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Jeschurun · 1885-01-08 · Heft 2 (8.1.1885) · p. 18

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Journal
Jeschurun
Volume
18 (1885)
Issue
Heft 2 (8.1.1885)
Article
Der Antisemitismus des Philosophen
Date
1885-01-08
Page
18 (sequence 2)
Language
German
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unparteiische Philosoph A>artmann lehrt sie vom Käthe- ' der der Wissenschaft! Wir werden daran erinnert, das; derselbe Herr von Hartmann in seiner „Philosophie des Unbewußten" die Existenz Gottes durch den Latz verneint: omne vivum ex ovo, omne ovuin ex ovarlo, dabei aber die Frage gar nicht erörtert, wo denn das ovarium herkommt und demnach mit dem schönen, ewigen Krcisschlnß omne vivum ex ovo. <umi(* ovum ex ovario. omne ovarium ex vivo, oiiiu»* vivum ex ovoo ad infiiiitum die Existenz Gottes wegcslamotirt. Loch wir wollen diesen Trugschluß auf sich beruhen lassen: wir haben cs mit realen Thatsachen zu tijun. Uns will bcbi'mtcn, daß der gesunde Menschenverstand niemals begreifen wird, wie der Ncgirung eines Vorhandenen eine solche Zengungökrasr innewohncn könnte, daß diese Verneinung jenes Vorhandene erst erzeugt oder mindestens zu dessen Erzeugung kräftig mugcwirlt Hütte. UnS ist cs niemals eingefallen, die Existenz einer gewissen Abneigung, eines gewissen Vorunheils, einer gewissen Feindseligkeit in gewissen Kreisen Deutschlands gegen die Juden in Abrede zu nehmen. Wir haben ja au uns selbst die schmerzlichste Wahrnehmung der Existenz dieses Antisemitismus sowohl in den Judenverfolgungen und Judenmorden, an welchen die deutsche Geschichte eben nicht arm ist, wie in dem überreichen Material deutscher „Judcnordnuugcn", „Jndciigcsetze" u. s. w., welches die Existenz der Juden in Deutschland erschwerte, ihre Ehre schändete und ihr Vi’bcn verkümmerte, nur allzusehr gemacht, und der Blut- und Thräncnstrvm und die Klagen und Lcuszer, welche die Geschichte von Jahrhunderten bis in die Gegenwart hinein aus jüdischen Leichen, aus jüdischen Äugen und jüdischen Herzen zu verzeichnen hat, lassen bei uns keinen Zweifel von der Existenz einer Judenfrage im Hartmann'schen Sinuc aufkommcn. Wohl aber leugnen wir mit aller Entschiedenheit das Vorhandensein eines Kampfes zwischen Juden und Antisemiten. Wenn Jemand mich schimpft, schlügt und zu Boden wirft, so kämpsen wir nicht, so fügt jener mir llnbillen zu, die ich erdulden muß, weil er stärker ist als ich. Hub selbst wenn ich ob der an mir geübten Verunglimpsungen Klage erhebe, so kämpfe ich nicht, so suche ich bei dem Richter Schutz und bitte ihn um Sühnung der au mich begangenen Rechtsverletzung. Unter Anführung der Marr, Stöcker, Wagner, Förster und Genossen ziehen die Antisemiten gegen uns ans, was aber haben wir ihnen entgegcngcftcllt? Wo sind die jüdischen Antiarier-Meelings, wo die jüdischen Hetzpredigcr zur Verunglimpfung der nichtjüdischcn Deutschen, ivo die jüdischen Petitionen um Ausschließung der Ehristcn von allen autoritativen Stellungen in Staat und Gemeinde? Kämpft das Lamm mit dem Wolfe, der es zerfleischt? Ist der SchmerzcnS- und Angstschrei des Gequälten ein Kampf wider den Uebcrmächtigcn? Haben jüdische Volksversammlungen Haß und Verachtung gegen Richtjuden proklamirt? Ist von Inden die Parole ansgegebcn worden: wählt keinen Christen, kaust bei fcincnt Christen'? Haben jüdische Pöbelrotteu christliche Häuser demolirt, jüdische BolkSrcdncr im Namen des Judcnthums das Ehriftenthum verunglimpft, jüdische Schriftsteller Lügen über die christlichen Bekenntnißschristen verbreitet? So lange dieses nicht uachgcwicsen ist, so lange nicht durch unleugbare Thatsachen dargelegt werden kann, daß Juden im geschlossenen Gliedc gegen Nichtjuden kämpsen, so lange leugnen wir die Existenz eines Kampfes zwischen Juden und Nichtjudcn; so lange kann man nur von Angriffen und Exzessen gegen Inden reden, nicht aber von einem Kampfe zwischen feindlichen Parteien. Doch der Philosoph Hartmann behandelt die Jndenfragc auf Grund einer wissenschaftlichen Untersuchung in ihren ethnologischen, religiösen, nationalen, gesellschaftlichen, wirthschastlichcn und politischen Ursprüngcn und Folgen und veranlaßt uns, ihm auf den verschlungenen Pfaden seines Ganges einige Schritte zu folgen. Wir lassen uns nicht durch eine in Anspruch genommene Autorität imponiren und halten Urthcilc nicht um so begründeter, je bestimmter sie abgegeben werden, jalls sic einer genügenden Begründung ermangeln. Wir sind deshalb keineswegs gewillt, die Karaklcristik als zutreffend anznerkenncn, welche Hartmann von dem deutschen und jüdischen Volke und Volkskarakter entwirft. Der deutsche Volkekarakter ist nach ihm mit zwei Grundfehlern behaftet: mit einem unpraktisch machenden abstrakten Idealismus und einer die Klarheit des Kopses, die Sicherheit der Hand und die Ausdauer der Arbeitsfähigkeit schädigenden sinnlichen Genußsucht. Das deutsche Volk ist nach Hartruann in einem beständigen partiellen Degenerationsprozcß begriffen, und die Einbuße, welche die deutsche Volkstraft durch geschlechtliche Ausschweifung und Trunksucht erleidet, soll nach Hartmann von keinem andern gleich kultivirtcn Volke erreicht werden. Die Juden hingegen sollen nach Hartmann nüchtern, mäßig, geduldig, emsig, ausdauernd, häuslich, bildungs- und lerneifrig, wohlthätig, pietätvoll gegen Eltern, zärtlich gegen Kinder, hochachtcnd gegen Frauen u. s. w. sein. Nun begreift cs sich aber doch sehr schwer, wie nach demselben Hart- Münu cs „gar keinem Zweifel unterliegt", daß der gegenwärtige Typus des also heute erscheinenden jüdischen Stammes körperlich und geistig verkümmert und > degcncrirt, aber im Laufe mehrerer Generationen einer j Restitution fähig ist. Wir müssen annehmcn, daß i Hartmünws Behauptungen sich aus eine sehr eingehende

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