Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-03-12
- Page
- 167 (sequence 2)
- Language
- German
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Tief erschüttert kehrte Alexander in das Zimmer seiner Schwiegermutter zurück, in der Absicht, im Laufe dcö Tages cS nicht mehr zu verlassen; er konnte sich nicht entschließen, den Uebrigcn die Befürchtung des Arztes mitzutheilen. Frau Lewinski unterhielt sich in heiterster Weise mit ihren Kindern; sie beklagte nur, daß sie vergessen, den Arzt zu fragen, ob sie nicht das Bett verlassen dürfe, sie fühlte sich so frisch, so wohl, aber wenn er gegen Abend seinen Besuch wiederholen würde, da sollten ihre Kinder sie erinnern an diese Frage. Ignaz saß am Bette seiner Mutter und hielt ihre Hand und plauderte anscheinend unbefangen und heiter wie sie selbst. Mit ihr konnte er lachen und scherzen, konnte frei in daS liebevoll auf ihn gerichtete Antlitz blicken, während er dem Blicke des Vaters nicht zu begegnen vermochte. Da die Kranke es wünschte, ward zur Mittagszeit in ihrem Zirnmer der Tisch gedeckt und ihre Familie nahm bei ihr die Mahlzeit ein. Sie fühlte sich so glücklich, alle ihre Lieben wieder beisammen zu sehen, so unaussprechlich glücklich. Gleich nach dem Essen jedoch sielen ihr die Augen zu, und bevor noch das Tischgebet beendet war, lag sie ruhig schlummernd da. Die Anwesenden erhoben sich leise, flüsternd ersuchte Lewinski seinen Schwiegersohn, ihm ins Komtor zu folgen, da er eine GeschästSangelcgenheit mit ihm zu besprechen habe; leisen Schrittes verließen beide das Zimmer, die Geschwister blieben bei der Mutter. Es halte sich im Komtor doch Manches gehäuft; länger als. er beabsichtigt hatte, ward Alexander dort zurückgehalten; er fühlte sich jedoch beruhigt, als er seinen Schwiegervater sagen hörte, er wolle hinauf gehen, sich nach dem.Befinden seiner Frau zu erkundigen. Lewinski entfernte sich; leisen Schrittes stieg er die Stiegen hinan. Als er die obere Etage erreicht hatte und sich eben in das Krankenzimmer begeben wollte^ trat ihm sein Sohn in Straßentoilette entgegen. Der Vater zuckte, als habe er einen Stich in's Herz empfangen. ״Wohin gehst Du?" fragte er hastig und leise. Ignaz murmelte einige unverständliche Worte und niedergeschlagenen Blickes wollte er an dem Vater vorüber. Dieser aber wiederholte seine Frage und ihm selber vielleicht unbewußt legte er seine Hand auf die Schulter des Sohnes. ״Wohin willst Du?" ״Ich habe einen Besuch zu machen," entgegncte Ignaz flüsternd, ״ich bin sehr bald zurück." Abermals wollte er fort, doch die Hand auf seiner Schulter ruhte schwer auf ihm: ohne sich loszureißen, konnte er sich' nicht entfernen. Das Blut stieg ihm in die Schläfen. ״Ich habe einen dringenden Besuch zu machen," flüsterte er, ״meine Ehre ist verpfändet — ich muß —" Der Alte ließ ihn noch immer nicht loS. ״Ich weiß nicht, was Dir als Ehre gilt," entgegnete er leise, ״ich hätte Dich gern geschont — doch da ich Dich in diesem Anzüge sehe — da ich nicht weiß, ob ich Deinem Versprechen, sehr bald zurück zu kommen, Glauben schenken darf — so darf ich Dir'S nicht verschweigen. — Du hast Deine Mutter als gesunde, kräftige Frau verlassen — Du hast sie als — Schwerkranke wieder gefunden. — Der Kummer um den einzigen Sohn hat ihr das Herz nahezu gebrochen. —" Ein schmerzliches Aechzcn entrang sich der Brust des jungen Mannes, der Vater fuhr milder fort: ״Ich wollte Dir hiermit keinen Vorwurf machen, sondern wollte Dir nur mitthcilen, was Du wissen mußt. — Gestern, bevor Du kamst, hatten wir alle Hoffnung aufgcgeben. — Deine Heimkehr hat diese erstaunliche Besserung bewirkt. — Doch wenn Deine Mutter erwachen und Dich nicht an ihrem Bette finden würde —" ״Ich schwöre Dir, ich bin sofort zurück. —״ Der Vater ließ seine Hand von des Sohnes Schulter gleiten. ״Mit Gewalt kann ich Dich nicht zurückhalten, aber ich wiederhole Dir, das Leben Deiner Mutter ist in Deiner Hand." ״Ich bin sofort zurück," wiederholte Ignaz und rannte eiligst die Stiegen hinunter. Seufzend trat Lewinski in das Zimmer seiner Frau. Sie schlummerte noch immer, doch sie erschien ihm wiederum bleicher als vorhin, und das freundliche Lächeln, das vorhin ihre Lippen umspielt, war geschwunden. Noch eine Viertelstunde schlief sie ruhig, dann schlug sie die Augen auf. Ihr Gatte neigte sich über sie und fragte nach ihrem Befinden. ״Mir geht'S gut," entgegncte sie, indem sie den Blick suchend hatte umherschweifen lassen, ״ganz gut — aber wo ist Ignaz?" ״Er hatte einen wichtigen Besuch zu machen, er ist so eben fortgegangcn und wird sehr bald wieder hier sein." .. Die Kranke athmete sehr. ״Glaubst Du sicher, daß er zurückkehrcn wird?" ״Sicher, liebes Kind, ganz sicher." Abermals verstrichen einige Minuten, die Unruhe der Kranken stieg. ״Er kommt nicht," flüsterte sie bebend, ״Du hast mich nur beruhigen wollen — aber er kommt nicht — er ist wieder fort. —״ ״ -Fort!" schrie sie auf und alle ihre Glieder zuckten. Totza, zu Tode erschreckt, stürzte hinaus, den Arzt rufen zu lassen. Lewinski stand noch immer am -Bette und wiederholte unablässig .seine Betheuerung,