Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1885)
- Article
- Die Verbannten
- Date
- 1885-02-12
- Page
- 106 (sequence 2)
- Language
- German
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Und sie brachen auf zur Küste — Schwarz bewegt sich fort der Haufe — 'Rur noch Schatten — jetzt verschwunden Sind sie in dem nächtlich Dunkel. Murmelnd kräuseln sich die Wellen Des Guadalquivir, und leise, Leise flüstert's in den Binsen Lispelnd in des Windes Wehen. Horch! geheimnisvoll im Schilfe Geisterhaftes Huschen, Rascheln — ״Lebewohl!" tönt das Geflüster — — Jetzt ist wieder Ruhe ^— Ruhe. KorrcsMldcilzcll mb Nachrichten. Deutschland. ־1•־ Berlin, 6. Februar, lieber die von mir jüngst signalisirtc beabsichtigte Gründung einer liberalantisemitischen Parthei läßt sich die ״N. Pr. Ztg.", der Hort der Christlich-Sozialen-Antiscmitisch-Konscrvativen, in folgender höchst karakteristischen Weise vernehmen: ״Wenn die liberal-antisemitische Partei das Semitenthum in dem Sinne bekämpfen will, wie auch wir es thun — nicht mit Geschrei und großen Worten, sondern mit Maßregeln, welche dem anti-sozialen Einflüsse des Judcnthums zu steuern geeignet sind — so können wir das nur mit Freuden begrüßen. Allerdings aber drängt sich uns dabei die Frage auf, ob dies auf dem Boden der liberalen Weltanschauung, an welcher die Unternehmer fcsihalten zu wollen erklären, möglich ist. Wenn die Juden heute als die Hauptträger dieser Weltanschauung gelten imb jedenfalls ihre eifrigsten Pioniere sind, so spricht dieser Versuch, dieses Element mit seinen eigenen Waffen und auf seinem eigenen Boden zu bekämpfen, weder für Klarheit der Auffassung noch für umsichtige Erwägung der praktischen Schwierigkeiten, ans welche das Unternehmen selbstverständlich stoßen wird. Dennoch haben wir gegen dasselbe nichts cinzuweuden. Wir sind überzeugt, daß die liberalen Antisemiten die Unhaltbarkeit ihrer Stellung als solche bald cinschen und sich im nothwendigen Zusammenhänge damit der konservativen Partei anschlicßen werden, welche die Voraussetzungen eines erfolgreichen, wenn auch schwer und langsant vcrlausenden Ringens mit dem Semitenthum in ihren! Programm besitzt, d. h. in der geistigen Macht des christlichen Gedankens, der allein den widcrchr.istlichen besiegen kann." Sie schließt also dm liberalen Bruder ob seines Antisemitismus in ihre konservative׳ Umarmung und fühlt wonneschaucrnd den antisemitischen Herzschlag an dem eigenen antisemitischen Herzen. Ich pflichte der ״N. Pr. Ztg." vollkommen bei, liberal und antisemitisch, das reimt sich nicht. Wer wahrhaft liberal ist, kann dem Mitbürger nicht gram ob seiner Abstammung und seines Glaubens sein. Ich behaupte der ״R. Pr. Ztg." gegenüber aber ebenfalls: christlich und konservativ mit antiscmistisch das stimmt nicht; wer wahrhaft christlich und wahrhaft konservativ ist, der wird nicht lieblos und haßerfüllt sein können, der wird auch vor Allem den inneren Frieden zu konjcrviren sich bemühen, der wird nicht in ungerechter liebloser Weise alle Schäden den jüdischen Mitbürgern in die Schuhe schieben und unausgesetzt die unsinnige Be- Häuptling anfstcllen, die Handvoll jüdischer Deutschen beherrschten das Reich und verderbten das gesammtc Volk, der wird einsehen, daß in dem jüdischen Bevölkernngsthcilc ein wahrhaft konservatives, religiöses Element vorhanden ist, und die Juden wahrlich ebenso fromm und gottgläubig sind, wie die Christen, und es ein eitles, thörichtes Gebühren ist, die Juden als eine Rotte unsittlichen, anarchistischen Gesindels alltäglich öffentlich auszupeitschen. Oer ״jüdische Gedanke" ist ebenso rein und lauter wie ״der christliche Gedanke" und cs ist eine absolute Unwahrheit, daß der echt christliche Gedanke mit dem echt jüdischen im Widerstreit ist, wenn man nämlich unter jenem die Gedanken dcS Sinaigesctzcs, die Gedanken der Propheten, die Gedanken der Psalmen verstanden haben will. So weit der christliche Gedanke geeignet ist, das Fundament der Sitte und des Rechts tut Staatsleben zu tragen, ist er eben nichts anderes, als der alte jüdische Gedanke. Wir Inden taffen uns unser Heiligthum noch nicht rauben; wir haben für dasselbe wahrlich ein besseres und reineres Vcrständniß, als die Generalzüchter eines christlichen Antisemitismus. Ja, ich behaupte, daß ein liberaler Antisemit in mancher Hinsicht nicht ein solcher Widersinn ist, als ein christlicher Antisemit; denn das Christenthum ist in seinem besten Theile unzweifelhaft semitisch. 11. Berlin, 3. Februar. Ein tragikomisches Geschick ereilte dieser Tage einen Mitarbeiter des antisemitischen ״Deutschen Tageblatt" und kann als humoristischer Beitrag zu den Wunderlichkeiten des Antisemitismus gelten. Besagter Herr, der stolz ist ans das tadellose Schwarz seines martialischen SchnurrbartS und auf die lockige Fülle seines Haupthaares, betrat — wie das ״Verl. Tagcbl." mitthcilt — dieser Tage auf dem Wege nach dem Zirkus Renz ein Nestaurationslokal in der Karlstraße. Kann! hatte er die Schwelle der Gaststube überschritten, da wurde es unter den Gästen ganz auffallend lebendig; man steckte die Köpfe zusammen, cs ging ein unheimliches Kichern und Zischen durch die Räume und plötzlich erscholl