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Jeschurun · 1885-01-08 · Heft 2 (8.1.1885) · p. 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 2 (8.1.1885)
Article
Nachtgestirne
Date
1885-01-08
Page
24 (sequence 3)
Language
German
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24 Stirne. Sie beschwört den Traumgott, ihm das Bild ן ihres Brautgemachcs vorzugaukeln und will über seinen i Schlummer wachen, bis er erwacht sein wird. — Aber j Mara scheint von ihrem Liede nicht im Geringsten - ergriffen zu sein. Mit ruhigem Gemüth schreitet sie; weiter, bis unter die wankende Wölbung des einstigen < Hauptthorcs. Hier unterbricht sie ihren Sang, aber i nicht etwa aus erwachter Unlust. Unter der glühenden! Masse einer hcrabgestürztcn Thorwölbung endete sic! ihr trauriges Dasein.- j Gabriels entschlossene ManneSnatur hatte nach! knzcm aber heftigem Sturme sich bald zur ruhigen Resignation in die Fügung Gottes emporgcruugcn, nicht so to. Mit besorgtem Kummer gewahrte Gabriel, daß sich die Seele Lea'S zunehmend in die düsteren Schatten der Trauer versenke. Sie nahm au nichts Theil, waS im Hause vorging; das Geschäft, welches blühender ging als je, überließ sie ganz Gabriel und die Führung des Haushaltes ihren zwei Tanten, welche ebenfalls im Hause wohnten. Das frische, muntere Mädchen, dessen reger Geist früher keine Minute muffig bleiben konnte, pflegte jetzt Tage lang, starr zur Erde blickend, die Hände im Schooße ruhen zu lassen, oder in die düstere, ausgesrorcne Wintcrlaudschaft hinaus- Zusehen. Alles um sie her war ihr gleichgültig geworden, nichts hatte Interesse genug, um sic von ihrer trüben Versunkenheit in sich selbst abzulenken. Sie that Alles wie abwesend, und waS nur irgendwie eine Sammlung der Gedanken beanspruchte vermied sie mit einem gewissen Widerwillen. Darum sprach sie nur sehr selten und auch dann einsilbig und zerstreut. Gabriel erfüllte diese unheimliche Stille der Schmerzeusäußeruug mit Granen, er wäre beruhigter gewesen, wenn das geliebte Mädchen in seinem Schmerze geweint, gejammert und getobt Hütte. So aber war er Menschenkcnncr genug, um von den düstersten Befürchtungen erfüllt zu sein. Wird sic sich auf dem schwarzen Eilande der pessitnistischeu Sclbstbcspiegelung nicht zu sehr verirren, um die Brücke nicht wicdcrsindcn zu können, die das Individnum mit der Außenwelt verbindet? Wird sie sich nicht so weit in sich selbst vertiefen, daß es ihr nicht mehr möglich sein wird, jenen Objektivismus zu erlangen, welcher die bedingende Grundlage zu einer vernünftigen Existenz bildet? Unter solchen Umstanden verstrich ein langer, banger Winter. Und die lauen Winde brausten in das Lund, die Eis und Schnee schmolzen, die den bleiernen Wolkcnsarg des Himmele sprengten und nun auf seiner gereinigten, tiefblauen Flur silberwollige Lämmlein aus die Weide trieben. Und das treue, braune Angesicht der lieben Erde erschien wieder frei von Schnee und Eis und sog aufathmend den warmen Strahl der Sonne ein, die Vöglein zwitscherten fröhlich und hell in dm noch blätterlosen Büschen, zwischen dem ersten Grün des sprossenden MooseS erblühten die Veilchen und schwängerten mit ihrem aromatischen Dufte die reine Atmosphäre. Alle« keimte und sproßte und fühlte den Drang und die Lust der wiedercrwachten Lebensgeister, und das fluthende Gold des Sonnenlichts ergoß sich mächtig aus dem blauen Kelche deö Himmels über die ganze Welt und drang in jeden verstecktesten Winkel hinein und auch — in das Herz Lea's. An einem jener FrühlingSabcnde, wo einem die Welt als die vollendetste Harmonie eines anSklingendcn Akkords erscheint, die selbst vom leisesten Mißton nicht gestört wird, saßen Lea und Gabriel wieder unter dem Nußbaume bei den Gräbern. Lea's Blicke ruhten mit einer düstern Beharrlichkeit auf den nicdern Hügeln und Grabsteinen, diejenigen Gabriels aber mit wehmüthiger Besorgniß auf den gebleichten und abgemagerten Wangen der Braut. Plötzlich entrang sich ein heftiges Schluchzen ihrer beklemmten Brust, welches ihren ganzen Körper erschütterte, sie warf sich leidenschaftlich an das Herz Gabriels und weinte laut, und große heiße Thränen rollten unaufhörlich über ihre Wangen. Gabriel sprach ihr keinen Trost zu und suchte sie nicht zu beruhigen. Er ließ sie sich ungestört auSweincn. Von diesem Momente an war Lea gerettet, sie war der Welt — ober besser gesagt, die Welt war ihr wiedergegeben... Die Zeit bewährte wieder einmal ihre heilende Wir-; kimg, aus den Gräbern wuchs das Moos immer dichter, und die Wunden der Lebenden verharrschten! allmählich. So ist die Ordnung der Dinge und für! die Zeitlichkeit istö am besten. Nach Ablauf deS! Trauerjahres wurde die reine und geläuterte Liebe der : zwei edlen Herzen durch den Ehebnud besiegelt. Ein reicher Kindersegen beglückte das schwergeprüfte Paar, das Hauswesen gedieh herrlich unter der kräftigen Leitung Gabriels, welche harmonisch durch das sinnige Walten seines holden Weibes ergänzt wurde. Treu den Traditionen der Familie Nohrbach war das Haus Gabriels stets ein Tempel des Friedens, der Gottesfurcht und der Menschenliebe. — Die Familie Nohrbach ist auch heute noch die angesehenste im Bergstädtchcn S—z, und die späten Enkel sind noch heute stolz auf ihre heldenhaften Ahnen. In der Synagoge aber werden noch immer an jedem ..Haskarot Neschamot" - Tage die Namen der drei Märtyrer laut vom Vorbetcr vorgctragcn und die ganze Gemeindc leid für ihr Seelenheil. Graf Eugen von Ormay zog wirklich, nachdem er das tragische Ende seines Vaters vernommen, im Hcergcsolge deS großen Feldhcrrn Palfy gegen die Türkei und starb den Heldentod.

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