Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-02-05
- Page
- 88 (sequence 2)
- Language
- German
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88 sch rocken, indem er den Zylinder vom Kopfe nahm! und mit seinem Foulard die Stirn trocknele. ״Aber; ich bitte Dich, Ludowika, um Gottes Himmclswillcn!" | ״Mit den Fingern wird man auf uns deuten!" ries ba* junge Mädchen in steigender Deftigkeit, ״die! ganze Weit wird und auSlachcn. dag wir das zimperliche Ladenmädchen hosirt und kajolirt und —" ״Aber, liebes Kind, was kann denn ich dafür? habe ich mich nicht lange genug gesperrt? nicht oft genug gesagt, dag ich's nicht zugebc?" ״Aber schließlich hast Du's doch zugegeben," rief Ludowika bitter lachend, ״das isl'S ja, was ich sage. Eingesehen hast Du wohl, daß Du'S nicht zugeben solltest, aber Mannes genug warst Du nicht, daß Du bei Deiner vernünftigen Weigerung geblieben wärst. Darutn ist's hauptsächlich Deine Schuld, daß uns dieser Affront jetzt tnsft. Wärst Du fest geblieben, daß Du daS christliche Vadenmädchen als Tochter nicht anerkennst, so ständest Du vornehm und würdevoll vor der Welt jetzt da. — Aber nein, das christliche Laden- Mädchen hat in unser Hans müssen, in unsere Loge, überall hin haben wir sie mitschleppcn müssen, damit die ganze Welt jetzt sieht, daß sie uns den Stuhl vor die Thür gesetzt hat. Das sagt Adalbert auch, daß cS so weit gekommen ist, ist nur Deine Schuld." ״Adalbert sagt das auch?!" rief Herr Iustinian Levi, indem er die Augen himmelwärts wandte und sich vollständig erschöpft in ein Fauteuil sinken ließ. Er wollte das Tuch aus der Tasche ziehen, die an der Stirne perlenden Tropfen zu trocknen, er zog die Etuis mit heraus, sie sielen zur Erde, sprangen auf, die Medaillons glitten hinaus. Achtlos schritt die noch immer grollende Ludowika darüber hinweg und zertrat sie. Ein schmerzlicher Seufzer entfuhr den Lippen des alten Herrn. Es war doch alles seine Schuld, warum hatte er geglaubt, daß die Ehen im Himmel geschlossen werden? Achtes Kapitel. In dem Park, der den prächtigen Stammsitz derer von Wilkenfels umschloß, lustwandelten zwei Dütnen. Es war gegen Ende Dezentber, Schnee be> deckle die Erde, und die Bäutne. die ihr kahles Geäst gen Himmel strccklett, waren uberreift, glitzerten im Hellen Sonnenschein. ״Als kämen sie direkt aus dem Konditorladcn und sollten morgen Abend auf dem Weihnachtstisch prangen," bemerkte die eine der Damen. ״Weißt Du, Natalie, daß cs morgen drei Jahre wird, daß ich nteinen Alfons zum erstenmal gesehen?" Die Nugeredetc zuckte die Achseln. ״Ich gäbe viel darum, Du hättest ihn nimmer getroffen. Wie viel Aerger und Verdruß habe ich nicht schon durch ihn gehabt und wie viele unangenehme Szenen stehen mir noch durch ihn bevor." ״Wessen Schuld ist's?" rief Irene heftig, ״warum seid Ihr so kleinlich? Was hat Euch AlfonS gethan? was könnt Ihr ihm vorwerfcn?" .,Vorzuwerfen hätten wir ihm gar nichts, wenn er nicht unser Schwager werden wollte," entgegnete Natalie, die Purpurlippen kräuselnd, ״aber Baron WilkenfclS Schwager eines jüdischen Advokaten —״ ״Warum nicht, wenn er Schwiegersohn eines jüdischen Großhändler ist —״ ״Das ist etwas ganz Anderes," rief Natalie. ״Freilich ist 'das etwas ganz Anderes," lachte Irene, ״denn wäre Baron Wilkenfels nicht Schwieger- 11(01ן des reichen jüdischen Großhändlers, mit dessen Geld er Schloß Wilkenfels ausgelöst, so —" ״Irene! um des Himmelswillen! wenn Geza Dich hören würde! —" ״Nun, was würde dann geschehen?" spottete das übermüthige Mädchen, ״würde er mich beißen?" ״Er könnte Dich ermorden!" flüsterte Natalie, in sich erschauernd. Irene lachte überlaut, doch als die Schwester ernst blieb, ward auch sie allmählich ernster, und schwelgend schritten sie einige Minuten neben einander einher. ״Wenn man Dich so hört, Natalie, könnte man beinahe glauben, Dein Herr Gemahl wäre mehr Dein Herr als Dein Gemahl," Hub Irene endlich wieder an. Natalie crröthcte. ״Du sprichst wie ein echtes Schulmädchen." ״Hand auf's Herz, Natalie, hast Du nicht so etwas wie Furcht vor Geza? wünschest Du nicht zuweilen, Du wärest ihm nie begegnet?" ״Nie!" rief Natalie, indem sie bethcucrnd die Hand auf's Herz legte, ״wie kannst Dlt Derartiges glauben! Geza ist der aufmerksamste Gatte, der Höflichste Kavalier. Daß er freilich als Kavalier über . gewisse Dinge durchaus andere Anschauungen hat als wir, ist doch nicht zu verwundern, er hat sie schon u!it der Muttermilch ciugcsogeu. — Aber deshalb zu wünschen, ich wäre ihn! nie begegnet! — welcher Unsinn! — Du hättest nur neulich hier sein sollen, als unser augebetcter Monarch in der Nähe der Wal׳ düngen des Fürsten C..ki gejagt hat und dann von ungefähr auf unser Gebiet kam. Der Eber war nämlich hierher durchgcbrochcn, 'der Monarch war ihm gefolgt und hatte ihn hier erlegt, und als wir dann dazu kamen und er sich bei Geza entschuldigte, und Geza mich ihn! vorstellte, und er.sich mit mir unter? hielt, länger als eine Viertelstunde.