfschlug nad in das gramdnrchfnrchte Antlitz seines Vaters blickte, da übermanntc cs ihn von Neuem mit seiner ganzen Wucht. Doch die Spannkraft der Jugend leistet Erstaunliches. Bereits am folgenden Tage, als die Hülle der Entschlafenen hinansgcsührt wurde auf jenen Ort, den jüdischer Sprachgebrauch seltsam bezeichnend .,das Haus des Lebens״ nennt, da hatte schon Ignaz Lcwinski wenigstens insoweit seine Fassung wieder erlangt, daß er im Stande war, der thcurcn Leiche zu folgen und in Gcincinschast mit seinem Schwager den Vater zu stützen ans diesem schweren Gange. Zwischen Sohn und Schwiegersohn schwankte der Greis wie gebrochen hinter dem Todtenwagcn einher Doch als die thenre Hülle nun hincingesenkt war in die Gruft, die Schollen Erde kollernd darauf fielen, und der mächtig erschütterte Sohn vor Schluchzen kaum verständlich das Kaddischgebct sprach, da drückte der Pater seine -Hand fest, so fest — daß der Sohn an diesem Händedruck sich ansrichten konnte, war er doch der Ausdruck alles verzeihender Vatertiebe. — Und dann kehrten sie zurück in ihr verödetes Heim. und saßen eine ganze Woche lang im Sterbezinnner auf niedcrn Bänken ohne feste Fußbekleidung in zerrissenen Gewändern. — Und sämmtliche Glieder der Gemeinde kamen zu ihnen, die Trauernden zu trösten und sprachen von den seltenen Tugenden der Entschlafenen, die nicht nur ihrer Familie allein, die ihnen allen entrissen, und sanfter, milder wird doch der Schmerz, den so Viele theilcn. Doch es kamen auch Einige, die von der letzten Krankheit der Verstorbenen sprachen, die in der Blüthe ihrer Jahre hatte von hinnen müssen — bei derartigen Gespräche übermanntc eS Ignaz immer von Neuem; wenn cs irgend möglich war, Pflegte er unbemerkt das Zimmer zu verlassen. Dreizehntes Kapitel. ES war am sechsten Tage der Trancrwoche. Das Geschäft war noch immer strengstens geschlossen. Auf einer Holzbank im Korridor saß der alte Jankel, die kurze Pfeife im Munde. Doch die Pseife war längst erloschen, ohne daß der Alte cs gewahrt hatte, denn er war versunken in trübes Sinnen ob des unersetzlichen Verlustes, der die Familie, der er seit so vielen Jahren diente, betroffen. Er hatte bereits den Eltern der Frau Lewinski gedient, hatte sie selbst auf seinen Armen getragen, und batte nimmer geglaubt, daß er sie zu Grabe geleiten werde. Und nun war das Undenkbare doch geschehen, sie, die er geliebt hatte wie seine Tochter, war dahingcrafft worden in der Vollkraft ihrer Jahre. Der Alte vermochte eS oft nicht zu fassen, und Thräne auf Thräne glitt über seine dunkeln faltigen Wangen hinab in den eisgrauen Spitzbart. Da ward die Thür des Zimmers, in dem die Familie während der Trancrwoche sich befand, hastig geöffnet, Ignaz stürzte hinaus, an dem Alten vorüber. Lautlosen Schrittes floh er dahin, den Korridor entlang, an dessen entgegengesetzten Ende sein Zimmer sich befand. Kopfschüttelnd blickte der alte Jankel ihm nach, wohl war er nicht cingeweiht in die unglücklichen Vcrhültnisse, die das Her; der ihm so Theuern gebrochen, denn es hatte während der ganzen Zeit geheißen, daß der junge Lewinöki sich auf einer Geschäfsrcise befnnden — doch das Auge der Liebe sieht scharst und der Alte ahnte Manches. Seufzend zog c-1 ein Streichholzschüchtclchcn aus der Tasche seines KaftanS, die erloschene Pfeife auf's Neue zu entzünden. Da vernahm er rasche leichte Schritte die Stiege herauf; ein junger Mann hatte sie überschritten. Auf der obersten Stufe blieb er stehen, nach allen Seiten umherschaucnd; als er den alten Jankel gewahrte, schritt er auf diesen zu und fragte, ob der junge Herr Lewin Ski zu Hause. ״Ignaz LcwinSki?" wiederholte der Alte, indem er die Pfeift aus dem Munde nahm, ״freilich ist er zu Hause, er sitzt ja leider Gottes Schiwoh." (Fortsetzung folgt.).