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Jeschurun · 1885-02-26 · Heft 9 (26.2.1885) · p. 133

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 9 (26.2.1885)
Article
Die "Alliance israélite universelle"
Date
1885-02-26
Page
133 (sequence 5)
Language
German
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rcgung, welche die Alliance gewährt, um dieses Bewußtsein zu beleben und zu wecken, zählt nicht zu ihren geringsten Verdiensten. Der Antisemitismus uni Philosophen. (Fortsetzung.) Wir beabsichtigen jedoch keineswegs, durch diesen indirekten Einwand uns der Erörterung deS Problems zu entziehen; Herr Hart mann möchte sonst unserem ..dialektischen Mittel der Diskussion" in seiner gewohnten gerechten Weise eine schlechte Note ausstellen. Wir wollen rückhaltslos in die von ihm aufgeworfene Frage von dem Verhältniß des jüdischen Stammesbewußtseins zum deutschen Nationalgcfühl eiutrctcn. Der Philosoph Hartmaun greift nach unserer bescheidcnen uuphilosophischcn Meinung zu dem eben nicht seltenen dialektischen Mittel der ungeheuerlichsten Uebertrcibnng, um einen Konflikt zwischen dem jüdischen Stammesbewußtsein und dem deutschen Nationalgcfühl heraufzubeschwören und fährt in derselben Manier alsdann fort, aus diesem vermeintlich schreienden Gegensatz sich gegenseitig aufhebcuder Potenzen die Existenz der einen in der jüdischen Brust zu leugnen, um sodann als Kanon zu verkünden: jüdisches Stammes-' bcwußtsein und deutsches Nationalgefühl können unmöglich neben einander bestehen; wo deren Vorhandensein vorgegeben wird, da übt man bewußte Lüge und berechnende Heuchelei; — da also der Jude, der ein jüdisches Stammesbewußtseiu noch konscrvirt, kein dcutsches Nationalgefühl hegen kann, ohne ein solches aber er nicht als Deutscher zu betrachten ist, so ist er kein Deutscher; — einem Nichtdeutscheu braucht man aber nur ein Almosen großmüthig zu gewähren, .insofern cs Einem paßt und man Lust dazu hat; verlangt er aber ein solches, so ist er unverschämt, beansprucht er gar gleiche Rechte wie der Inländer, so ist er frech und verdient den vollen Haß und die ungcmessenste Feindschaft seiner Wirthe. — Wir haben hierauf zunächst zu erwidern, daß dem' Nationalgefühl nicht eine so alleinige und ausschließliche Herrschaft zusteht, wie Hartmann hier seinem Antiscmitismus zu Liebe den Juden gegenüber behauptet. Hartmann!nacht aus diesem sanften beglückenden und erhebenden Gefühl einen Dämon, der in teuflischem Behagen mit gewaltigem Hammer jeden Nebenbuhler zermalmt; Elternliebe, Kindesliebe, Gattenliebe, Bruderliebe, Stammesliebe. Deutschland ist doch nicht Sparta, und die Deutschen sind doch keine rohen Spartiatcn, daß das deutsche Nationalgcfühl nach spartanischem Modell sich zu gestalten HLtte. Das menschliche Herz ist nicht so eng und arm, daß cs nur eines Gefühls fähig wäre, daß cS nicht Raum böte für die hingebendste Familien- und Stammcsliebe neben dem hingebendsten Nationalgcfühl. Nach Hartmann wäre der zärtliche Vater, Gatte, Sohn und Bruder, der barmherzige Mensch ein schlechter Patriot und von den Rechten eines Bürgers ausgeschlossen wegen seiner Liebe zu. seinem Kinde, seinem Weibe, seiucm Vater, seinen! Bruder, seinem Mitmenschen. Nach ihm gäbe cs überhaupt keine Menschen, sondern nur Franzosen, Deutsche, Russen u. s. w., deren Aufgabe cS nicht wäre, sich gegenseitig zu achten und zu lieben, sondern deren Nationalgefühl sich einander zu befehden heischte. DaS Hartmann'sche Nationalgefühl vernichtet Kultur und Humanität und beschwört die sinsterc Nacht der Barbarei über die Menschheit herauf. Das Hartmann'sche Nationalgefühl׳ duldet nicht nur keinen Juden, sondern auch keinen Christen, denn auch das Ehristenthum lehrt Gott als Vater aller Menschen und die Menschen als Brüder, Söhne dieses einen Vaters. Der deutsche Christ, welcher in dem sranzösischen Christen seinen Bruder und Glaubensgenossen liebt, wäre nach Hartmann'scher Lehre kein Deutscher und deshalb des deiltschen Bürgerrechts verlustig. Er propouirle diesem deutschen Christen ebenfalls sein probates ״Experiment" und spräche: Hier stehen zwei glcichwürdige Bedürftige, Du aber vermagst nur Einem zu helfen. Der Eine ist ein französischer Christ, der Andere ein jüdischer Deutscher; wem reichst Du deine Gabe? - Antwortete alsdann der deutsche Christ: Die hier stehenden Bedürftigen haben beide Anspruch an meine Liebe; ich erachte sie beide als meine Brüder und möchte wahrlich ihnen beiden gern meine Spende reichen; ich habe aber nur einen Pfennig, der nicht zu thcilen ist, ich kann deshalb nur Einem diesen Pfennig geben; der nicht meine Sprache redende, aber meinen Glauben bekennende Bruder scheint mir einen größeren Anspruch an diesen Pfennig zu haben, eben weil er in diesem Lande fremd ist und in diesem Augenblicke mich als seinen Nächsten in diesem fremden Lande betrachten muß, weil ich sein Glaubensbruder bin; der deutsche Jude aber findet hier unter den übrigen deutschen Brüdern gewiß leichter einen treuen Bruder, der ihm eineu Pfennig.reicht, als dieser fremde Mcnschenbrndcr, dem ich als Glanbensbrnder hier der Nächste bin; ich glaube deshalb, ihn! den Pfennig reichen zu sollen — dann donnerte das Hartmann'sche Verdammungsnrthcil: du Christ, bist kein Deutscher; das christliche ..Solidaritätsgefühl" hat bei dir ״den Sieg über das nationale davongetragen" und ״die unabweislichc Schlußfolgerung" ist, daß du keine Rechte auf das deutsche Bnrgerthnm hast. Würde dann der Christ hoch und heilig versichern, daß er unbeschadet seines christlichen SolidaritätsgesnhlS dennoch sich als

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