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Jeschurun · 1885-01-15 · Heft 3 (15.1.1885) · p. 34

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 3 (15.1.1885)
Article
Der Antisemitismus des Philosophen
Date
1885-01-15
Page
34 (sequence 2)
Language
German
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f brauchte fein Wissen nicht für den Betrieb seines Ge-!! schäfts, Beide pflegten die Wissenschaft als Selbstzweck.! 1 Sind die ״ibcalci," Deutschen des Herrn von -Hart-!! manu auch סן nnprattisch, wie die ans Gewinnst angeb- :1 lid) so sehr ^erpichten ״durchaus realistischen" Juden? j -Herr von Hartmann studirc erst das jüdische Volk und s spreche nicht über Millionen Menschen ein Ürthcil nach ן der zufälligen Wahrnehmung, die er vielleicht bei einigen I Wenigen zn machen Gelegenheit hatte, die ihm;ufällig I begegnet: — das dürste eines Philosophen würdiger j sein. — 1 Aber der Philosoph Hartmann ist im Streit mit 1 dem Antisemiten Hart mann. Wo jener eine ancrkennens- 1 wcrthe und lobenswürdige Seite an dem jüdischen j Stamme entdeckt hat, da weiß dieser das Ancrkenncns-; und Lobcnowerthe in das Gcgeutheil zu verkehren. 1 Der Philosoph spricht: ״Die Jüdinnen zeichnen sich j durch Keuschheit aus; Beweis: Das geringe Kontingent, s welchco das Judeuthum zur Prostitution liefert." Eine; solche Anerkennung der Jüdinnen durch den Philosophen I Eduard von Hartmann verdrießt aber den Antisemiten j Eduard von Hartmann, und dieser fügt flugs, nachdem 1 der Philosoph kaum Athen, geschöpft, hinzu: ״Diese s Keuschheit der Jüdinnen stammt zwar nicht so sehr j aus dem Temperament, sondern aus der Berechnung, :5 wie der Umstand beweist, daß dieselbe in ihr Gegenj thcil umschlägt, wo letzteres profitlicher wird, B. auf j der Bühne." Und der Philosoph Hartmann ist so \ schwach 11 nb unselbstständig, daß er dem Antisemiten : Hartmann kein Wort zu erwidern weiß, und zu dieser; wahrhaft abscheulichen Verdächtigung und kläglichen s Argumeutirnng schweigt. 1 Man traut kaum seinen Augen. Etwas Be- 1 schämenderes, Erniedrigenderes, Entwürdigenderes ist 1 bis;1! diesen! Augenblicke noch von keinem Judensciude j gegen die Juden vorgcbracht worden. Nicht an den 1 Antisemiten Hartmann wollen wir uns wenden — mit '5 dem ist so wenig zu verhandeln, wie mit den Marr, z Henriei n. s. w. — aber der Philosoph Hartmann möge ] uns Rechenschaft geben für diese uns angerhane Schmach, s er, der ״objektiv abznwägcn sucht." Wahrlich, er hat : für den ersten Satz seines Werks: ״ein Philosoph, der; sich zu einer Partei schlägt, hört in demselben Augen-; blicke auf, es zu sein", den überzeugendsten Beweis j erbracht, schlagender als er je zu liefern ist. Die Keuschj heit der Jüdinnen steht ihm durch empirische Induktion f fest. Wie gelangt er aber zu der unsittlichen Ursache { dieser jüdischen Sittlichkeit? Ebensalls auf empirischem 1 Wege. Weil cS Jüdinnen giebt, welche sich der Bühne ] gewidmet haben und unter diesen sich vielleicht, oder s nach Hartmann bestin!mt, einige oder viele befinden,;welche von der nach Hartmann für die Gesammthcit -z 6ls gewiß zugestandcnen Keuschheit abwcichen, und zwar weil sie die Unkenschheit ״profitlicher" finden, daraus ist dem Philosophen Hartmann zur Gewißheit geworden, daß die Gesalnmtheir der Jüdinnen nur deshalb keusch sind, weil ihnen, die uicht der Bühne augehören, die Keuschheit ״profitlicher" dünkt. Bor einer solchen Logik ziehen wir bewundernd den Hut. Wir haben keine Beziehungen weder zu den jüdischen noch nichtjüdischen Theatcrprinzcssinncn, und cs steht uns deshalb kein Urtheil über. deren Keuschheit zu, wie Herrn Hartmann. Wir müßten uns aber sehr täuschen, wenn nicht auch die Vertreterinnen der dramatischen Kunst im Allgemeinen aus Ehrbarkeit Anspruch hätten; wir glauben, daß das Gcgeutheil die Ausnahme ist. Aber sollte diese Ausnahme eben nur ans den jüdischen Theil der Bühnenangehörigcn kommen? Schwerlich. Bei unserem vollen Respekt vor dem universellen Wissen Hartmann's glauben wir nicht, ihm eine so eingehende und umfassende Kenutniß der Moralität sämmtlicher Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen zuschreiben zu dürfen, 'um anzunehmcn, daß er mit apodiktischer Gewißheit dieses zu behaupten im Stande sei. Würde aber auch bei dein nichtjüdischen Theil der Knnstjüngerinnen eine solche Ausnahme slattfinden, so wäre damit für die deutsche Frauenwelt, welcher er ebenfalls Keuschheit zncrkeunt, das Gleiche erwiesen, wie für die Jüdinnen. Aber, auch angenommen, diese Ausnähme fände ausschließlich bei den jüdischenKünstlerinneu statt, so bildeten doch diese nur einen fast verschwindenden Bruchtheil der Jüdinnen überhaupt, und von dieser winzigsten Minorität, welche unter abnormen Lebensbedingungcn sich befindet, aus die Gcsammtheit zu schließen, die zugcstandener Maßen im Punkte der Keuschheit im ausgesprochenen Gegensatz zu j-mcr steht, das dürfte doch dem gesuuden Menschenverstände und auch den philosophischen Maximen geradezu Hohn sprechen. Die Keuschheit der Jüdinnen, Herr Hartmann, entspringt a-us dem hohen Ade! ihres Sittlichkeitsgefühls, aus der riefen Religiosität, und — was Ihnen gelausiger ist — aus dein augcerbtcn ״Temperament", der angeerbten Reinheit der Empfindung, welche vor allen. Unedlen und Gemeinen eine angeborene Scheu hegt. Das ist unsere Erfahrung, die wir die Jüdinnen besser kennen, die wir inniger vertrant sind uttt jüdischeu Müttern, Gattinnen, Schwestern und Töchtern, die wir die ganze Schmach empfinden,, welche Sie nnS anthun, inbem Sie sich nicht entblöden, das jüdische Weib hcrabznwnrdigen, und da sie 'keinen Makel an ihm entdecken können, eben dieser Makellosigkeit einen Makel andichtcn. Lernen Sic erst das 'Wesen des jüdischen Weibes begreifen, bevor Sie sich erkühnen, den Werth seiner Sittlichkeit in Frage zu ziehen. (Fortsetzung folgt.)

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