Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1885)
- Article
- Das Endziel der Reform
- Date
- 1885-02-19
- Page
- 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Zeit;1! Zeit treten ihrer eine ganze Schaar zur ernsten Verathuug zusammen, um mit vereinten Kräften das Grimdübcl der Zeit, den religiösen Jndisserentismns, zu heilen. Aber alle für kräftig gehaltenen Mittel erweisen sich als wirkungslos, die Tempel bleiben leer,! die Reform und ihre Propheten zählen bald zu den Todtcn. Bor mehreren Jahren befand ich mich in einer europäischen <^n*of;ftnbt und trat an einem Sabbathvovmiltag in den prachtvollen großen Tempel der Reform ein. Die wenigen ,,Andächtigen" verloren sich fast in dem weiten Raume, so daß meine geringe Persönlichkeit einen merklichen Thcil des Auditoriums und ans diesem Grunde auch einen sehr werthvollen bildete. Ich kam unmittelbar vor der Prcdiat, welche in einem gewissen Sinne so interessant war, daß sie sich meinem Gedächtnisse dauernd einprägte. Der wirklich beredte Prediger sprach über das Gotteshaus und feine Leere, die Gleichgültigkeit gegen die Neligion, das materielle Streben der Zeit n. s. w. ״So haben wir Dir denn eine Wohnung gebaut," meinte der Redner, ״spricht die Gemeinde mit dem König Salomo, Dir geweiht;um ewigen Sitze. Seht, das ist der Fehler, das der Irrthum. Ihr nennt den Tempel Gotteshaus, und weil ihr nicht an Gott denkt, so denkt ihr auch nicht an sein Hans. Ihr meint, Gott sei in seinem Hause, das ihr ihm so pomphaft errichtet, wohl aufgehoben; ihr aber befindet euch wohlcr in euerem Hause; dort aber lasset ihr Gott nicht hinein. Euer Tempel sollte aber nicht Gottes Hans, sondern euer Haus sein, die Stätte des euch thenersten Aufenthalts, wo euch Erhebung und Trost, Belehrung und Anregung wird, wo ihr euch mit Gott und seinem Diener zusammenfindet und den Worten lauscht, die euch die Religion darbietct. Vor Jahren seid ihr;um Priester gekommen und habt gerufen: ein Schaden ist am Hause, wir können nicht hinein; Schutt lagert am Eingang und Modcrduft dringt aus seinem Innern. Und der Priester hat sich euerer Mahnung gefügt, er ist in das Haus gegangen und hat die schadhaften Steine hcrausgenomntcn und neue hineingesngt, hat den alten Schutt entfernt und den Modergeruch durch lvcire hohe Fenster cnlströntcn lassen, und wohlig und wonnig -hat er euch das Hans gestaltet, und Sänger und Sängerinnen und liebliche Musikdort eiugefnhrt, und er hat zu euch gesprochen in sanfter angenehmer Rede. Das hat euch gefallen während einer kurzen Spanne Zeit, — dann aber üb er mannte euch die Langweile, die Trägheit, die Gleichgültigkeit, und alle Anstrengungen nützten nichts — das Hans ward euch buchstäblich Gottes Haus, dessen Nähe ihr floht." So sprach der wackere Mann bald in feinem Sarkasmus, bald in ernstem Mahneton. Mich dauerte der geiftliche Herr, es war ihm wirklich ernst mit seinen Klagen. — Am Nachmittage traf ich ihn an einem anderen Orte; ich wurde ihm vorgestcttt, und er erkannte in mir sofort den schätzbaren Zuwachs seines Publikums vom Vormittage. ״Wir haben einen Herrlieben Tempel und einen erhebenden Gottesdienst, — nicht wahr?" sagte er. Ich gestand das erste bedingnngslos zu; hinsichtlich des Gottesdienstes aber erwiderte ich, daß ich nur die Predigt gehört habe. Er schien einige Worte über dieselbe meinerseits zu erwarten, als höflicher Mann sagte ich denn auch, daß mir dieselben außerordentlich gefallen habe und mir gewiß unvergeßlich bleiben werde. Er wollte einige bescheiden ablehnende Worte einwcnden. Ich aber unterbrach ihn und fuhr fort: ״Ich bin Ihnen für die Offenheit und Rückhaltlosigkeit des Geständnisses Ihres totalen Fiaskos sehr verbunden; ein vernichtenderes Urtheil über Ihr und Ihrer Kollegen Wirken kann gar nicht ausgesprochen werden, als ich aus Ihrem Munde vernahm. Sie haben die Hohlheit und Nichtigkeit der Reform so überzeugend dargethan, daß an derselben nicht zu zweifeln ist. Ich bedaure nur, daß so wenig Ohren dieses Verdammungsurthcil vernommen." Ich sprach noch manches Andere; er erhob Widerspruch und schied gerade nicht in der günstigsten Stinimung. An diese Begegnung wurde ich heute erinnert, als mir von ״The Icwish Lccture Association of Ncw-Iorl" ein Ausruf zuging, welcher in gleicher Weise ein vernichtendes Urtheil über die Reform ausspricht. Dasselbe lautet.: ״Der klägliche Zustand des Judenthnms in unserer Mitte ist so augenfällig, daß selbst ein oberflächlicher Beobachter ihn erkennen muß. Bei einer Anzahl von mindestens fechzigtausend Israeliten sind unsere Tempel verödet, und unsere beredten Rabbincr grüßen die leeren Bänke. Die Massen unserer Glaubensgenossen haben sich der Synagoge entfremdet und betreten deren Portal nur bei sehr wenigen und seltenen Gelegenheiten. Das Ende dieses Zustandes ist selbstverständlich. Was Versolgungen nicht vermochten, was Fürsten und Pfaffen nicht bewerkstelligen konnten — wird das endliche Resultat unserer eigenen Gleichgültigkeit sein. Der Verfall und Untergang dcS Judenthnms kann nicht in ferner Zukunft liegen, wenn seine eigenen Angehörigen anfgehört haben, ihm ihre Unterstützung zur Erhaltung und Forderung zu gewähren." ״Nur ein Mittel gicbt es, den Massen unserer Brüder wieder den warmen Enthusiasmus für die israelitische Religion einznhanchen, durch welchen der Glaube unserer Väter unseren Kindern erhalten bleiben kann. Das Judenthnm muß zu einer Zeit erklärt werden, in welcher dessen Glieder sich versammeln können, um dessen Botschaft zu lauschen. Da aber