Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1885)
- Article
- Die Lehrerversammlung zu Berlin
- Date
- 1885-01-15
- Page
- 35 (sequence 1)
- Language
- German
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Die lthrttmsimiilliiilg 1!ן jjrrlin j am 550. und 30. Dezember ISS 1.! I (Forschung.) . j Es waren doch vernünftige Männer, die in Berlin tagten, Männer in Amt und Würden, fachkundige, erfahrene, vielleicht gelehrte Männer, die theilo durch ihre hervorragende Stellung zu der jüdischen Religions schule,!Heils alo Dclegirte von Provinzial-Hehrer- Vereinen sich in ihrer Totalität als die Elite des Lehramts an der jüdischen Rcligionsschule Deutschlands betrachten dursten. Es wäre in Erwägung aller dieser Umstände höchst interessant und lehrreich zu erfahren, wie diese Herren sich denn eigentlich die Lösung des sich gestellten Problems gedacht haben. Die Möglichkeit für eine solche muß doch die nothwendigc Voraussetzung für den Eintritt in die Verhandlung gebildet haben. Wie behandelt mau aber die Festsetzung eines Lehr- Plans, das ist ja wohl die Auswahl und die Bcrthcilung des Lehrstoffs für das durch den Unterricht zu erreichende Ziel aus die zur Verfügung stehende Unterrichtszeit, ohne sich über Ziel und Inhalt des Lehrstoffs zu verständigen? Schließt man hierüber die Erörterung aus, so kann solches nur aus dem Grunde geschehen, weil ntan sich hierin in vollständiger Uebercinstimmung der Ansichten dergestalt sicher weiß, daß cS dafür gar keines Meinungsaustausches mehr bedürfe und ntan zur Vermeidung einer überflüssigen Vcrschwcudnng der kostbaren Zeit gleich in medi:1s res cintretcn könne. Daß aber dieses hier bei den vcrsammelten Herren keineswegs der Fall gewesen, darüber konnte sich jeder Einzelne von ihnen nicht im Zrrthum befinden. Es lag ja schon die Thatsache jener verschiedenen Gutachten vor, welche unmöglich in dem von dem Deutsch-Israelitischen Gcmeindebunde zur Versendung gebrachten Elaborate seiner Fach, komntission ihren einhelligen Ausdruck in Bezug auf Ziel und Inhalt des jüdischen Religionsunterrichts finden konnten. Außerdem aber sind cs doch keine einander gänzlich unbekannte Männer, welche sich hier vereinigten, und sic mußten in ihrer Majorität jedenfalls wissen, daß sehr divergirende Ansichten über die Verpflichtungskrast der jüdischen Lehren nnb Gesetze unter ihnen obwalteten, welche auch in dem praktischen Leben bereits zum Ausdruck gekommen. Es fehlte also durchaus an jener Voraussetzung der Einmüthigkeit in Betreff der religiösen Anschauung und, cs dürfte dieses wohl schwerlich als ein nicht berechtigter Schluß angesehen werden, der Ausgabe und des Wesens, das ist Ziel und Inhalt, des Religionsunterrichts. Denn dieser muß sich vor Allem des Einflusses bewußt sein, den er für das Leben der Schüler ausüben will. Er zählt zu den eminent praktischen Gegenständen des Iugcudnntcrrichts, ebenso wohl wie der Lese-, Schreib- und Nechennnterricht der Volksschulen. Nun ist es doch nicht in Abrede zu nehmen, daß cs ein Himmelweiter Unterschied ist, ob die Schule sich das Ziel steckt, ihre Zöglinge zur gewissenhaften Beobachtung und Bcthätigung der Lehren und Satzungen dcS jüdischeu Religionsgesctzcs, wie es in der schriftlichen und mündlichen Ucbcrliefernng gegeben und im Schnlchaii- Aruch kodisizirt ist. erziehen, oder ihr nur gewisse Morallehrcn und eine sich ans den Besuch des sabbathlichen oder feicrtägigcn Gottesdienstes mit dem Fasten am Jom-Kippur als säst einzige spezifisch jüdische Religionsübnngcn lehren will. Oder, um es ganz kurz zu bezeichnen, es ist ein hinunelweitcr Unterschied, ob die Schule das orthodoxe Indcnthnm oder das fast nur in der Negation des Gesetzes sich bewährende Iudcnthum der Reform als das ihre anerkennt. Und ferner wird man nicht leugnen wollen, daß gerade der gleiche Unterschied, welcher zwischen Orthodoxie und Reform.heute vorhanden, auch in dem Rcligionsunterrichte, und somit auch in den! Lehrplane für einen solchen, nothweudiger Weise bestehen muß. Wie sich also die Herren Seminardirektorcn, Rabbiner-Lehrer und NeLigionSlchrer in Berlin die Möglichkeit einer gemeinsamen Feststellung eines NormallehrplanS jür.den jüdischen Religionsunterricht gedacht haben können, ist uns nicht erfindlich, und wir sind ans eine Darlegung derselben von bcthciligter Seite sehr gespannt. Nur wenn man Verzicht leistet ans das Bekenntniß der Wahrheit und — ans welchem Grunde immerhin — es für zweckmäßig erachtet, den klaffenden Riß zu verdecken, welcher die heutige Indcnheit zerthcilt, wird man sich den Zwang anflcgen, anscheinend eine ernste Berathung zu pflegen und eine Uebcreinstimmnng zu protlamiren, die thatsächlich ebenso wenig vorhanden, wie die Berathung eine' ernsthaft gemeinte und den wirklichen Zweck der gedeihlichen Förderung des Neligionsnntcrrichts bezietcndc gewesen ist. Das ist so sehr unsere innerste Ueberzcugnng, daß wir den Herren Di5 .׳k irsch st c i n und Professor Steint ha l unsere aufrichtige Anerkennung dafür zollen, daß sie diesen nach unserer Anschauung unwürdigen Zwang nicht lange ertragen konnten und frank und frei, wie cs Männern geziemt, denen auf die Dauer jede Heuchelei zuwider wird, ihrer Anschauung über den Zweck und den Inhalt des zu behandelnden Gegenstandes freien Lauf gaben. Wir sinden daö Verfahren dieser beiden Herren im Gegensatz zu der Haltung ihrer Kollegen nicht nur vom sittlichen Standpunkte aus durchaus korrekt, sondern auch der Sache und der Aufgabe der Versammlung ebenso vollständig angemessen. Wir haben