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Jeschurun · 1885-03-12 · Heft 11 (12.3.1885) · p. 162

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 11 (12.3.1885)
Article
Kein Kompromiß!
Date
1885-03-12
Page
162 (sequence 2)
Language
German
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162 ■201)110 Israels, zu seinem Verkünder erkoren. Aber ,ms droht die Gefahr, daß wir, unsere Zeit, unsere Binder und Enkel, dem Indcnthnm verloren gehen und von dem ׳שאריה ישראל, von dem willigen Neste Israels, nur ein Brnchthcil übrig bleibt, welcher nicht sahnenslnchtig wird und in unentwegter Treue des heiligen Dienstes waltet, zu welchem alle von einer jüdischen Mutter Geborenen berufen sind. Wahrlich, diese Gefahr besteht nicht in der Einbildung, sie ist wirtlich und wahrhaftig vorhanden. Im Norden und ^üden, im Osten und Westen ist bereits eine Generation herangewachscn, welche theils des jüdischen HeiligthnmS spottet, theils gar keine Kunde von ihm hat; diesseits und jenseits des Ozeans predigt eine Psassensehaar unaufhörlich das Evangelium der Lüge, fälscht die Wahrheit, betrügt die Gemeinde; und eine leichtfertige Presse unterstützt dieses Werk des VcrrathS, und eine sich in das Gewand der Wissenschaft kleidende, mit einer vermeintlichen Gelehrsamkeit prunkende Literatur hilft getreulich die Gemüther zu verwirren, die Begriffe zu fälschen und den Abfall vom Judenthum zu fördern. Andererseits aber giebt man nur allzuoft und allzusehr der matthcrzigen Anschauung Raum, daß man den Strom der Zeit nun einmal leider nicht aufzuhalten vermöge und deshalb zu retten habe, was von dem bereits als gestrandet betrachteten Indcnthnm noch zu bergen sei. Freilich seien es nur Trümmer, aber etwas fei doch besser als gar nichts. Und um dieses Etwas zu erhalten, giebt man das Ganze preis. Oder aber, man glaubt durch eine dem Vogel Strauß abgclauschte Taktik der Gefahr zu begegnen. ״Reden wir nicht von dem Abfall, von dem Verrath", heißt eS, ״reden wir von der Treue. So lange der Jude nicht formell zu einer anderen Religion über-- getreten ist, so lange ist er ein überzeugungstreuer Jude. Wir haben mit ihm das monotheistische GlaubeSbekeiiutniß und die Morallehre gemein; er hat auch eine gewillt Pietät für die ruhmwürdtgc jüdische Ver^ gangenheit sich bewahrt und die Beobachtungen deS Jom- Kippur nicht ganz vergessen; also stellen wir unS auf diesen gemeinsamen Boden und schließen die religiösen Differenzpunkte von unserer gemeinsamen Diskusssion auS." Armes Volk! Wohin Du dich wendest, Wahrheit findest Du selten; auf der einen Seite die Lüge des* Treubruchs, auf der andern Seite die Unwahrheit verzagter Unentschlossenheit und mit dem Abfall paklirender Furcht. Da hörst Dn die neueste Offenbannig Deiner falschen Propheten und den feigen Rath unmäuulicheu Kleinmnths. ״Das Iudcnthum bedarf einer Wiedergeburt im Geiste der Aufklärung unter dem Strahle der Sonne eines zeitgemäßen Fortschritts; die Hüllen eines starren Gesetzes müssen fallen, das Wesen der reinen Moral und gelauterten Crkenntniß gelaugt daun um so lebenSfrischcr zur Geltung" — mit solchen Phrasen wandern Schulchan-Arnch, Talmud und ein großer Theil des Pentateuch in die Rumpelkammer werthloser Scharteken. ״Bewahre! Nichts ausgeben; aber dem religiösen Bedürfniß der sögenannten Neugläubigcn Rechnung tragen, welche in ihrer Eigenart auch Rechte haben; deshalb neben dem Hergebrachten auch ein feierlicher Sonntags-Gottesdienst für die Neugläubigen" — und damit vorläufig der erste Schritt zur gänzlichen Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag. ״Lasset uns die streitigen Fragen nicht berühren; berathen wir gemeinsam über die Hebung des religiösen Sinnes und den Religionsunterricht; mag daun ein jeder in seinem Geiste wirken; wir konstatiren doch die Einheit des heutigen Israels, — ein nicht zu unterschätzender Triumph in dem Drange und der Noth der Zeit" — und das Volk weidet sich an dem Schauspiele, daß die Vertreter aller Parteien friedlich und kollegialisch in einträchtiger Harmonie über das Gedeihen der religiösen Zustande zusammentagen. Neolog oder orthodox, alles ist gleich, es ist eben Geschmacksache, ob man das Judenthum nach der alten oder modernen Weise bekennt. Der nicht koscher speisende Herr Doktor ist so gut Vcrtrcter und Lehrer des Judenthums, wie der streng gewisscnhaft alle Ge- und Verbote beachtende Herr Doktor. Täusche man sich doch nicht. Die ״Reform" hat lange genug gelebt, als daß man sich noch über die Konsequenzen einer schwächlichen Haltung ihr gegenüber in Zweifel befinden könnte. Wem es wahrhaft ernst ist, sich und seine Kinder und Enkel dem Judenthum zu erhalten, der sei ein ganzer Jude, der verhandle nicht mit dem Abfall. Er beklage die Brüder, welche dem GotteSgesetze den Rücken wenden, er bedanre ohne Haß und Groll die Verblendeten, welche sich ihres Schmuckes entledigen und dem Nichtigen nachwandeln, aber er gebe ihrem Wahne und Jrrthnme zu Liebe kein Jota von der WahrheiS preis. Glaubt man denn im Ernste, sie und sich und die Seinen dem Indcnthnm durch solche Transaktionen erhalten zu können? Die Acltcren werden theilweise vielleicht noch durch die Eindrücke der frühesten Jugendzeit 'und das Beispiel frommer Eltern vor gänzlicher Entfremdung bewahrt; welche Eindrücke, welches Beispiel sotten aber der!״.: Kinder und Enkel vor dem Untergang schützen? Darum fürchtet nicht den Spott und den Hohn der irregcgangcnen Brüder, die euch intolerant, fanatisch, stabil, einseitig u. s. w. schelten; bleibt fest und unentwegt bei der Fahne des HeiligthumS und weiht ihm euch und eure Kinder in ganzer Treue und unverbrüchlichem Gehorsam. Nur so erhaltet ihr euch und eure Kinder dem Judenthum. —

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