Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-01-15
- Page
- 40 (sequence 3)
- Language
- German
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40 ihn, die Sprache versagte ihm. er ergriff Hcrzkow s Hand und drückte sic mit seinen beiden Händen ul* sollte er eine Probe oblegen von seiner Kraft. ״Dank Ihnen," flüsterte er endlich, ״daß Sic;nich würdig gefunden, mitzuwirken an dem großen Werk — aber noch weiß ich nicht, was ich thnn kann, thun soll. — Sagen Sic es mir —" drängte er, als Herzkow nicht sofort antwortete. — ״Ignaz Abramowilsch", begann dieser endlich nach längerem Schweigen, ״bevor ich Ihre Frage beantworte, Ihnen nüttheilc, was Sie thun könnten, thun sollten — betrachte ich cs als Pflicht, Sie ausznfordcrn, sich zu prüfen, ernst zu prüfen, ob Sie denn auch fähig sind, sich der -Sache, der Sic dienen wollen, vollständig zu weihen — mit Ihrem ganzen Thun, nrit Ihrem ganzen Sein." ״Ich schwöre es." Herzkow zuckle die Achseln. ״Was ist ein Schwur? — Ihr Wort genügt. — Doch wenn Sie in Wirktichkcit ausgenommen werden wollen in den Bund, der unS vereint, so müssen Sie bereit sein, möglichen Falles alles zu opfern, wo es gilt nicht nur Gut und Blut, möglicherweise auch persönliche Anschauung — pcrsöuliche Neigung -- Sie haben ausgehört, ein Einzelner zu sein, Sic sind ein Theil des Ganzen — und das Ganze besteht, wenn auch hier und da ein Theil zu Grunde geht —" ״Was habe ich zu thun?" wiederholte Lewinski abermals, ״und gälte cs, sich hinein zu stürzen in die brandenden Wogen und darin uuterzugeheu — ich wäre bereit." Abermals ruhte Hcrzkow's Auge prüfend auf dem Erregten. ״Und sollten Sie die brausenden Meereswogen in die Newa leiten? — in den Don, in den Dnicper, in den Dniester — daß alle die mächtigen Ströme übcrsluthen? —" ״Sic müssen deutlicher zu mir reden. Pan! Nikolowitsch, bereit bin ich zu allem, was Menschenhände leisten können." ״Kommen Sie dorthin, lassen Sic im Schatten jener Düne uns ruhen, und ich werde Ihnen mit׳ Ihcilcn, womit Sie vor Allem zu beginnen Halen." fünftes Kapitel. Mehrere Monate waren verstrichen. Frau Lcwinski befand sich wiederum in der Hcimath, die Vcimählung ihrer Tochter war bereits vollzogen. Alexander war als Thcilhabcr in das Geschäft seines Schwiegervaters getrcten, und Tolza war so glücklich, dem Manne ihres Herzens anzngchören, ohne das Elternhaus verlassen zu müssen. Das junge Ehepaar bewohnte nämlich die obere Etage in den: Hanse ihrer Eltern. Der Haushalt war ein gemeinschaftlicher; die Hauptmahlzeiten wurden gemeinschaftlich eingenommen. Die Familie befand sich bei Tische. Herr Lcwinski, eine ehrwürdige, Achtung gebietende Persönlichkeit mit bereits ergrautem Haar und Pollbart, ihm zur Rechten seine uns bereits bekannte Gattin, zu seiner Linken die liebliche Tolza an der Seite ihres glückstrahlenden jungen Gatten, neben der Mutter hatte der einzige Sohn seinen Platz. Jznaz Lcwinski schien in vcn wenigen Monaten, seit wir ihn an der Meeresküste getroffen, um ebenso viel Jahre gealtert; sein Antlitz hatte die dantalige Frische verloren, und der chedent stets heitere Blick war ernst, oft sogar trübe. Auch er war in das Geschüft des Vaters eingctretcn, denn die Firma Abraham Lcwinski & (5011tp. zählte zu den bedeutendsten des Gouvernements und konnte tüchtige Arbeiter nie genug erhalten. In jüngster Zeit war der junge LewinSki jedoch lässiger im Geschäft geworden, kam unregelmäßig in das Kontor und war im Arbeiten häufig sehr zerstreut. Das hätte mm freilich der nachsichtige Vater leicht übersehen; unendlich schmerzlich berührte es ihn jedoch, daß Ignaz auch die zum Tbora-Studium bcstimmte Zeit nicht mehr pünklich eiuhielt. Die Unterhaltung bei Tische war wie gewöhnlich heiter und allgemein, selbst Ignaz hatte, zur Freude der Mutter, wieder einmal lebhaft daran Theil genommeu, hatte wieder einmal, wie früher, mit der Schwester im Scherz gestritten. ״Jetzt ziehst Du den Kürzern," lachte der Vater, ״Alexander läßt sein Weibchen nicht im Stich, gegen Tolza L Eompaguie kommst Du nicht ans." Da trat ein Diener in daS Zimmer und überbrachte die so eben ciugctroffeuen Tagcsblätlcr. Alexander griff darnach, entfaltete sie, und ein Ausruf des Schreckens entfuhr seinen Lippen. ״Was giebt's? was ist geschehen?" riefen die Anderen. ״Ein furchtbares, ein entsetzliches Verbrechen —" Er nahm das Blatt und las: ״C...., k O. November. In dem Palais des Gouverneurs, Grafen Paliokowski, fand heute eine furchtbare Explosion statt, der Graf, die älteste Komtesse und zwei Diener wurden sofort getödtct, die Gräfin und ihre jüngste Tochter sind schwer verwundet, mchrcre Diener kamen mit leichten Verletzungen davon. Man ziveifelt nicht, daß der Sprengstoff, durch den die Explosion verursacht, von verbrecherischer Seite gelegt worden." ..Das ist abermals ein Werk dieser grauenhaften Menschen, dieser Nihilisten," sagte Lcwinski. ״Der Gouverneur hatte den Tod doppelt und dreifach verdient," fiel Ignaz erregt ein, ״er war ein Scheusal in Menschengestalt." ^Fortsetzung folgt.)