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Jeschurun · 1885-02-26 · Heft 9 (26.2.1885) · p. 136

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 9 (26.2.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-02-26
Page
136 (sequence 3)
Language
German
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136 er nach feinem Hute griff und sich hastig empfahl. : Hcrzkow blickte ihm sinnend nach. ״Ich habe mein Wort gegeben, hoffentlich werde ich es halten können. — Er hätte freilich schon gestern hier sein sollen — vielleicht ist er auch bereits gej kommen — nun mit St.... hat er ans morgen Bormittag ein Rendezvous, zu dem wird er sicher nicht fehlen." Ignaz Lewinski hatte sich in der That durch seine Zuverlässigkeit die Achtung der Führer seiner Partei in seltenem Grade erworben. Seine elegante, überaus harmlose Erscheinung, verbunden mit seiner schrankenlosen Ergebung denen gegenüber, die er als Netter der Gesellschaft betrachtete, eigneten ihn ganz besonders, selbst die penibelsten Aufträge zu vollführen. Seit Monaten war er bereits in verschiedenartiger Weise im Aufträge des Exekutiv-Komitees thätig, er hatte jeden Auftrag auf's Pünktlichste vollbracht, ohne auch nur ein einziges Mal mit der Polizei in Berührung gekommen zu sein. Es war in den Morgenstunden des folgenden TagcS. Auf der Straße, die nach W.... führte, rollte ein einfacher Leiterwagen dahin. Außer dem Nosselcnkcr befand sich noch ein junger Mann in demselben. Er hatte sich in den Pelzrock fest eingewickelt, die mit Pelz verbrämte Kappe über die Ohren gezogen, denn obgleich der Winter beinahe vorüber, waren dic- Felder rings umher noch mit Schnee bedeckt, und ein scharfer Nordwind blies den Reisenden gerade in'S Gesicht. Dem jungen Mann im Leiterwagen schien das jedoch durchaus nicht zu geuiren, frisch und wohlgemuth blickte er hinaits auf die schneebedeckte Landschaft, die im Glan; der Morgensonne schimmerte. Sie hatten die Stadt beinahe erreicht, als der junge Mann sich erhob und mit den Worten: ״Dank, guter Freund, jetzt werde ich mein Palais schon zu Fuß erreichen," sprang er leicht und gewandt von dem Wagen, der ohne anzuhalten, weiter gerollt war. Der junge Mann blieb einen Augenblick stehen, drückte die Kappe, dic durch den Sprung sich gelockert haben mochte, fester in die Stirn und schritt mit raschen, festen Schritten weiter. Er hatte die Stadt bald erreicht, wandte sich dann feitswürts einer der engen Gassen zu und stand nun vor einem kleinen, einstöckigen Haufe, in das er eintrat.. Ein altes Mütterchen bewillkommte ihn freundlich und schloß ihm das Zimmer aus, das er von ihr gemiethet hatte. ״Es ist aber kalt drinnen, Ignaz Abramowitsch, seit acht Tagen ist dort nicht geheizt worden, und heute ist'S frisch. Es wäre am besten, Sie trinken Ihren Samowar in meinem Zimmer, während ich in dem Ihren das Feuer unzünde." Der junge Mann war einverstanden. ״Mise und vorsichtig wie immer, Anna Pautowna," entgcgncte er, indem er lächelnd ihr zunickte. ״Ich will nur meinen Pelzrock hier ablegen, und dann kommc ich hinüber. Ist während meiner Abwesenheit nichts für mich gekommen?" ״Doch, doch, Ignaz Abramowitsch, mehrere Briefe und Zeitungen sind gekommen, dort ans dem Schreibtisch finden Sie alles. Aber nehmen Sie'S mit hinüber zn mir, hier ist eS zu kalt." ״Schon recht, Anna Paulowna, ich komme sogleich, muß mir's nur zuvor ein bischen leichter machen." Während die Alte uteberfauerte, das Feuer zu entzünden, entledigte sich Lewinski der schweren Oberkleider, griff dann nach den Briefschaften und Acitungen, die auf dem Tische lagen, und folgte seiner freundlichen Hauswirthin in ihr gegenüber liegendes Zimmer. ״Ach, hier ist's freilich behaglicher als drüben, hier thaut man aus." ״Setzen Sie sich dort in den Lehnsessel, Ignaz Abramowitsch, ich bringe Ihnen sogleich Ihren Thee und Zubehör." ״Schon gut, Anna Paulowna, mir eilt es nicht, ich lese indessen meine Briefe." Er entfaltete einen nach dem andern und laS, während die Alte den Tisch ordnete und von Zeit zu Zeit einen cigenthümlich mitleidig lauernden Blick auf den jungen Mann warf. ״Lassen Sie das Lesen," sprach sie endlich, ״trinken Sic vor allem eine Tasse Thee, ich wette darauf. Sie haben heute noch keinen getrunken." ״Die Wette hätten Sie freilich gewonnen," entgegnete der junge Mann, indem er ihrem Rathe folgend den warmen Trank schlürfte, und auch dem übrigen Theil des Frühstücks volle Gerechtigkeit widerfahren ließ. Die Alte hatte ihre Freude an seinem trefflichen Appetit. Als er jedoch gesättigt schien und wieder nach seinen Briefen langte, trat seine gutmüthige HauSwirthin näher an ihn heran. ״Ignaz Abramowitsch," begann sie und ihre sonst so ruhige Stimme vibrirte leicht, ״heute Morgen, eine Viertelstunde vor Ihrer Aukunst ist Paul NikoLaijwitsch hier gewesen. —״ ״Herzkow?" fragte LewinSki, ״was hat er wollen?" Die Alte antwortete nicht sogleich, ihr Auge suchte dic Zeitungen, die an der andern Seite des Tisches lagen.. ״Er hat eine Zeitung gebracht — das heutige .... Blatt — er fyat mich beauftragt, darauf zu sehen, daß Sie eS lesen, Ignaz Abramowitsch." ״So? was steht denn darin? — das muß ich doch vor Allem sehen — wo ist es?" .. (Fortsetzung folgt.)

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