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Jeschurun · 1885-02-19 · Heft 8 (19.2.1885) · p. 120

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 8 (19.2.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-02-19
Page
120 (sequence 3)
Language
German
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120 iiachgereisl; der Söhn hatte vermnthlich auf einer Zwischenstation die Bahn verlassen, der Vater hatte ihn nicht getroffen. — Er hatte sich an den bereits mehrfach erwähnten Freund seines Sohnes, den Er׳-;!eher des jungen (rrafen Orlvfski, gewendet, ihn i inständigst gebeten, (1)111 den Ansen thalloort seines ׳ Lohnes mitzntheilcn - - er hatte leine Antwort erhalten.! In den meist verbreiteten Tagcsblättern hatte er unter j den Initialen seines Lohnes an diesen die Aufforderung j erlassen, znrückznkchren zu seinen trostlosen Eltern,! die allc-S vergeben und vergessen wollten — ihnen j wenigstens den Ort seines Aufenthaltes bekannt zu; geben. — Wochenlang konnte man tagtäglich in den! verschiedensten Blattern diese Aufforderung lesen — sic i war erfolglos geblieben. — ן Der alte Lew in Ski schien wie gebrochen, jetzt erst! schien er in Wirklichkeit alt. Leine bis vor Kurzem noch so stramme, aufrechte Haltung war gebeugt, Kopf- und Barlhaar war vollständig weiß geworden, die Mutter aber hatte die Verirrung des Sohnes aufs Krankenlager geworfen, wie ein Wurm nagte es an ihrem Herzen — der Arzt hatte die Angehörigen bereits daraus vorbereitet; kounte diese unablässige Sehnsucht nach ihrem mißleiteten Kinde, ihrem einzigen Sohne, nicht baldigst gestillt werden, so war sie verloren. In dem ehemals so glücklichen, heiteren Kreise hatte man seit Monaten kein heiteres Wort mehr vernommen, selten ein lautes. Tolza wich nicht von dem Krankenlager der Mutter; zu ihrer Pflege vermochte sic zwar nicht viel zu thnn, denn die Kranke bedurfte so wenig, doch unablässig war sie bemüht, dem verzwciscludcu Mutterhcrzeu Trost und Hoffnung zuzusprechen. Daß ihr Bruder gegen den Willen der Eltern diese verlassen, vermochte sie zwar nicht zu vertheidigcn; doch um dieses einen Vergehens willen dürfe man noch nicht so vollständig an ihm zweifeln. Ignaz war eine edle Natur; sie war überzeugt, er werde'sich zu nichts Unrechtem verleiten lassen. Doch die Mutter schüttelte schmerzlich seufzend das Haupt; schon während der letzten Zeit seines Aufenthaltes im väterlichen Hanse hatte er das Gesetzesstndium auffallend vernachlässigt, hatte selbst, wenn anwesend, bei dern gemeinschaftlichen ״fernen" träumerisch iu's Occvc gestarrt — es konnte nichts EdelcS sein, was ihn aus der Heimath getricden. Und wenn Tolza die Zuversicht anssprach, daß er recht bald zur Einsicht seines Fehlers gelangen und reuig heimkchrcn werde zu den verzeihenden Eltern und durch fein ganzes ferneres tadelloses Leben den Iugcndfehlcr sühnen werde, dann stimmte zwar die Kranke mit Worten dieser Hoffnung bei, aber ihr Ton war trostlos, in ihrem Herzen hatte sie bereits jede Hoffnung aufgegeben. — Eines Tages, Tolza saß wie gewöhnlich am Bette der Mutter, das diese schon seit Wochen nicht mehr verlassen. Die Kranke hatte die Augen geschlossen, schien zu schlasen. Sch;nerzerfüllt hing Tolza's Blick an dein bleichen, abgezehrten Angesicht der Mutter, das die ausgesprochene Befürchtung des Arztes nur allzusehr rechtfertigte. Thränc auf Thränc glitt über ihre Wangen. Da vernahm sie Schritte tut Vorzimmer, leise erhob sie sich und eilte hinaus, auf daß der Schlummer der Kranken nicht gestört werde. Es war Alexander, der sich nach dem Befinden der Mutter erkundigen wollte. ..Jetzt schläft sic," cntgegncte Tolza flüsternd, doch übennannt von ihrem Schmerz warf sie sich an des Gatten Brust und brach in ein verhaltenes Schluchzen ans. Er drückte sie fest an sich und suchte dnrch liebevolle Worte des Trostes und der Hoffnung sie zu beschwichtigen. ״Da fällt mir etwas ein," rief er plötzlich, ״was ich schon längst hätte thnn sollen. Ich reise noch heute nach W... und suche den Hofmeister, den Herzkow, auf. Vielleicht gelingt es meinen persönlichen Borstellnngen, ihn zu bewegen, mir den Aufenthaltsort unseres Ignaz zu nennen, und weiß ich nur diesen, dann bringe ich ihn zurück, deß bin ich sicher. Ich mache mich sofort reisefertig. Grüße die Mutter von mir und theile ihr den Zweck meiner Reise mit; ich verspreche nur viel davon — daß mir daS nicht früher eingefallen ist." ״Du meinst, ich sollte unserer Mutter diese z;vciselhafte Hoffnung machen?" fragte Tolza, den thrünenttmstorten Blick zu ihm emporhebcnd. ״Ich glaube, Du solltest es," versetzte er, sie nochmals an sich ziehend. ״UcbrigenS frage den Vater. Und nun lebe wohl! ich reise sofort. Entweder bin ich morgen Mittag wieder hier, oder ich benachrichtige Dich, wohin ich mich gewandt, Ignaz aufzusuchen." Er drückte einen innigen Kuß ans ihre Lippen und eilte hinaus. Sie kehrte wieder zurück an das Krankenbett:;vir aber wollen ihren Gatten begleiten. — Alexander, seinen! plötzlichen Einsalle entsprechend, hatte nur seinen Schwiegervater von seinem Vorhaben benachrichtigt und hatte sich dann sofort zum Bahnhof begeben, den nächsten Zug nach W... zu benutzen. Er versprach sich in der That Erfolg von seiner Reise, denn er hielt es für undenkbar, daß Ignaz ihm nicht folgen würde, ir-enn er ihn! den Ausspruch dcS Arztes mitthcilen würde. Und er hoffte, daß es ihm auch hierdurch gelingen würde, Herzkow zu bewegen, ihm den Aufenthaltsort seines Schwagers zu nennen. (Fortsctznng folgt.)

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