Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-01-22
- Page
- 56 (sequence 3)
- Language
- German
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56 er aus. schob geräuschvoll den Sessel zurück, und ohne Gruß verließ er das Zimmer. seufzend blickte seine Schwester i!)1n nach, daun las sie die versprengten Brodkügelchen von dem Fußbodcn auf, nahm ein Bürstchen und bürstete die auf dem Tische zurückgebliebenen Speisereste auf eine kleine j Schaufel, öffnete das Fenster ׳und streute die Brosamen \ auf das äußere Fcnstergcsimse, und sofort war eine Anzahl Vögel zur Stelle, wo sie täglich zur selben Stunde die Atzung empfingen. Tolza sah den flinken, zierlichen Thicrchen, die sich vor der freundlichen Spendenn nicht scheuten, lächelnd zu. Als sie ihre Mahlzeit beendet, flogen die Vögel davon, und die anmuthigc junge Frau schloß das Fenster. Jetzt erst erinnerte sie׳ sich eines Briefes, der ihr gleichzeitig mit den Tagest blättern gebracht worden war. Sie zog ihn aus der Tasche, ließ sich in den Schaukelstuh! nieder und erbrach das ziemlich umfangreiche Schreiben. ״Dacht' ich's doch, von Irene," flüsterte sie, indem sie nach der Unterschrift sah. Sechstes Kapitel. Der Brief lautete: ״Schloß Wilkenscls, 4. Nov. Meine liebe, gute Tolza! Theuerstc Freundin meines Herzens! Nur wenige Wochen war cs mir beschieden, in Ihrer theuren Nähe zu verbringen, und doch lebt aus Gottes weiter Erde kein Wesen, dem ich in solch aufrichtiger Hochachtung, solch inniger Freundschaft ergeben bin, wie Ihnen, theuerstc Tolza. — Wenn ich jetzt statt dieses Blattes (das ich beneide,! denn Ihre Hände werden cs umfassen) zu Ihnen eilen könnte und mein armes, schwergeprüftes Herz an Ihrem theilnahmsvollen Ansen answeinen könnte, wie wohl wäre mir! — Wie sind Sic doch so glücklich, theuerstc Tolza! AnS Ihrer freundlichen Einladung zu Ihrer Ver- Mahlung weiß ich, daß Sie dem Manne Ihres Herzens bereits angetrant sind, daß Sie vereint sind mit Ihren! Gatten. — Welch Hochgefühl muß .,-;,ר((... » CW>;* V.*.״ v.״.., vUji u׳uv vtij w juwuii — ־•um nun 1׳u ־ eint fei«! — Ach, auch ich bin dem Manne meines Herzens angetrant. Sie wissen cs, Theuerstc, nach dev Vorschriften unserer heiligen Ncligion. nach dcmDesctze Mosis und Israels bin ich meinem Alfons vermahlt, bin seine rechttuüßigc Gattin. — Und der edlen Fürsprache Ihrer hochgeschätzten Frau Mutter danke ich cs, daß der Zorn meiner Eltern ob unseres eigenmächtigen Handelns stch gelegt, daß. sie uns verziehen tind unsere Verbindung aufrecht zu erhalten versprochen, daß Alfons vorläufig öffentlich als mein Verlobter anerkannt wurde. — Ach. cS waren glückselige Tage, die wir datnalS verlebt — leider, leider entschwanden sic nur allzu rasch. AlfonS, an das Sterbebett seiner Mutter gerufen, mußte plötzlich abreisen. Papa und ich begleiteten ihn zur Eisenbahn, dort schloß er mich zum letzten Mal in seine Arme, an sein treues, edles Her; ׳ - zum letzten Mal für lange, lange Zeit. — Wenige Stunden nach seiner Abreise überraschten uns meine Geschwister, meine Schwester und mein Schwager, der Baron Wilkenfels und — doch nein, ich will Ihr edles, thcilnahmsvolles Herz nicht betrüben durch eine Schilderung jener Szenen, die nun folgten — denken Sie sich, theuerstc Tolza, die Quintessenz alles Niedrigen, alles Wcmeincn, und Sie haben das Benehmen meines Schwagers, des Edlen von Wilkenfels. — Und meine schwachen Eltern sind ihm nicht gewachsen, leider! leider! — Dieser unselige Respekt vor dem Bettclntagnaten, der mit meines Vaters Geld seinen verschuldeten Stammsitz cingelöst! — Und sie haben cs schließlich durchgesetzt, Alfons Briefe hat man mir genommen, seine Geschenke — als ob sie mit denselben sein Andenken aus meinem Herzen reißen könnten! — Doch ich bleibe ihm Iren. — Und mein edler, großherziger Alfons! — wohl weiß er, daß die Tochter des reichen Großhandlungshanses ihm nicht einen Pfennig zubringcn wird, dennoch wird er sie freudig als Gattin empfangen. — Ich bin gegenwärtig, wie Sie ans der Uebcrschrist Dieses bereits ersehen, bei meinen Geschwistern, ans dem stolzen Stammsitz derer von Wilkenfels — sie haben mich mit sich fortgcschlcppt, — ich soll hier Alfons vergessen. — meinen Alfons — meinen Gatten! — Thoren! Thoren! zehnfache Thoren! — Mein Schwager spielt den Liebenswürdigen, führt tagtäglich junge Herren ans den ersten Familien zu mir, in der Hoffnung, daß ich mich in irgend einem Bcttelmagnaten verliebe. (Die Magnaten, die Geld haben, heirathcn nämlich keine Jüdin.) Doch ich bleibe meinem Galten treu, ntcinem über Alles geliebten Alfons, und ich harre nur auf eine Gelcgenhcit, zu ihm zu entfliehen, der in treuer Liebessehnsucht meiner harrt. — Wird diese Gelegenheit stch mir darbietcn'? —׳ Thenerste Tolza, Sie sind so gut, so fromm, Ihre Gebete werden sicherlich erhört. — O, beten Sie für mich, für das Glück Ihrer unglücklichen Freundin — ichließcn Sie mich ein in Ihre Gebete, aus daß ich zum zweiten Mal Ihrer Fürsprache mein Heil verdanke. — Leben Sic wohl, theuerstc Tolza! Grüßen Sie Ihre hochgeschätzte Frau Mutter und behalten Sie in treuem Andenken, die in Liebe Ihrer stets gedenkt, Ihre unglückliche Irene." (Fortsetzung folgt.)