Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-02-05
- Page
- 87 (sequence 1)
- Language
- German
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Nihilismus und Iudentlnttn. Von Friedrich Nott. <3lUc :!iodito i'ortu'ijaltoit (Fortsetzung.) Herr Reitzenstcin aber fuhr sich abermals mit der Hand über Stirn und Augen, und ein tiefer, schwerer Seufzer entrang sich seiner Brust. ״Sie haben gut reden. Sie haben cs nur mit Ihren eigenen Kindern zu thun. Aber ich — Sic kennen doch das Sprichwort: noblesse oblige. Ich habe einen hochadeligcn Schwiegersohn, und der hat geschworen, er duldet keinen jüdischen Advokaten als Schwager, und wenn wir nicht so viel Rücksicht aus ihn nehmen, daß wir ihn vor einem solchen bewahren, so schießt er den Betreffenden nieder wie einen räudigen Hund. — Und oaS ist keine leere Drohung, diese Herren vom hohen Adel sind mit dergleichen gleich bei der Hand." ״Hi, hi, hi," kicherte Herr Iustinian Levi, ״da ist Ihnen freilich schwer zu rathen, mein thcurcr Freund, da befinden Sie sich ja geradezu in einer sogenannten Zwickmühle, wie Sie thun, thun Sic nicht recht. — Na, vielleicht finden Sic doch noch einen Ausweg, um Jrenchcn und Ihren hochadeligcn Schwiegersohn zu befriedigen. Wollen'« hoffen. Aber da wären wir ja bei meinem Palais. Ergebener Diener, mein thcurcr Neitzcnstein, auf Wiedersehn!" Die Herren schüttelten einander die Hände, Herr Iustinian Levi wandte sich nach recht« und schritt die breiten glänzenden Marmvrstufen hinan, die zu seiner Wohnung führten. Er war vollauf berechtigt, das stattliche, allerdings in einem etwas bizarren Styl anfgcsührte Gebäude sein Palais zu nennen. Die schmucken schlanken Säulen, die den mehrere Klafter langen, mit den herrlichsten Gewächsen gefüllten Balkon stützten, stimmten nicht recht zu den zahlreichen Thürmchen und Zinnen deS Giebels, ebenso wenig als zu der seltsamen Stuckatur, die das Ganze schmückte. Trotz dieser Unregelmäßigkeit, die allzu leicht als Laune deS rcichcu Parvenu's erkannt werden konnte, gewährte das Ganze keinen unangenehmen Eindruck, jedenfalls einen reichen. Herr Iustinian Levi schien das auch zu empfinden, als er im Hinausschrcitcn emporblickte und sein Auge über die reich geschmückte Front gleiten ließ. Ein zufriedenes Lächeln spielte um seine ׳etwas zu vollen Lippen, als er die Hand aus den glänzenden Drücker legte und die Thür öffnete. Dann aber eilte er rasch weiter, der Teppich belegten Stiege zu, die zur Familicnwohnung führte. — Einen Augenblick hielt er an, griff in die Brustlasche, um sich zu vergewissern, ob auch die Etuis, die die prächtigen Medaillons mit seinem Brustbild enthielt, durch die er seine Tochter und künftige Schwiegertochter zu überraschen beabsichtigte, noch an ihrcin Platze. Richtig, sie waren da, wie würden sie mm gleich ihn uni armen, seine lieben, lieben Kinder — und ihm danken und nmschrneicheln. — Mit fast jugendlicher Raschheit beschlcunigtc er seine Schritte und wollte rnit freundlichem Gruß in das Familicuzimmcr treten, als sein Sohn, sein Adalbert, aus demselben slürhte. Den Hut tief in die Augen gedrückt, schien er den Vater nicht zu bemerken, wenigstens ftüviutc er, ohne ihn zu beachten, an ihm vorüber, die Stiegen hinunter, und HerrInstinian Levi hörte, wie er die Hausthür hinter sich in's Schloß warf oder vielmehr schleuderte. Kopfschüttelnd ob dieses scltjamcn Benehmens trat er in das Zimmer. ״Guten Morgen, liebes Kind!" rief er seiner Tochter zu, die einen entfalteten Brief in der Hand, sein Kommen nicht bemerkt zu haben schien. ״Was hat denn der Adalbert, daß er wie besessen aus dem Hanse rennt?" ״Was Adalbert hat?" wiederholte Ludowika, indem sie sich nmwandte, und ihr dunkelglnhendcs Angesicht die mühsam verhaltene Aufregung vcrrieth, in der auch sie sich befand. ״Da lies," fügte sie hinzu und schleuderte den Brief auf den Tisch, ״den haben wir in NosamundenS Zimmer gefunden." ״In NosamundenS Zimmer? — wo ist denn das Kind?" ״Wo das Kind ist?" Ludowika lachte laut auf. ״Lies, sage ich Dir, dann wirst Du's wissen." Heri'Iustinian Levi, von banger Ahnung bereits erfüllt, nahm das ihm zngcworfene Blatt und las: ״Herrn Adalbert Levi hiersclbst. Ich thcilc Ihnen hierdurch mit, daß ich cs nie und nimmer zngeben werde, daß meine Schwester sich und ihre Familie entehrt, indem sic einen Inden heirathet. Lieutenant Karl Friedrich Goblenz." Und unter diesen von männlicher Hand gcschriedenen Zeilen folgten einige in Nosamundens zierlicher Damcnschrift. ״Ich kann den Gründen, die mein thcmcr . Bruder mir anscinandcrgesctzt hat, volle Berechtigung nicht absprechen. Ich muß gestehen, daß ich mich in einer jüdischen Familie nie hätte heimisch fühlen Indem ich meinen verbindlichsten Dank für die mir erwiesene Gastfreundschaft hinzusüge, ersuche ich dringend, mich nicht weiter zu belästigen, können. Nosamunde Goblenz." ״Das ist Deine Schuld, die Folge Deiner lm* dischen und Nachgiebigkeit!" rief Ludowika heftig, indem sic in höchster Aufregung im Zimmer auf und nieder rannte. ״Meine Schuld?" rief Herr Iustinian Levi er-