Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-01-15
- Page
- 39 (sequence 2)
- Language
- German
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39 ״Wie sollte ich nicht, Paul Nikolowitsch, sie wird mir unvergeßlich bleiben so lange ich lebe." ״Und Ihres Versprechens? -. Ihres lN'löbnisjes? -— 1ןeben feit S!e dessen?" ״Ist Ihre Mutter gestorben?" fragte cketoinsti hastig. Herzlow schüttelte den Kopf. ״Sic stirbt bereits seit länger als vier Jahren, doch hat sie es noch nicht vollbracht. ״Ich glaubte es ans Ihrer Frage schließen zu müssen", murmelte Vewinsli. Abermals schüttelte Her;--׳ low den Kopf. Dann fragte er plötzlich hastig : ״Warna! aber warten Sie? warum? — warum?" Vciuin^fi blickte verwundert \\\ ihm auf. ״Ich versiehe Sie nicht — ich weiß nicht, was Sie meinen. Ich habe gelobt, Ihnen beiziistehen, sobald Sie die Befreiung Ihrer Schtvester —" ״Ich muß lvarten, bis meine arme Mutter die lichtlosen Augen für immer geschlossen — ich faitit, ich darf sie nicht verhungern lassen, doch Sie —" ״WaS könnte denn ich allein — 'י ״Sie allein —״ Um Herzkow's Lippen zuckte es höhnisch. ״Ignaz Abramowitsch, Sie haben das beste Herz, Sie haben Math, Sie haben Verstand — und dennoch — sollte Ihnen in Wirklichkeit das Verständnis; fehlen für das Unglück unseres Volkes? — Bei Ihnen sollte cs sieh doch nicht allein um die Befreiung meiner Schtvester handeln. Tausende mib Ab er tan sende schmachten in den Eiswüsten Sibiriens und haben kein größeres Verbrechen begangen als Katinka, Millionen verkommen unter dem wuchtigen Druck, der zermalmend ans ihnen lastet — faul ist altes in dem gigantischen Erdkoloß., der sich vom weißen bis zum schwarzen Meere dehnt, von! Herzen Enropa's bis zur Behringsstraße sich erstreckt — Doch es er-׳ wachen allmählich die Bessern, die Kühnen aus langem todesähiilicheit Schlaf ----- überall regt es sich — freie Bahn zu schaffen, das Bestehende, das Faule z׳n ver- Nichten und —״ ״Warum saget! Sie mir das, Paul Nikolowitsch? was vermag denn ich, der Einzelne —" ״Der Einzelne vermag nichts, Tausende vermögen vieles, Zehn tausende vermögen Alles, und doch bestehen Zchntanscude nur ans ebenso vielen Einzelnen.׳ -- Wer ein Herz hat für die beiden unseres Voltes — oder hätte ich mich in Ihnen verrechnet — Sie sind reich — das Geld macht hart und kalt —" ,,Nicht Alle, nicht Jeden," siel Lewinsl! lebhaft ein, ״o, wie oft hat rriir das Herz geblutet, wenn ich des Druckes gedacht, dem das unglückliche Volt nahezu erliegt, wenn die unsäglichen?eiben jener zahllosen Verbannten —" ״Und Sie tonnten sich dennoch des Wohllebens erfreuen, das des Zufalls Laune Ihnen beschiedcn? tonnten schwelgen, wo die Massen darben, wo —״ Dunkle Glnth hatte Lewinski's frisches Antlitz überzogen, er richtete sich stramm aus, mib mit einem gewissen trotzigen Ausdruck begegneten seine Hellen klarcn Angen den dunkel glühenden seines Begleiters. ״Paul Itttolowitsch, wer und was giebt Ihnen ein Recht, so über mich zu urthcilcn — mich 311 vcrnrtheilen? — hätte ich den Reichthum meines Vaters unter die Massen vertheilen können? oder was hätte es ihnen genützt, wenn ich mit ihnen gedarbt? —״ ״Es handelt sich jetzt nicht darum, was Sie gethan oder nicht gcthan haben — cs handelt sich darum, was Sie thun können, thnn sollen." ״Und tvas könnte ich, was sollte ich thnn? —" Abermals trat eine Panse ein: Herzkow's Blick ruhte prüfend ans dem elegant gekleideten Jüngling an seiner Seite. ״Reden Sie", drängte dieser, ״sagen Sie mir: was soll, was kann ich thun? — ich, der Einzelne—?" ״Schon wieder der Einzelne— wie oft soll ich cs Ihnen noch wiederholen, daß die Massen ans Ein-;einen bestehen? — Schließen Sie sich der Masse an und Sie haben anfgehört, der Einzelne zu sein." Lewinsti evröthete abermals. ״Welcher Masse sollte ich!nich auschließen?" fragte er, und seine Stimme vibrirte leicht. Abermals zuckte es tvic verächtlich um Hcrzkow'ö sein gespaltene Lippen. ״Fürchten Sic nicht, daß ich Sie ansfordern würde, sich jenen Massen anzuschließeu, die darben, davon hätte in der Thal Keiner Gewinn. — Doch Sie mit Ihrem warmfnhlmden Herzen,-mit Ihrem Hellen Kops, mit den Ihnen reichlich zu Gebote stehenden Mitteln, Sie sollten sich jenen Edlen anschließen, die sich geeint, die Fesseln zu sprengen, den Druck abzuwälzen, das Volk zu befreien. — Ignaz Abramowitsch, ich fordere Sie ans, sich uns anzuschließen, die wir geschworen haben, die Bahn frei zu machen » zu vernichten alles Faule — wegzuräumen all die Trümmer, all den Schutt und all den Schmutz, den die sangen Jahrhunderte der Knechtschaft gehäuft! —״ Er halte langsam gesprochen, jedes Wort betonend; uue beschtvörend haftete sein Blick an dem jugendlich frischen Angesicht des Freundes, auf dem die Glnth in jähem ׳Wechsel stieg und schwand. -- Die Brust des jungen Mannes hob sich rascher, sein Herz pochte laut. — Es war ja wahr, trotz des Wohllebens, in dem er ausgewachsen, hatte er das Elend seiner Neben- Menschen warm mitgcfühlt — und nun war er auf« gefordert, an dem großen Werk der Befreiung sich zu betheiligen, anfacfordcrt von dem Freunde, zu dem er emporblickte, den er verehrte mit aller Glnth seines jugendlichen Herzens. Seine Erregung übermamtte