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Jeschurun · 1885-01-08 · Heft 2 (8.1.1885) · p. 31

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 2 (8.1.1885)
Article
Nihilismus und Judenthum
Date
1885-01-08
Page
31 (sequence 2)
Language
German
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31 rührt, so — doch geschehene Dinge sind nicht ungeschchen zn machen. — Kommen Sie, ich will Ihnen erzählen, wie sich das alles so rasch gemacht hat und so schön! '— Wenn Sic dann so freundlich sein wollten, mit meinen Eltern zu sprechen —" ״Ich wiederhole", cntgcgncre Frau Lcwinski, ״ich werde mein Möglichstes thun." ״Dank, liebe Frau Lcwinski", und sic zog die Hand der braven Frau an ihre Lippen, ״und nun bitte, hören Sie. Als ich gestern hier bei Ihnen war und Ihnen :nein Unglück klagte und als ich dann im Lause des Gespräches ans meine liebe, gute, selige Großmama kam, da trat deren liebe, ehrwürdige Gestalt so lebhaft vor mein geistiges Auge, daß ich eine Erzählung wieder zu vernehmen glaubte, die ich einst, o, wie oft, ans ihrem thcuren Munde vernommcn. Sie warnte uns stets, meine Schwester und mich, nie, auch nicht im Scherz, einen Werthgegenständ ans den Händen eines Herrn zu nehmen, denn die jüdische Trauung bestehe eigentlich nur darin, daß der Bräutigam der Braut vor Zeugen einen Ring an den Finger steckt, und dabei sagt: mit diesem Ring bist du mir angetrant nach dem Gesetze Mosis lind Israels, und daß schon öfters reiche Mädchen dadurch unglücklich geworden wären, daß irgend ein Elender ihnen einen Ring überreicht und dabei jene Phrase ausgesprochen habe. Dann hätten sie keinen Andern heirathen dürfen, ohne von dem Betreffenden vorher einen Scheidebrief erhalten zu haben, den sich der Betreffende nicht selten mit Gold habe auswicgcn lassen. Wie gesagt, während meiner größten Verzweiflung gestern kam niir diese Erinnerung, wie ein Fingerzeig, wie eine göttliche Mahnung. Ich betrachtete cS als meine Pflicht, derselben Folge zu leisten. Es gelang mir, Alfons zn sprechen; ich thcilte ihm meinen Plan mit, selbstverständlich ging er freudig darauf ein, und heute Morgen, als ich im Kurgartcn lustwandelte, trat er mit zweien seiner Freunde mir entgegen, überreichte mir diesen Ring, indem er die jüdische Tranungsforme! dabei sprach. Ich bin daher Alfons rechtntäßig ihm angetrante Gattin." ״Leider, leider glaube ich in der That, daß Sic nicht so ohne Weiteres einen Anderen heirathen dürsten." ״Liebste, beste Frau Lcwinski, ich bitte Sie um des Himmelswillen, machen Sic doch kein so trübseliges Gesicht, wo ich so froh, so glücklich bin. Und wissen Sie, was ich mir fest vorgenommeit habe? wenn es, wie ich gar nicht zweifle, Ihren Vorstellungen gelingen wird, meine Eltern zur Einsicht und zur Einwilligung zu bewegen, so hätte ich dieses doch ganz eigentlich unserer heiligen Religion zu danken, deren weise Institutionen es den Liebenden so leicht machen, dem Bund ihrer Herzen die religiöse Weihe zu verleihen — und darum ist cs auch mein fester Wille, meinen künftigen Haushalt streng religiös zn führen, ganz so wie ich cs bei incincr guten, seligen Großmama gesehen." ״Gott segne Sie, liebes Kind, für diesen Vorsatz," siel Frau Lcwinski ein, ״doch ich muß Ihnen bcmerken, daß unsere heilige 'Religion ein Vorgehen, wie das Ihre, nach jeder Richtung hin entschieden mißbilligt. Trotzdem werde ich bei Ihrer! Ellern für Sie sprechen." Irene drückte die Hand der Freundlichen an ihre Lippen. ״Bon Vornherein meinen innigsten Dank; ich bin überzeugt, es wird gelingen und seien auch Sic überzeugt, daß ich meinen Vorsatz halten werde. Ich freue mich, ich habe ein gutes Gcdächtniß und weiß noch ganz genau, wie die liebe, gute Großmama es gehalten. Alle Freitag Abend lange geflochtene Weißbrode mit Mohn bestreut und saure Fische mit Zwicbclsauee, an! Sabbath Mittag Bohnensuppe mit einem recht fetten Mehlkloß, und am Neujahr müssen die geflochtenen Weißbrode rund sein, und einmal mitten im Winter, ich weiß nicht genau, ob in! Januar oder Februar, ich glaube, Großmama sagte, es wäre der Namenstag der Bäume, da werde ich die schönsten Früchte aus der Markthalle kommen lassen 0 —־, Sie werden sehen, ich werde so fromm sein —" Tolza lachte hell auf. Irene blickte sie fragend an. ״Warum lachen Sie? glauben Sic, ich würde nicht Wort halten?" ״Das glaube ich durchaus nicht, liebe Irene, es kommt mir nur so cigcuthümlich vor, daß Sie gelobt, diese nebensächlichen Gebräuche so genau zn beobachten." Irene war in Wirklichkeit überrascht. ״Ich habe iinmcr geglaubt, Sie wären so fromm wie meine Großmama — aber —" ״Liebes Fräulein", siel Frau Lcwinski ein, ״ich glaube in der That, Sie befinden sich in einem Irrthum —" ״In einem Irrthum?" ״Wenn Sie in jenen Gebräuchen, die Sie so eben genannt haben, die Hauptmcrklnale eines jüdischen Haushaltes finden, so irren Sie sehr." ״Was muß man denn noch thun? — Mir füllt im Augenblick wirklich weiter nichts ein." ״Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, so lange wir noch hier sind, Sie in dieser Beziehung so viel als möglich zn instruircn, und werde Ihnen dann einige Bücher empfehlen, ans denen Sie vollständige Belehrung erhalten können." ״Innigen, herzinnigen Dank. Und so wie wir nach Hanse kommen׳, muß Alfons mir einen Sitz im Tempel mkethen und ein schönes Gebetbuch, in Prachteinband, in Sammet und Elfenbein belegt." — (F. f.) \

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