Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 18 (1885)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1885)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1885-01-01
- Page
- 8 (sequence 3)
- Language
- German
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sollen, der Wind schmeißt sie wild durch die Luft, sie; tonnen sich noch Beulen aufschlagcn, ha — ha — ha!" Der Pfarrer ׳!achte vcrstäudnißlos in seinen Becher hinein. Plötzlich schrie der Gras in einem Gemisch von Staunen und Entsetzen ans. ״Ist heilte der Teufel loS? Ein Heer schwarzer Schatten drängt sich um die Galgen. — Beim Heiland, Pfarrer, komm her, das mußt Du mit ansehcn!" Der Pfarrer brummt etwas unverständlich, rührt sich aber nicht vom Platze, bis der Graf, schrecklich exaltirt, zu ihln hinspringt und ihn gcwalsam znm Fenster zerrt. Wie ein mächtiger Windstoß den Mont Blanc von seinen Nebeln, so befreit ein Blick ans die grauenhaften Zeugen seiner jüngsten Schauerthat den Pfarrer von seiner Betäubung. Beide stieren sie lautlos hinuulcr auf die unheimlich aus dem finstern Thale hiuansragcnden Galgen. Plötzlich zuckte durch die finstere Landschaft über das Thal bis weit zwischen die Berge ein greller Feuerschein. Der Graf fing an wie Espenlaub zu zittern, seine Knie schlotterten, der Pfarrer aber stieß ein entsetzliches Geheul aus. Weder er noch der Gras waren im Stande, die verglasten Augen von den grell beleuchteten Todtengerüsten abzuwcnden. Der Feuerschein breitete sich immer mehr ans, er beleuchtete alich schon die Häuser und dm Kirchthum des Städtchens und warf flackernde Lichter in die finster umuachtetc Ebene hinaus. Jetzt sing es an, im Kirchthürmlcin unten zu wimmern, ängstlich, als wenn der Schreck der Glocke die Kehle zu schnürte und abgebrochen, als wenn ihr, vor Angst keuchend, der Athcm ausbtiebc. Der Orkan fegte einen mächtigen Funlenrcgen, wie einen feurigen Schleier, dnrch die finstere Lust. ״Gott im Himmel!" schrie der Pfarrer gellend, ״cs brennt, cS brennt in der Burg!" Schrcckgclähmt stürzte er aus bem Boden hin. Der Graf stand bewegungslos und schaute nur immer in das furchtbar schöne Bild der glühenden Nacht hinaus. Auch der Prunksaal war schon blutig erhellt und ein knatterndes Knistern, ein Rauschen und Flackern drang hinein. Das weckte den Pfarrer auS seiner Ohnmacht, die Nähe der Gefahr spannte alle Lebensgeister in ihm. Er rannte zur Thür, aber als er sie aujriß, stand Johann vor seinen erlöschenden Blickxn, wie der Nachegeist der Vergeltung, von glühenden. Rauchknäueln mnqualmt, mit erhobener Lanze. Noch ehe der erstarrte Pfarrer die Thür zuzuwerscn vermochte, stieß ihm Johann die Lanze in den Leib und schrie: ..Das von Katinka, das von ihrem Vater und das von den drei Inden!" Und er bohrte mit thierischer Wollust wiederholt die Lanze in den sich röchelnd in seinem Blute Wälzenden. Eine dicke Rauch« feinte wälzte sich dnrch die offene Thüre in den Prunksaal und erstickte alles, was noch in demselben etwa athmen mochte. » Unter den schrecklichsten Ahnungen erwachten die Bewohner von S—z auf das klagende Gewimmer der Sturmglocke. Der erste Gedanke eines Jeden war, daß das verzögerte Gottesgericht jetzt hcreinbreche, Alles stürzte hinaus, zum Thale. So weit der Blick reichen konnte, war Alles taghell erleuchtet, die Nacht schien dem Tage gewichen zu sein — aber einem Tage mit blutrothcm Sonnenlicht. Oben auf dem Fels- Plateau, wo von Rechts wegen die Burg stehen sollte, befand sich in Wirklichkeit die Sonne dieses nächtlichen Tages: ein riesiges, blendendes Flammengeloder. Der Himmel glich einem blutgefülltcn Ozean, der die ganze Welt mit seinem gräulichen Inhalt zu überfluthen schien, daß sic davon triefte. Wie schlangenartige Ungethüme mit rothen Köpfen wälzten sich die ungeheuren Rauchwölken durch die Luft, und oben in schwarzer Höhe tanzten die in tnächtigen Garben emporschießenden Funken. Der vorbeifließcnde Bach, welcher auSsah, wie geschmolzene Lava, siedete und dampfte. — Das zujammengeströmte Volk mußte bald aus dem Thale flüchten, denn eSherrschte dort eine sengende Glühhitze. Auch in den Häusern des Städtchens war es unheimlich. Das Vieh blockte jämmerlich, die Leute befreiten es ans den Ställen und trieben es vor sich etwa eine Stunde weit. Plötzlich ertönte ein furchtbarer Knall, wie die Salve von tausend Kanonen, der Bach goß sein Wasser über das Thal auS, die Berge wankten und die Glocken dcS KirchthutnS begannen von selbst zu läuten wie bei einem Erdbeben. Das Feuer hatte den Pulverthurm erfaßt — der gewaltige Donnerschall des explodirendcn Pulvers mochte daö letzte Mahnwort sein, welches das gerechte Schicksal jenen zwei uncrsättliehen Frevlern in die Ewigkeit nachricf! — Draußen unter dem freien Himmel sanken die gesammten Bauern von S—z, an ihrer Spitze der alte Marko, auf die' Knie und priesen die strafende Waltung deö gerechten Welten! enkerS. * * Es wäre grausam von mir, geneigter Leser, wollte ich jenes fürchterliche Grotten dcS PulverthurmS, in welchem ich ein Mahnwort des Schicksals erblickt habe, Zugleich das letzte Wort in dieser merkwürdigen Ge- Schichte sein lassen; wollte ich jetzt, die Feder niederlegend, Dich in peinlicher Ungewißheit über das fernere Schicksal mancher vielleicht liebgewonnener Personen lassen. Was wurde aus Lea und Gabriel, was aus dem edlen, jungen Grafen, was aus Mara und ihrem Sohn Johann? Zuvörderst will ich berichten, was uns die Chronik über Lea und Gabriel aufbewahrt hati (Schluß folgt.)