Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1885)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1885-01-08
- Page
- 23 (sequence 2)
- Language
- German
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23 Vater noch Mutter mehr autraf. Und sie war um so bejammerSwcriher, als ihr auch der starke Arm Gabriels fehlte, an welchem sie sich aus ihrem Schmerze hätte anfrichten können. Gabriel hatte in der ersten Zeit selbst genug zu thun, tun sich der Pein der BariL'iu'fc seines Gewissens zu erwehren, die ihn als den Urheber deS Unglücks anklagten. Die Bevölkerung war der letzten Worte Salomon Rohrbach'S eingedenk. Jeder überbot den Nächsten in der Bezeugung tiefsten Mitgefühls für die Leidtragenden, diese aber standen noch 311 sehr im Eindrücke des Gröblichen, als daß sie aus der allgemeinen Theilnahme Trost hätten schöpfen können. DeS andern TagcS wurden die drei Leichen seierkich in die Erde bestattet und alle Einwohner von S—z, Inden sowohl als Christen, schlossen sich dem iniposunlen Lcichenzuge an. ES war gewiß ein Zufall, aber unabftreitbar ein merkwürdiger, daß die drei Brüder an fcner Stelle begraben wurden, wo der erste Ring zu der so tragisch geendeten Kette von Ereignissen gefügt wurde. Der jüdische Friedhof nämlich, der sich hart am Bache und in der Nähe der Burg befand, war von herabgestürzten, noch imnter glimmenden und rauchenden Trümmern der Burg übersät und deshalb unbenutzbar. Man fand demnach keinen geeigneteren BccrdigungSplatz als jene freundliche Stelle aus dem Scheitel deS sanft ansteigenden Ncbenhügels, wo der Ntächtige Nußbanm steht und ein wenig seitwärS davon die Winzerhütte deS Pfarrers. Spüler wurde der jüdische Friedhof dort hinauf verlegt, wo er sich noch heute befindet, und die Winzerhütte wurde zu einem sogenannten ״Zadok-Hadin" - Häuschen nmgcwandclt. Die später hinzngekommenen Gräber aber wurden in beträchtlicher Entfernung von jenen vieren — die Gattin SakomonS wurde an seiner Seite gebettet — gegraben, welche vont Laubdach beschattet, sich um den uralten Stamm reihen, Niemand wurde für würdig befunden, neben jenen drei heiligen Märtyrern zu ruhen. Das nächstfolgende Grab des neuen Friedhofs was dasjenige deS alten Nab Chajiin. Er überlebte das schreckliche Ende der drei besten ״Baale Batim" der ״Kchille" nur um einige Tage. Eines aber hatte der alte Ncb Ehajim von seinem letzten schrecklichen Erlcbnissc dennoch prositirt, feine Furcht vor dem Tode war verschwnnden. Man sagt, daß er ungeduldig seinen letzten Augenblick herbeigcwünscht hat. Eine unwiderstehliche Sehnsucht zog ihn hinüber zu seinem ״guten, theuren Neb Schlome!" Die ganze Gemeinde trauerte u!n die drei Dahingeschiedenen wie unt Vater und Mutter, jeder Jude saß sieben Tage auf der Erde und streute sich Asche ans das Haupt. — Und jetzt zu Mara und ihrem Sohne Johann. Nachdem sie die Burg an etwa zehn Seilen angczündct hatten, standen sie im Hofe und weideten sich wollüstig an dem Anblicke der zahllosen, an allen Ocffnungen bereits hervorzüngelnden Flammen. In wilder Flucht jagte die Dienerschaft und die Bewachung an ihnen vorbei, Niemand beachtete sic. Jeder dachte nur daran, noch frühzeitig genug sich aus dein Bereiche dieser riesigen Feueresse zu retten. Da durchzuckte Plötzlich ein schrecklicher Gedanke das Gehirn Johanns. Wie, wenn auch der Pfarrer und der Graf sich retten sollten? Er hatte wohl die zum Prunksaale führende Haupttreppe in Brand gesetzt und diese mußte nun schon in Heller Lohe stehen und nnpassirbar sein. Er erinnerte sich aber jetzt daran, daß in den Saal auch eine Ncbenthürc mündet. Sein Entschluß war rasch gefaßt. ״Eile, rette Dich", stieß er hervor, ״ich muß noch zurück. Laß Dir um mich nicht bange sein, ich kenne alle Stege in der Burg, ich werde mich zu retten wissen." Und ehe sich Mara dessen versehen, war er in das brennende HauS gestürzt. Der Strom der Flüchtigen riß sie mit. Sie wartete lange auf die Rückkehr Johann'S, aber er kam nicht. Die wachsende Hitze, welche der Brand verursachte, drängte sie immer weiter von der Burg zurück bis die Erschütterung der Detonation sic bewußtlos machte. Zunächst waren eS heftige Physische Schmerzen, die sic aus der Ohnmacht weckten. Das Gesicht und die Hände waren von Brandwunden bedeckt, welche ihr die aus der Lust -regnenden, obzwar erloschen, immer noch heißen Bestandthcilc der ausgeslogcncn Funken verursachten. Die ganze Thätigkcit ihrer Seele beschränkie sich ans dö Bewußtsein ihrer Schmerzen. Später zuckte eine dunkle Ahnung, eine Flucht verschwommener Schattenbilder durch ihren Kopf, und sie stieß einen markerschütternden Schrei ans. Ihr Gesicht verzerrte sich gräßlich, eine übernatürliche Furcht prägte sich in ihren total veränderten Zügen aus. Diese Extase dauerte aber nicht lange, nach einigen Minuten senkte sie den Kopf und ihr Blick wurde gleichgültig. Zufällig richtete sich ihr Blick auf die geschwärzten Nuincnrcste der Burg, aus denen noch immer dicke Rauchsäulen emporgualmten und in ihrem apathischen Gesicht zuckte cS noch einmal flüchtig auf. Zu den dunklen Empfindlingen war noch ein nnkcnntlichcr, formloser Schatten hinzngetrctcn. Sic schländerte scheinbar willenlos dem Trümmerhaufen zu und begann ein unter den Slowaken sehr verbreitetes Lied zu summen. DaS Lied ist die Klage einer an der blutigen Leiche deS in der Schlacht umgckommcnen Geliebten trauernden Braut. Es ist ein ungemein trauriges Lied, sowohl was die Melodie als auch den Text anbelangt. Die Braut, welche in Melancholie verfallen ist, meint, daß der Geliebte nur schlummert und wiegt seinen Stopf auf ihren .Hinein, und singt ihm ein rührendes Wiegenlied und wischt ihm mit einem seinen Batisttüchlein die blutigen Schweißtropfen von der