Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1885)
- Article
- Der Antisemitismus des Philosophen
- Date
- 1885-02-05
- Page
- 85 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933108-2959824--17853-2959867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Judenthum ist vielmehr die Lehre der völligen Gleichheit aller Menschen und des gleichen .Veils für alle guten Menschen längst znm Ausdruck gelangt, während noch heute der Philosoph Hartmann sich zu dieser vornrtheilsfreicn Anschauung nicht zn erheben vermag. Das Judenthum lehrt, ein Recht und ein Gesetz sei für den Einheimischen und Fremden auf Erden, und verheißt allen Tugendhaften die ewige Glückseligkeit. Die ״jüdische Weltherrschaft," als das Ziel der Entwickelung des Menschengeschlechts, aber besteht in der Anerkennung Gottes als Herr und Pater der gesammtcn Menschheit durch die gesammtc Menschheit. Auch nicht der Schatten einer politischen Präponderan; des jüdischen Stammes trübt das Bild der Hcileözulunft, welche das Judenthum für die gesammtc Menschheit verkündet, und cs ist geradezu empörend, wie Hartmaun den göttlichen Segcnsverheißnngcn im 5. Buch Mosis, Kap. 28, 12. 13. eine so frivole Denlung geben!nag, als ob ״hier auf den Besitz eines ausleihbaren Kapitals, als auf das Machtmittel, hingewiesen wird, durch welches das jüdische Volk sich zum Haupt der Menschheit cmporschwingcn solle." ״Es befiehlt Gott mit dir den Segen in deinen Porräthen und in Allein, woran du deine Hand legst, und Er segnet dich in dem Lande, welches Er dir gicbt; so stellt Gott dich zu einer heiligen Ration auf, wie Er dir geschworen, wenn du Seine Gebote hältst und in Seinen Wegen wandelst, und cs sehen alle Nationen der Erde, daß Gottes Name über dich genannt ist, und fürchten sich vor dir. Es zeichnet dich Gott znm Guten aus in der Frucht deines Leibes, in der Frucht deines Viehes und in der Frucht deines Bodens, auf dem Boden, den Gott deinen Vätern geschworen hat dir zu geben. Er öffnet dir seinen besten Schatz, den Himmel, den Regen deines Landes zu seiner Zeit zu geben und alles Werk deiner Hand zn segnen. Vielen Völkern wirst du leihen, du aber wirft nichts borgen. Gott läßt dich zum Haupt werden nnd nicht zum Schweif, du wirst nur der Höhe äuge hören und nie dem Riedern, wenn du auf die Gebote Gottes, die ich dir heute gebiete, hinhörst, sic zu hüten nnd zu erfüllen und nicht abweichst von all' den Worten, die ich euch heute gebiete, nicht rechts oder links." Also lalltet die Stelle im Zusammenhang. Es ist hier verheißen, daß Gott dem israelitischen Volke in Palästina seinen Segen stetig zuwcnden werde, wenn es sich völlig dem Gebote Gottes in allen seine» Beziehungen lluterordne und .also als eine .,heilige Ration" unter den Völkern dastche, d. h. als eine Ration, welche sich voll nnd ganz mit allen ihre» Anlagen und Bestrebungen, in ihren! öffentlichen und privaten Leben als Herold des göttlichen Willens und als treuer Diener desselben bewahrt. Einem Menschenkreise, welcher also sich nngcthcilt Gott hingiebt, dem wmdct Gott seinen Segen zu, weil dieser Segen den; von Gott gewollten menschlichen Streben zn Gute kommt nnd alle andern Bolkskrcisc in diesem Segen die Wallung Gottes erkennen, nnd mit Achtung auf das winzige Völklein Hinschauen, das durch seine sittliche Größe ihnen Ehrerbietung abnöthigt und in dessen, materieller Wohlfahrt sich der ״Raine Gottes," die große, von allem Leid erlösende Wahrheit kundgicbt, das; das Heil und Glück, der Wohlstand und bk Zufriedenheit, der Friede nnd Segen auf Erden nur daun dauernd im Mcuschenkreise zu fiitbcu sind, wenn er sich als Gottes Diener in Wahrheit begreift, iu der Ucbung der Tugend und der Befolgung des Gottesgesetzes die einzige Ausgabe seines Daseins erkennt. Weil Gott Israel, wenn cs also sich begreift und in allem Guten anszcichnet, darum wird Er auch seinen Boden segnen, ihm die ausgiebigste Fruchtbarkeit verleihen, so daß Palästina im Staude sei, von seinem Bodenreichthum andern Ländern abzngeben, abernicht genöthigt sein werde, wegen Mißwuchs von andern Ländern Getreide zu beziehen, und so werde der kleine israelitische Staat anderen Staaten zun! nachahmungswcrthcn Beispiele erscheinen. Sie Hütten von Israel das Geheimniß zu lernen, wie man das natiouaCe Glück begründet durch den Gehorsam gegen Gott, Israel aber hätte kein anderes Prinzip der Staatskunst von ihnen zu lernen. So werde Israel zum ״vorauschrcitcndcn Haupte nnd nicht zum nachfolgenden Schweif," weil nur auf das Hohe, Edle, Sittliche sein Sinn gerichtet nnd alles Niedere, Gemeine ihn! fremd bleibe — wenn cs sich einzig und allein von Gottes Gebot leiten und führen lasse. Wo ist hier von ,,dem Besitz eines ausleihbaren Kapitals als das Machtmittel" die Rede, ״sich znm Haupt der Menschheit cmporznschwingen?" Wo ist hier für den gewöhnlichen und nicht von vorgefaßtem ItitCjcilc geblendeten Verstände auch nur eine Andeutung von einer Ausbeutung anderer Völker durch Israel ausgesprochen? Auch von dem friedlichen und als lobenSwcrth gepriesenen Wettkampf der Rationen um die Palme einer entwickelten Industrie!vird hier nicht gesprochcn. Von dem Gottcssegen ist hier die Rede, der sich dem Gott allein dienenden und keine andere Potanz vergötternden israelitischen Staatsnnd Volksleben zuwenden sollte, wenn Israel sich desselben würdig machen würde, und von der Achtung und Ehrfurcht, die zunächst dem göttlichen Namen gälten, wenn dieser Gottesscgcn in dem blühenden Israel zu Tage treten würde. Dies, nichts Anderes, ist die jüdische Verheißung