Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-02-26
- Page
- 135 (sequence 2)
- Language
- German
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185 ״Ich muß Ihnen doch bemerken," fiel Herzkow ' ein, ״daß ich diese Unterredung zu solch' ungehöriger ' Stunde nicht bewilligt habe, um Vorwürfe entgegen! zu nehmen. — Wenn Sie mir nichts Anderes mit-! zutheilen haben, so —" er stand auf. Alexander preßte die Hand an die Stirn, er sah ein, daß er sich mäßigen müsse, wollte er auf irgend einen Erfolg hoffen. ״Verzeihen Sie meine rücksichtslosen Worte," bat er, ״meine Erregung hat mich übcrmannt. — Doch wenn Sie, wie, ich. die Verzweiflung der Eltern gesehen, seit Monaten Zeuge gewesen wären dcS Schmerzes, der an ihrem Herzen naht. — Sie würden meine Errcgung begreislich finden — würden den allerdings unpassenden Ausbruch derselben verzeihen. — Ich hoffe, Sie zürnen mir nicht mehr." ״Durchaus nicht, ich achte sogar das Gefühl, das Ihre Erregtheit hervorgerufcn — indessen —" ״Sagen Sie mir, wo der junge ׳LewinSki sich befindet," fiel Alexander bittend ein. Herzkow zuckte abermals die Achseln. ״Ich kann nur wiederholen, daß ich zu meinem ausrichtigen Bedauern nicht in der Lage bin, Ihrem Wunsche zu entsprechen." Alexander blickte ihn angstvoll an. ״Sie selbst kennen seinen Aufenthaltsort nicht?" Ein uochnialiges Achselzucken war die einzige Antwort. ״Sie kennen ihn nicht?" wiederholte Alexander dringend. ״Ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist — bei dem Leben Ihrer Mutter, um daß ich Sie vorhin erbleichen sah — lassen Sie die Mutter Ihres Freundes nicht in dieser ungestillten Sehnsucht sterben. — Verdoppeln Sie nicht die GcwisscnSqualen Ihres Freundes, die er dereinst empfinden wird, wenn er erfährt, daß seine Mutter in Verzweiflung um ihn verschieden. — Sagen Sie mir, wo ich meinen Schwager finde!" ״Ich kann es nicht, versetzte Herzkow fest. ״Sie können cS nicht?" loderte Alexander auf ״das heißt. Sie wollen nicht, Sie —" Doch er bczwang sich, er drängte mit Gewalt die wilden Worte zurück, die über die Lippen ihm sprudeln wollten. ״Ich achte die Uebcrzeugung eines Jeden — selbst wenn ich mit derselben nicht sympathisiren kann," fuhr er nach Mäßigung ringend fort, ״ich weiß, daß nicht persönliche Motive Sie veranlaßt haben, den jungen Mann seinen Angehörigen zu entreißen. — Doch Sie haben eine der glücklichsten Familien zur unglücklichsten gemacht — haben einer der edelsten Frauen das Herz gebrochen. — Und dennoch — geben Sie der stcrbenden Mutter den Sohn zurück und wir werden Sie segnen, als waren Sie unser größter Wohlthäter. — Wo kann ich meinen Schwager juchen?" ״Lieber Herr Roscuftld," erwiderte Herzkow mitleidig lächelnd, ״ich kann nur wiederholen, daß ich es Ihnen nicht sagen kann." ״Sie können eS mir nicht sagen," wiederholte Alexander, mit seltsam heiserer Stimme, seine Errcgung drohte ihn aus'S Neue zu übermannen, ״so muß die arme Mutter in ungestillter Sehnsucht trostlos vergehen? — Doch waS kümmert das Sic? was kümmert Sic Familicnuuglück und gebrochene Herzen? Vernichtung ist Ihre Devise, Verderben Ihr Thun, Blut Ihre Bahn — und damit wähnen Sie das Volk zu beglücken." Er lachte grell aus. ״Sie und Ihresgleichen. O!" ״Ihre Vorwürfe treffen mich nicht," cutgcgnete Herzkow, allmählig wärmer werdend, ״und wenn ich auch mit jenen, denen sic gelten, aus vollem Herzen sympathisire, noch gehöre ich nicht zu ihnen. Doch um Ihnen zu beweisen, daß wir keine Ungeheuer sind, denen Fannlicnuuglück und gebrochene Mutterherzen gleichgültig — ich will Ihnen einen Rath ertheilen. Lassen Sie in der morgen erscheinenden stummer des .... Vattcs eine Aufforderung an Ihren Schwager cinrücken." ״Wir haben Wochen hindurch, Tag für Tag, in den meist gelesenen Blättern ihn umsonst aufgesordert." ״Vielleicht sind jene Blätter ihm nicht einmal zu Gesicht gekommen, vielleicht oder vielmehr sicherlich haben Sie ihn in demselben nicht aufgcfordert, zu seiner sterbenden Mutter zu eilen. — Und das ist eS grade, was ich Ihnen rat-he. Lassen Sie eine derartige Annonce in das morgen früh erscheinende Blatt einrücken und ich verspreche Ihnen, Ihr Schwager wird sie lesen." ״Das morgen früh erscheinende Blatt ist entweder schon gedruckt oder wird vielleicht im Laufe der Rächt gedruckt — kciueufalls wird es möglich sein, eine Aufforderung in demselben erscheinen zu lassen." Herzkow zog sein Portseuille aus der Tasche, nahm eine Karte heraus und schrieb einige Worte darauf. ״Die Redaktion des Blattes ist mir befreundet, übergeben Sic dort diese Karte, und ich stehe Ihnen dafür, trotz der vorgerückten Stunde wird Ihre Annonce noch ausgenommen." ״Und Lewiuski wird sie lesen?" ״Ich gebe Ihnen mein Wort darauf." ״Ich danke Ihnen," crwiedcrte Alexander, indem er die Karte nahm, ״wenn er darauf kommt —״ ״Das habe ich nicht versprochen, und kann eS nicht versprechen — aber Sie haben es in der Hand, Ihre Aufforderung so zu fassen, daß dieselbe Ihrer persönlichen Begegnung gleich kommt. — Doch nun eilen Sie." ״Ich danke Ihnen," entgegnete Alexander, indem