Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1885)
- Article
- Der Antisemitismus des Philsophen
- Date
- 1885-02-12
- Page
- 101 (sequence 2)
- Language
- German
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vorzuarbeiten und näher zu kommen, und daß bei einer nahe gerückten Verwirklichung dieses Zieles das Iudenthum die Kraft haben würde, alle seine indiffercnten und abtrünnig gewordenen Elemente wieder an sich zu ziehen, weil diese sich beeilen würden, an der Verthcilung der Weltaristokratie Thcil zu nehmen" und ״so ist eS nicht zu bestreiten,'daß dieses ideale Ziel in den Köpfen der leitenden Juden auftauchen müßte, sobald die Zeit für dasselbe reif würde." Das ist doch wahrhaftig eine Leistung ersten NangeS auf dem Gebiete der Dialektik! Nach einer in minutiöser Weise geführten Ver׳- Handlung verkündet der Richter das Unheil: Angeklagter, es hat sich ergeben, daß du das dir zur Last gelegte Vergehen nicht verübt hast, daß du auch noch gar nicht daran gedacht hast, cs zu vollführcn, aber nach der von mir gehegten Ansicht kann es gar keinem Zweifel unterliegen, daß unter gewissen Umständen, welche möglicher Weise vielleicht cintreten könnten, du den Gedanken hegen könntest, cs zu begehen, und ans Grund dieser Möglichkeit erkenne ich dich für schuldig. Was, du zuckst mit den Achseln, dn willst widersprechen, du machst Miene, dich gegen meinen Spruch aufzulehnen? Weißt du nicht, was ich mit vielem Scharfsinn als möglich konstruirt habe, das ist gewiß? Also unterwirf dich meiner Sentenz — von Rechtswegen. — So ist denn das Iudenthum mit seinem die ganze Judenheit aller Zeiten und aller Länder erfüllenden unausgesetzten Streben nach einer politischen Welthcrrschaft von Herrn Hartmann glücklich konstruirt worden, und eine neue feste Basis für den Gegensatz zwischen dem' ״Gastvolke" und dem ״Wirthsvolke" geschaffen, nachdem er im Vorübergehcn noch kurz des ״negativ zersetzenden Geistes des Judcnthums" gedacht und dem Iudenthum eine Inferiorität, sowohl dem MuhamedaniSmus wie dem Christenthum gegenüber zncrkannt hat, weil der Islam ״als eine anderthalb Jahrtausende jüngere Religion auch einen brauchbareren und minder obsoleten Inhalt des Gesetzes hat" und ״das Christenthunl die unbrauchbare jüdische Crlösungslehre durch Wiedereinführung des im Iudenthum verloren gcgangenen Jmmanenzgedankeus nmgestaltet und damit das religiöse Bewußtsein der Menschheit auf eine neue höhere Stufe gehoben hat." CS liegt nicht in unserer Absicht, hier auf eine Untersuchung über den höheren oder geringeren Werth des Judenthnms cinzugehen. Wir überlassen eS der christlichen Theologie, sich mit Herrn Hartmann über diesen jdcm Christenthume zu- ' gesprochenen Vorzug auseinander zu setzen. Wir möchten nur in der Kürze dem dem Judenthume vindizirtcn ״negativ zersetzenden Geiste" einige Aufmerksamkeit zuwenden. Dem Iudenthum soll also ein negativ zcrsetzender Geist innewohnen und derselbe wird als so bekannt und notorisch vorausgesetzt, daß Hartmann von ihm als einer keines Beweises bedürftigen Thalsache redet. Verstehen wir dieses ״negativ zersetzend" recht, so will Hartmann sagen, der jüdische Geist hebt die Verbindung gewisser Begriffe ans, ohne die aufgelösten Theilc mit einem andern Begriffe aufs Nene zu verbinden, und diese von ihkn bewirkte Zersetzung ist demnach eine Zerstörung, weil an die Stelle der frü- Heren Verbindung keine neue lritt. Der jüdische Geist vernichtet, aber baut nichts auf. Wunderbar! Wir waren bis jetzt der Ansicht, daß das Iudenthum in eminenter Weise von einem positiven, erhaltenden und schassenden Geist durchdrungen sei und wir glaubten;. B. dcusi'lbcu in dem positiven Gottesbegriff und dem positiven Gcsctzcsinhalt zu erkennen. Wir glaubten auch, daß aus diesem positiven Geiste des Judenthums das Christcnthum und der Islam ihren positiven Inhalt geschöpft hätten. Wir meinten ferner, daß die positive sittliche Grundlage der sozialen Gesellschaft dem positiven Geiste des Jndcnthnms entstamme. Wir waren endlich der Ansicht, daß der jüdische Geist mit allem Schönen und Wahren gern eine innige Vereinigung eingche. Wenn in den Schulen die heilige Geschichte des jüdischen Volks und die Gebote der Sittlichkeit ans der jüdischen Bibel gelehrt werden, in den Kirchen und Moscheen jüdische Gesänge ertönen, wenn das Recht auf den vom Iudenthum gelehrten gerechten unsichtbaren Gott, der die Handlungen der Menschen sieht uuu nach ihrem Wert he lohnt und straft und den Meineid verabscheut, basirt, wenn von de.m obersten Träger der Staatsgewalt bis zum letzten Staatsdicner die gewissenhafte Wahrnehmung des Gemeinwohls durch die Anrufung Gottes — nicht des philosophischen, sondern des vom Iudenthum verkündeten — gefordert wird, und wenn wir uns dessen erinnerten, was nichtjüdische und jüdische Geister in dem Forschen nach wahrer Crkcnntniß geleistet — dann glaubten wir an den positiven, schassenden und erhaltenden Geist des Jndcnthnms. Wir waren dagegen der Ansicht, daß der Geist, welcher dem Menschen das positive Gottesbewußtscin raubt und die Unabhängigkeit der Welt und des Menschen von einem überirdischen Gotte proklamirt, ein negativ zersetzender sei, daß er die Sittlichkeit untergrabe, dem Menschen des inner« Halts beraube, ihn kalt und trostlos mache, und wir betrachteten den Schoppeiihauer'schcn PessimiSmuS und die Hartmann'sche Philosophie als eine traurige Verirrung des menschlichen Geistes, als 'eine Zersetzung des positiven religiösen Bewußtseins der Menschheit. Der Gegensatz zwischen diesem, gerade durch Hartmann propagirtcn negativen, zerstörenden, atheistischen Geiste und dem Geiste des Judenthnms ist in der That ein schreiender, und macht cs erklärlich,, weshalb Hartmann den seine atheistisch-pessimistische