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Jeschurun · 1885-02-19 · Heft 8 (19.2.1885) · p. 119

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 8 (19.2.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-02-19
Page
119 (sequence 2)
Language
German
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bevor er ihn entfaltete, drückte er ihn an seine Lippen;? dann erst laS er, mit welcher Wonne! — j Doktor AlfonS Lilienthal war ein schlanker, hoch- ׳ gewachsener Mann von ungefähr 3ZI ahren. Er hatte; ein selten schönes Gesicht, zu schön für einen Mann! behaupteten Manche, zn regelmäßig meinten Andere, und in der Thal, die Regelmäßigkeit seiner Züge war von geradezu klassischer Reinheit. Und wenn die Baronin WilkenfelS den Grafen Brandcnsee als schöner bezeichnet hatte, so mußte wohl ihr Voruriheil für diesen ihr Urtheil becinsiußt haben; in der That gab es wenige, die sich an körperlicher Schönheit mit Alfons Lilienthal hätten messen können. Er hatte diese seltene Schönheit von seiner Mutter geerbt, die anerkannt das schönste Mädchen ihres Hcimathslädtchens gewesen war. Doch ihre Schönheit hatte ihr nicht zum Segen gereicht; früh verwaist, hatte der Heranwachsenden jede Aufsicht gefehlt, und unschwer war sie den Vcrfnhrnngskünstcn eines Rittmeisters erlegen. AlfonS Geburt war die Folge ihres Falles. Trotz ihrer Gesunkenheit bestand sie darauf, daß ihr Söhnchen das Bundcßzcichen Israels erhalte, während der Rittmeister, in seltener Liebe für seinen illegitimen Sprößling, seine Zustimmung zu diesem Akt ״barbarischer Grausamkeit," wie er ihn nannte, verweigerte. Es entstand ein ernster Konflikt zwischen den Eltern, das Gesetz war ans Seiten der Mutter, der Rittmeister aber drohte, jeden zu erstechen^ der cs wagen würde, Hand an seinen Sohn zu legen. Trotzdem ward alles zur Beschneidung vorbereitet. Doch früh am Morgen deö aäiten Tages erschien der Ritt- Meister vor der Wohnung seiner Geliebten, den blanken Degen in der Rechten, er war entschlossen, seine Drohung wahr zn machen. Als die Verwandten des Mädchens in Begleitung das Bcschnciders zur bc stinlmten Stunde dem Hanse der Wöchnerin nahten, trat der Rittmeister ihnen entgegen, seine Drohung wiederholend. Sie zogen sich zurück in der Hoffnung, zn einer späteren Stunde den rcligionsgesctzlichen Akt zu vollziehen. — Doch der Tag schritt vor und der Rittmeister wich nicht von der Stelle. Da machte einer der Verwandten den Vorschlag, durch die Hinterthür dcS Hauses, unbemerkt von dem Lauernden, in das Zimmer der Wöchnerin zu gelangen. Der Beschneider jedoch bestand darauf, nur in Gegenwart und unter dem Schutz von Bewaffneten die Handlung vorzunehmen. Und so geschah es. Zwei GeuSdarmen wurden vor den Eingang postirt, den Rittmeister im Auge zu behalten. Zwei Andere begleiteten die Gesellschaft durch die Hirrterthür in das Zimmer der Wöchnenn, und in ihrer Gegenwart ward die Beschneidung vollzogen. Unter solch seltsamen Verhältnissen ward der junge Weltbürger ausgenommen in den Bund Israels, dessen hohe Bedeutung er freilich ninnner erkennen sollte. Nach wenigen Jahren trat seine Mutter selbst zur herrschenden Kirche über, während sie seltsamerwcisc ihren Knaben in der angeborenen Religion beließ. Sie heirathcte, und Alfons Geschwister wurden selbstverständlich sämmtlich getauft, doch er blieb Jude, allerdings nur dem Namen nach. Der früh, verstorbene Niltmeistcr hatte ihm ein kleines Kapital hinterlassen, von dessen' Zinsen seine Erziehung bestritten wurde. AlfonS war ein schöner, gutmüthigcr Knabe, nicht übermäßig aufgeweckt, aber steißig. Er hatte Gymnasium und Universität besucht, hatte seine Examina bestanden, nicht geradezu glänzend, aber er hatte sie bestanden und hatte seit ungefähr einem Jahre seine Kanzlei eröffnet. — Er liebte das schöne Mädchen aufrichtig und fühlte sich innig beglückt durch die glühende Versichcrung ihrer Liebe. Doch während er sie in Thränen wähnte, in sich verzehrender LiebcSsehnsucht nach ihm, saß sie lachend und scherzend im Kreise der Familie ihres Schwagers und lauschte huldvoll den bewundernden Schmcichclwortcn des jungen Grafen Brandcnsee. Seltsam, sie durchschaute vollständig die Wünsche ihres Schwagers, die Hoffnungen des jungen Grafen, in ihrem Schreiben an Tolza hatte sie sich deutlich genug darüber ausgesprochen, und dennoch hielt sie sich überzeugt von der Aufrichtigkeit der Neigung Brandcnsee'S und sing an, sich in einer Zwangslage zn betrachten, sich verpflichtet zu halten, Brandensee's glühenden Liebesbethencrungcn ihr Ohr zu leihen. Freilich betrachtete sie sich noch als Lilienthals Vermählte, doch AlfonS war fern — was hätte cs ihm genützt, hätte sie das schöne Haupt träumend sinken lassen? — und ebenso wenig konnte cs ihm schaden, wenn sie heiter war im Kreise der Heitern. — Es war so reizend, sich von Kavalieren umworben zu sehen, so amüsant, so interressant. — Doch ihr letzter Gedanke, bevor sie die müden Augen schloß, war doch immer AlfonS. Ob sie ihm jedoch gefolgt wäre, wenn es ihm gelungen wäre, einen Plan zn ersinnen, sie zu erlösen, $11 befreien aus ihren Banden? — Sie hatte ihn dazu aufgesordert mit all der Glnth, die ihrer leicht erregbaren Phantasie zu Gebote stand. O, wie gern hätte er ihrer Aufforderung entsprochen. — Doch wie hätte eS ihm gelingen können, dem wohlverwahrten, festen Schlosse Wilkenfels den schönen Schatz zu rauben? - Doch so lange er nicht kam, sie zu befreien, war sie ihm gegenüber von jeder Verpflichtung frei, durfte getrost ihre Zwangslage anerkennen, durfte unbesorgt Brandessee'S Schwüren lauschen, und sie lauschte ihnen gerne. Zehntes Kapitel. Abermals waren einige Monate verstrichen, Ignaz Lewinski war nicht heimgekehrt zu seinen tiefbetrübten Angehörigen. Vergebens war der Vater ihm sofort

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