Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1885)
- Article
- Professor Dr. Grätz' Psalmbuch [Rezension]
- Date
- 1885-03-05
- Page
- 153 (sequence 1)
- Language
- German
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10 Jeschnrnn. 153 Prsftjsgr vr. Kriitz' Uillinlüch. Von Or. Klein (Paris). Dieses Buch, betitelt: ..Kritischer Kommentar zu den Psalmen, nebst Text und Uebersetz ung," deutet von vornherein an. daß es nicht für die innerhalb der Grenzen der Ueberlicsernng sich haltenden, beschränkten Köpfe geschaffen ist. Es ist vielmehr an die Aufgeklärten gerichtet, die, wenn cs nöthig! ist, cs verstehen, den überlieferten Text zu verbessern und die dunklen Stellen durch stilistische, sich durch größere Deutlichkeit auszcichneude Meisterwerke zu ersetzen. Obwohl auch wir einen Thcil der fraglichen geistig Schwachen bilden, dachten wir doch, daß ein wenig Deutlichkeit unö nichts schaden könnte, und daß Herr Vr. Grätz, der berühmte Geschichtsschreiber, wohl im Stande wäre, sich selbst uns verständlich zu machen, wenn er seinem Kommentar und seinen Verbesserungen wirkliche Beweise und unbestreitbare Tatsachen zu Grunde legen würde. Der Geschichtsschreiber, dachten wir, gleicht dem Arzt in der Hinsicht, daß er nur den wirklichen Bestand der Thatsachen erkennt, und daß er sich nicht blind den launenhaften Einfällen der Vcrmuthnng überläßt. Wir erkannten gar bald nuferen Jrrthnm. Unser beschränkter Verstand sicht ein. daß er unfähig ist, die Arbeit des Herrn Or. Grätz zu bewundern, in welcher dieser erhabene Kopf seine Geschicklichkeit zeigt in der Verbindung von Abänderungen des Textes mit den gewagtesten Erfindungen über die Geschichte des jüdischen Volkes. Wir möchten z. B. gerne wissen, .auf welchen geschichtlichen Beweis seine Schöpfung einer Sekte von Anavitcn fußt. Begnügt er sich mit der häufig wicderkchrenden Anwendung des WorteS: Auavim (d. h. die Bescheidenen), dann könnte er mit demselben Rechte, unserer Ansicht nach, auch eine Sekte von „Bösen", einen „Kreis der Spötter" n. dgl. m. erfinden. Der Laune seiner Einbildung folgend, könnte er ebensowohl ans seinen Anavitcn eine Art „Orden" machen, der Moses als seinem Großmeister folgte, da dieser ja (Num. XII, 3) als der größte Anavite (d. h. als der bescheidenste Mensch) auf Erden bezeichnet wird. Und hätte der Verfasser nicht willkürlich zwei Worte in Ps. XVIII ausgelassen, so hätte er diesen Stand von Gott selbst schaffen lassen können, da eben diese beiden Wörter den Anavismus (d. h. die Sanstmuth) Gottes besingen. Diese Sekte von Anavitcn, die im Gehirn des Herrn Verfassers entstanden ist, hat, seiner Ansicht zufolge, das größte Kontingent zu den Verfassern der Psalmen gestellt. Durch einen außerordentlichen Anfall liefert er hier den Beweis für seine Behauptung, welcher vielleicht für die großen Köpfe, an die sich der Herr Professor richtet, von Werth ist, unserem schwachen Verstand jedoch sehr wunderlich erscheint. „Die Psalmen," sagt cr, „sind von den Anavitcn versaßt worden, weil sic nur Trostsprüchc für die Armen, die Enterbten und die Leidenden enthalten, und weil sic nur diesen eine bessere Ankunft in Aussicht stellen." Wir hielten cS immer für natürlich, nur den Leidenden -Trost zu spenden und Hoffnung einzuflößen, und wir würden cs B. uns nie einfallen lassen, einem Gesunden „gute Besserung" zu wünschen. Aber er geht noch weiter; wenn cr nicht nach der Geschichte fragt, um neue Dinge hinzuzufnacn, so verschmäht cr sie ebenso, wenn cs gilt, ihr zu widersprechen. Seine Anavitcn sind Leviten, welche von den Priestern ernährt werden, und diese strafen sic oft durch Entziehung des Lebensunterhalts. Die Sache ist jedoch ausdrücklich folgende. Die Priester hatten Niemandem etwas zu geben, und die Leviten, weit entfernt, von ihnen ernährt zu werden, gaben ihnen einen Thcil des Zehnten, den das Volk ihnen direkt Leistete. Es war daher für die Leviten leichter, den Priestern die Lebensmittel zu nehmen, als von diesen, derselben beraubt zu werden. Die geschichtlichen Fähigkeiten des Herrn Verfassers entgehen uns also vollständig. Betrachten wir nun seine exegetischen Kenntnisse. Ein Werk nach seiner eigenen Art und Weise zu übersetzen, indem man Stellen, die man nicht versteht, ansläßt, und diejenigen, bei denen dies unmöglich ist, durch Phantasiegebilde ersetzt, eine solche Arbeit bäucht uns nicht eben schwer. Unter diesen Bedingungen möchten wir wohl, ohne, wie der Herr Professor, gelehrt zu sein, übersetzen, was man auch immer wolle. Aber was uns am meisten befremdet, ist, daß der Herausgeber nicht cinmal die leichtesten Stellen versteht und die klarsten Gedanken und die geschmackvollsten Sätze nnstrer Psalmen durch erstaunliche Worte und unkorrekte Phrasen ersetzt. Folgendes sind einige Beispiele dieser sonderbaren Auslegung. Um zu beweisen, daß der Titel „Psalm von David" nicht genau ist, zeigt uns Or. Grätz den Schlußvers des 72. Psalms, den er übersetzt: „Zu Ende sind die Lobgcsange David's." Daraus folgert er, daß die späteren Psalmen, auch die in ihrer Ueberschrift dem David zugcschricbcncn, nicht von ihm kommen können Alle Kommentatoren stimmen darin überein, daß der Schlnßvcrs desPsalm 72 ein Thcil des Psalms selbst ist. Nachdem nämlich der königliche Psalmist die glänzendeZukunft, die seinen Nachfolgern bevorstcht, geschildert, sagt er, daß der göttliche Ruhm die ganze Welt erfüllen wird, und daß dann alle seine Gebete volle Verwirklichung gesunden haben werden. Man ersieht hieraus, daß nichts ihn hindern konnte, nach -lcsem Satze weitere Psalmen zu verfassen, namentlich