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Jeschurun · 1885-02-26 · Heft 9 (26.2.1885) · p. 138

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 9 (26.2.1885)
Article
Können die israelitischen Kultusgemeinden Mährens zur Bestellung eines Rabbiners angehalten werden?
Date
1885-02-26
Page
138 (sequence 2)
Language
German
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138 weil es selbstverständlich ist, daß nicht die Laune und das eigene Gutdünken an Stelle deS konkreten jüdischen Religionsgesetzes treten kann, so zwar, daß es im Belieben der Gemeinde oder ihrer Verwaltung läge, anstatt der Pstege der durch dieses Gesetz nothwendig gcinachtcn Erfordernisse sich ein anderes Ziel zu setzen. ״Zeitgeistigcr Fortschritt", ״geistige Belebung", ״moratische Interessen" sind an und für sich keineswegs konkrete Begriffe, um daraus hin einen Gemeindeverband zu gründen, namentlich wenn diese vermeintlichen Potenzen im Gegensatz zu dem ganz bestimmten Grundgesetze des Verbandes stehen, das als ״unhaltbare Observanz" proklamirt wird. Wenn der Znaimer Kultusvorstand deshalb!virklich seinen Wiener Anwalt zu der Begründung der Beschwerde und zu der Be- Häuptling, daß das Institut des Rabbinats im Judenthum erst seit etwa 250 Jahren existire, autorisirt haben sollte, so hätte er seine totale Unfähigkeit und Unkcnntniß für die Verwaltung einer israelitischen KultuSgcmeinde unzweideutig dokumentirt. Ob in Znaim ein eigener Rabbiner erforderlich ist, entzieht sich unserer Beurtheilung, und wenn dem dortigen Vorstand ein kompetentes Urtheil zuzutrauen sein sollte, so würde gewiß nicht an seiner Zuständigfeit gczwcifelt werden können. Das Urtheil des VerwaltungSgcrichtShoss erscheint unS aber durchaus angemessen. Die Negierung ist nicht im Stande und nicht berufen, in innere religiöse Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden einzugrcifen. Ein derartiges Vorgehen würde niemals auf die Dauer zum Segen gereichen. Mögen die Israeliten selbst ihre heiligsten Interessen wahren. Vernachlässigen sic ihre Pflicht, so versündigen sic sich gegen Gott. Wir fürchten jedoch, daß in nicht allzuweiter Ferne die Autonomie der Gemcindcn gewaltig in die Brüche gehen wird, und es sollten alle Kultusgemeinden ausnahmslos dafür einstehen, daß die Gemeindcfreiheit ebenso wenig verkümmert werde, wie die individuelle Gewissensfreiheit. Korrespoudcllzcll und Nlillirichtcil. Deutschland. * Berlin, l 7. Februar. Der Neustc.ttiuer Synagogenbrand-Prozeß hat, — so schreibt die ״VolkSzeitnng", — noch ein Nachspiel gehabt! Es hatte nämlich gleich nach Schluß der Konitzer SchwnrgerichtSverhandlungen eine Anzahl der in dem Prozeß ausgetretenen diesscitigeu Zeugen, sich im Instanzenwege über Unregel- Mäßigkeiten, welche in der Voruntersuchung - Hauptsächlich soll cs sich hier um die Thätigkcit deS mit Klarlegung der Angelegenheit betraut gewesenen Berliner Kriminalbeamten gehandelt haben. — wie bei der Hauptverhandlung in Könitz vorgctommen sein sollen, beschwert und um Wiederaufnahme des Verfahrens gebeten. Im Aufträge der bcthciligtcn Minister (Justiz und Inneren) hat die betrcfsendc Vorstellung nunmehr — also ״ach Ablauf fast eines Jahres — durch einen Bescheid des OberlandeSgerichtspräsidenten von Marienwerder dahin ihre Erledigung gefunden, daß nach den behördlicherseits in der Sache angestclltcn Ermittelungen sich kein Anhalt für die Stichhaltigkeit der in der Beschwcrdcschrift angeführten Momente ergeben hat. -a- Berlin, 22. Februar. Freitag Abend in Tivoli das große Triumvirat Stöcker-Wagner-Cremer; Sonnabend Vormittag im Parlamente das große Triumvirat Stöcker-Wagner-Cremer! Werden Sie nicht unwillig — ich will nicht den alten aufgcwärmten Kohl Ihnen noch einmal aufgcwärmt serviren. Die Herren haben einmal etwas Kienes gebracht — das ist die große Seltenheit, welche der Erwähnung werth ist. Freilich war sic nur neu am Freitag Abend im Munde des Meisters, der Schüler stammelte am Sonnabend nur dessen Weisheit nach. Herr Stöcker sagte in der Tivolibrauerci: ״unser Kampf gilt nicht dem Indenthum als religiöser Macht, nicht den ei::׳ zelnen bescheidenen, ehrlichen Juden, sondern dem ausbeutcrischen, unbescheidenen Jndcnthum, welches überall eine Uebermacht erstrebt, die ihm nicht zukommt." Herr Wagner sprach von der Parlamentstribüne: ״die antisemitische Tendenz des Herrn Stöcker, die auch ich vertrete, richtet sich nicht gegen das jüdische Bekcnntniß, sondern nur gegen die schlechten, wirthschaftlicheu und sozialen Taktiken, die sich leider in überwiegender Mehrzahl bei den Leuten finden." Beide aber polemisirtcn mit Herren von Schorlemcr- Alst, Windhorst, Richter, Virchow, Zelle n. a. m., welche keine Juden sind. Doch darüber wollte ich heute mit diesen beiden Vorkämpfen der ״Toleranz", die sich Antisemitismus nennt, nicht rechten, auch nicht darüber, daß der Fortschritt als die Magd deS JudenthumS von ihnen fortwährend dargestcllt wird — ״wie das Jndcnthum pfeift, so tanzt der Fortschritt" sprach Herr Stöcker geschmackvoll und wahr zu seiner zweitausendköpfigen Gemeinde im Tivoli — ich möchte ein ernstes Wort an diese Herren richten. Sie wollen ihren Antisemitismus auf die vermeintlichen Auswüchse der Iudcnschaft beschränkt haben, mtu wohl, da haben sie einen treuen Bundesgenossen an uns Juden. Auch wir hassen die Ausbeutung der Noth, die Frechheit, die Schlechtigkeit gleichviel ob sie bei Bckennern des Christenthnms, Judenthnnnz oder Islams angetroffen werden. Wir legen aber förmlichen Protest ein gegen die Belehnung der Ausbeutung, der Frechheit, der Schlechtigfeit und Hinterlist mit dem Namen Judenthum.

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