Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1885)
- Article
- Nihilismus und Judenthum
- Date
- 1885-01-08
- Page
- 30 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2933101-2933104-2959490--17649-2959530- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
BO Wliilwmus und Iudcntlium.! Bon n r t c b 1־ i d) SR 011. ( r-.'ülc :Ucclitc t'kUDcIhtltcn. j Fortsct^unq. ׳ ’ Die Eltern tonnte» c# daher nicht anfjallcnd sindcn, ' daß das sonst so heitere Mädchen während des ganzen Tages still und schweigsam blieb und daß, wenn sie doch hin und wieder ein Wort sich entreißen ließ, cS wie gehaucht, kaum über die zuckenden Lippen glitt, während ans bem matt gesenkten Blick der herbste Scclcnjchmcrz sprach. Bei den gemeinsamen Mahl׳ zelten hatte Irene sich nicht blicken lassen, sic fühle sich nicht im Stande, auch nur das Geringste zn genießen. Dieser stumme und doch so sichtlich tiefe Schmerz ihres schönen Kindes hatte die Mutter tief erschüttert, sic begann bereits, sich und dem Gatten Vorwürfe zn machen, daß sie das eine Kind bem Hochmnthe des Andern opfern wollten. Herr Ncitzcnstcin zuckle die Achseln. Irene hatte vor einigen Tagen in der Ansläge eines InivclierS ein Kollier bewundert, er ließ eS kommen und nrachtc es ihr zum Geschenk, indcin er sic bat, am Abend sich damit zn schmücken. Irene nahm cs ohne cs cincS VlickcS zu würdigen, und hauchte seufzend ihren Dank. Der Aufforderung der Mutter entsprechend, machte sic gegen Abend zn der erwähnten Soiree Toilette, legte auch das Kollier dcS Vaters an; als sie jedoch in den Wagen steigen sollte, brach sie fast ohnmächtig znsammcn, der vehemente Kopfschmerz, der sie den ganzen Tag gequält, wäre geradezu unerträglich geworden, sie müsse sich niedcrlcgen. Frau Reitzensiein war jo erschreckt, daß sic selbst zu Hause bleiben wollte, ihr leidendes Kind zu pflegen. Doch Irene versicherte, che sic zugebcn werde, daß die Mutter um ihretwillen einem Vergnügen entsage, lieber lvcrde sie trotz ihres Leidens die Gesellschaft besuchen. Endlich waren die Eltern fort, Irene hatte sich in ihrem Zinnncr cingeschlosscu. hatte die Helle, rauschende Gcscllschaftsrobe mit einem einfachen dnnkelen Morgenklcid vertauscht, linö als es draußen in den HanSgäugcu stille ward, schlüpfte sie hinaus und gelangte unbemerkt in den am Hanse anstoßenden Garten, wo ihr getreuer Scladon ihrer harrte. Es war am solgendeu Tage, Frau LcwinSki und ihre Tochter halten wiederum den Morgenkaffee eiligenominell, als, wie am vorigen Tage, die Thür hastig aufgcrisscn wurde, und Fräulein Neitzcnstcin laut jubelnd in das Zimmer stürzte. ״Wünschen Sic urir Glück, Frau LcwinSki, wünschen Sie mir Glück, liebste Tolza, heute ist mein Hochzeitstag!" und dabei schloß sic die Freundin so fest in ihre Arme, daß diese kaum zn athmcu vermochte. ״Hcrzinlligcn Glückwunsch, liebe Irene," sagte Tolza, die Umarmung erwidernd. ״Empfangen Sic auch meine besten Wünsche, liebes Fräulein," fügte Frau LcwinSki hinzu, ״das ist ja überaus rasch gegangen, sehen Sic, daß man nicht sogleich verzweifeln muß." Irene lachte hell auf. ״Hilf Dir selbst, und Gott wird Dir helfen. Aber nun, liebste Frau LcwinSki, erlaube ich mir, Sie an Ihre gütige Zusage zu erinner», Sie wollten bei meinen Eltern meine freundliche Fürsprecherin sein." Mutter und Tochter blickten sie überraschend an. ״Sie scherzen, Kind." Fräulein Neitzcnstein schüttelte mnthwillig lachend die schönen glänzenden Locken. ״Ich spreche in vollem Ernst." ״Aber Sie forderten so eben unsere Glückwünsche—" ״Zn meinem Hochzeitstag, nun ja, freilich, AlsonS hat sich heute Morgen mit mir vermählt, und ich wollte Sie, liebe Frau LcwinSki, nun ersuchen, meine Eltern davon in Kcnntniß zu setzen." ״Irene!" rief Tolza erbleichend. ״Ich hoffe dennoch, Fräulein, daß cS sich nur um einen Scherz handelt." Frau LewinSki sprach diese Worte in so tiefem Ernst, daß auch aus JrcuenS strahlcndent Angesicht das Lächeln wich, doch sie war nicht so leicht außer Fassung zn bringen. ״Ich bin glücklich, Frau LcwinSki, versichern zn! können, daß ich in vollem Ernst gesprochen."! ״Großer Gott, welcher Leichtsinn! ich werde mein! Möglichstes thnn, aber wenn sich Ihre Eltern nicht j bewegen lassen?" Irene zuckte die Achseln. ״Ich bleibe meinem Gatten treu bis in den Tod. ״Irene! Sic sprechen von Ihrem Gatten! — Sie haben sich in Wirklichkeit gegen den Willen Ihrer Eltern vermählt?" Sic neigte mit glücklichem Lächeln bejahend das schöne Haupt. ״Aber um dcS Himmclswilten! wie haben Sie das 11)1111 können, und wie haben Sie so rasch —" ״Sie sollen Alles erfahren, liebe Tolza, ich will Ihnen Alles mittheilen, nur blicken Sie mich nicht so strenge an, so schrcckenvoll. Ich bin so froh, so glücklich — mögen nun meine Eltern einwilligen odtr nicht, keine Macht der Erde kann mich jetzt von meinem AlfonS trennen." Doch Frau Lewinski schüttelte noch immer ernst das Haupt. ״Dieser Leichtsinn! dieser Leichtsinn!" Irene umschlang sie und zog sic neben sich auf'S Kanapee ״Seien Sic nicht böse, liebe Frau Lewinski, wenn ich gewußt hätte, daß cs Sie so schmerzlich be-