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Jeschurun · 1885-01-22 · Heft 4 (22.1.1885) · p. 55

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 4 (22.1.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-01-22
Page
55 (sequence 2)
Language
German
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״Und solche zähl! Ihr auch zum Answurf der! Menschheit?" ries Ignaz erregt, ״das Mädchen hat sich ruhig verhaften lassen, hat auch nicht einmal den! Versuch gemacht, sich durch die Flucht zu retten, hat * also ihr Leben geopfert, um die Well von jenen! Itu-! geheuer zu befreien — fürwahr, )nenn das nicht Größe ist —" ״Wahnsinn ist es," entgegnete Lcwinski, indem sein funkelnder Blick wie durchbohrend auf dem Antlitz des jungen Mannes hastete, ״verbrecherischer Wahnsinn issis — den Mörder moröc« ist auch!norden. — Wo kommen wir hin, wenn ein jeder die Verbrechen eines jeden ahnden dürfte? cs wäre der Kampf aller gegen alle. — Und was Du Größe nennst, was Dir und Deinesgleichen imponirt, daß diese Leute den Tod nicht scheuen, daß sic ihr Leben furchtlos dem Schatten eines Schatten opfern — was ist es anders, als daß sie den Werth des Lebens nie erkannt. Das Kind, das furchtlos an dem jähen Abhänge spielt, cs zeigt nicht Muth, so wenig als cs Großmnth. zeigt, wenn es das Gold des Vaters der Menge lachend znwirft." Ignaz war doch nicht im Stande, den Blick des Vaters länger zu ertragen, er wandte sich unmuthig ab. ״Für eine Ueberzcngung sein Leben opfern, galt zu allen Zeiten für groß," murmelte er. ״Da bist Du im Jrrthnm," entgegnete der Vater kopfschüttelnd, ״es kommt immer darauf an, welcher Art die Ucberzcugnng ist, der man sein Leben opfert. Jene Frauen der Brahmancn, die ihrer Ueberzengung entsprechend, den! vcrblicheucn Gatten freudig in den Tod folgten — cs hat noch keiner diesen Frevel groß genannt, höchstens zuckt man mitleidig die Achseln über diesen Schwachsinn." ״Schwachsinn," rief Ignaz, ״Schwachsinn — mm, daß jene — doch ich muß sehr um Entschuldigung bitten," unterbrach er plötzlich sich selbst, ״in einer Stunde geht der Zug. Wenn Du das Tischgebet verrichten lassen wolltest, lieber Vater —" Der alte Lewinski fuhr sich mit der Hand über die Stirn. ״Es ist wahr. Du solltest heute vereisen." ״Es ist bereits halb zwei, um halb drei geh! d;׳r Zug, meine Effekten habe ich zwar schon zum Bahnhof bringen lassen, aber cs wird doch bald Zeit." ״Du könntest auch mit dem Fünsuhrzug führen," versetzte der Vater, ״und übrigens," fügte er rasch hinzu, ״die Angelegenheit ist gar nicht von solcher Wichtigkeit, daß gerade Du hierzu nach W... mußt, einer unserer jungen Leute könnte die Sache ebenso erledigen — etwa Philipp Kohn." Der letzte Blutstropfen wich ans den! Antlitz des jungen Mannes. ״Du hast cs mir zugesagt, daß ich die Angelegenheit in W. —" Frau Lewinski drückte unter den! Tisch die Vaud ihres Mannes. ״Wenn cs nicht dringend nothwendig ist, daß Ignaz bei diesen! Wetter die Reise unternimmt, wäre es jedenfalls besser — er hüstelt schon seit einigen Tagen und —״ ״Bin ich denn solch ein verweichlichtes Muttersöhnchcn?" lachte der junge Mann, doch es war ein cigenthnmliches Lachen, halb ärgerlich, halb ängstlich. ״Lasset mich nur unbesorgt reisen, ich werde mit den Leuten in W.... doch eher fertig als der Kohn — und außerdem, ich habe bereits einige Bekannte in W.... avisirt, daß sie!nich erwarten, sie werden zum Bahnhof komnten; es wäre mir unangenehm, wenn sie umsonst sich hinaus bemühen würden." ״Du kannst ihnen teicgraphircn, daß sie Dich nicht erwarten möchten." In den! Angesicht des jungen Mannes wechselte die Farbe unablässig. — ״Laß mich nicht wortbrüchig erscheinen, lieber Vater —" bat er, und seine Stimme klang seltsam heiser, ״ich bitte Dich, laß mich reisen —" Doch je dringender der Sohn den Wunsch zu reisen anssprach, desto entschiedener ward der Entschluß des Vaters, ihn nicht fort zu lassen. ״Wer ist es denn, der am Bahnhof in W.... auf Dich wartet? ich wußte gar nicht, daß Du dort bekannt bist." ״Ich habe ihn während unseres Aufenthalts in dt.... kennen gelernt; er ist Hofmeister im Hause der Gräfin Orlowska, die sich gegenwärtig in W... aufhält." Abermals drückte Frau Lewinski die Hand ihres Mannes. ״Telegraphire ihm, daß er Dich nicht erwarten rnöge, Deine Mutter wäre zu unruhig, daß Dein Husten sich verschlimmern könnte. — Alexander, willst Du das Tischgebet verrichten. —" ־: Der Angcrcdete entsprach der Aufforderung, und sobald das Gebet beendet, begab sich der alte LewinSk! gegen seine Gewohnheit sofort in das Kontor, einerseirs nm ferneren Bitten seines Sohnes zu entgehen, dann aber auch, um einen seiner jungen Leute in der erwähnten Angelegenheit zu instrnircn und ihn zu benachrichtigen, daß er sich reisefertig machen möge. — Ignaz war noch nicht anfgeftanden von dem Tische, obgleich die klebrigen ihn längst verlassen. Finster grollend saß er da, unaufhörlich Brodkügclchen rollend und sie nach allen Richtungen über den Tisch hin schnellend. ״Was machst Du da?" fragte Totza, indem sie zu ihrn trat und ihre Hand auf seine Schulter legte. Er fuhr zusammen, doch er blickte nicht auf. ״Dieser Zwang!" murmelte er, ״dieser unerträgliche Zwang! — Mich nicht aus den Augen lassen, als ob ich ein vierjähriger Knabe wäre — ich kann und werde nur das nicht länger gefallen lassen!" Hastig stand

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