Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1884)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in Mecklenburg
- Date
- 1884-11-20
- Page
- 742 (sequence 2)
- Language
- German
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742 thunic bctctjrt, lim bcfto imgcluinbcncr und zügelloser leben zu können, schrie die Andere: ,.Wasagst Du da, Giftmischcrin? Ich habe Eure Sippschaft verlassen, weil ihr von einem Ehristenweib eine geweihte öoftic gcfaiift unb sic in Eurer Synagoge mit )!adeln durchstochen habt! Ich aber, als ich ein Wimmern, wie daeine- Rindegehört und Blut habe fließen sehen, ward von Entsetzen ergriffen und schwur mir zu, meine arme Seele durch die heilige Taufe zu retten." Tiefer lantgcsnhrle Wortwechsel zog eine Menge Neugieriger herbei, und der Sachverhalt wurde dem Fürsten äugezeigt. Dieser ließ alle Güslrowcr Juden in den Kerker werfen, ״und mit Martern befahl er, die Wahrheit anihnen hcrauszubriugcn, so daß nicht Alter, nicht Geschlecht geschont würde." Aber auch der gräßlichste Schmerz konnte sic nicht bewegen, ein verbrechen zu gestehen, dasic nimmer begangen. Mittlerweile wurde die angebliche Verkäuferin der Hostie ergriffen, welche — wohl unter Vorspiegelungen des der feilen Dirne assistircndcn Pater- Johann von Darkenrin — k־• kannte, sie sei vom Teufel zu dieser That verleitet worden. Sic bat um Gnade — deren Gewährung mit nachfolgender Belohnung ihr der würdige Pater zligesichert haben soll — fand aber keine und wurde den Flammen übergcbcnD) Eleajar, da- Oberhaupt der jüdischen Gemeinde, der Bruder der Renegatin, wurde nun ausgefordert, seine Schuld zu bekennen, unter Zusicherung, er werde dadurch sein Leben und daseiner Glaubensgenossen retten. Er aber weigerte sich standhaft und wollte lieber sterben, als falsches Zeugnitz gegen sein Volk abznlegcn. Der Fürst sandle seine Gemahlin zu Elcasar's Weib, ihr znznrcden, sie zum Bckcnntniß und zur Taufe zu bewegen und sie zu veranlassen, auch ihren Mann zu erweichen. Der edle Elcasar blieb standhaft und ermahnte auch seine Frau zur Standhaftigkeit. Die Inden wurden hierauf im Angesichte Elcasar's dem Schcircrtzanfcn übergeben, ״)hm ist cS au Dir, zu wählen," sprach Fürst Johann zu Elcasar,- mil dem man wegen seiner hohen Stellung nicht so summarisch wie mir den klebrigen verfuhr, ״was willst Du, lieber in Ehren leben, oder eineschimpflichen Todesterben? So Du gestehst und die heilige Taufe nimmst, so sei Dein Lohn alljährlich 40 Mark Silber, und sorgen werde ich dafür, daß Du und Dein Weib ein angenehme- Leben führt; wo aber nicht, soll da- Loos Deiner Gefährten auch da- Deine sein." Elcasar aber schüttelte da- Haupt und sagte nicht-. Daraus wurde die Gattin vor seinen Augen verbrannt. Er sah cstandhaft mit an und wurde bald selbst ein Opfer de- Feuers. Nach Bchr 1.1. war cö die gerauft« Jüdin, welche den Hosticndicbstahl gestand, aber begnadig! wurde. Das war nach kurzem Zeit raume der zweite Justizmord, vollzogen unter dem Vorsitz und der Acgidc de- Johann von Werte. Nnchdem die Exekution vollbracht, schlug dem Fürsten doch da- Her; unb sein Gewissen schreckte ihn. .Konnte man doch so nur für die Wahrheit sterben. Denn dahöllische Nachegcwedc, welchedie Apostatin und Brudermörderin in Verbindung mil ihrem Täufer gewoben, lag zu klar zu Tage. Er ließ sie vor sich rufen und herrschte sic an-. ״Ihr sollt beide de-Todes sein, wofern Ihr nicht daheilige Sakrament zur Stelle schasst!" Sie gericthcn in Verwirrung und sahen einander verlegen an, baten aber um die Erlanbuiß, in der Synagoge suchen zu dürfen. Sie bereiteten sich mit Gebet, Fasten und Abendmahl vor lmd durchwühlten dann in Gegenwart zweier NathSmänncr den Boden der Synagoge: anfangs scheinbar vergeben-, aber noch immer hatten gewisse Herren, was sic erfundcn, auch gefunden; so fand sich denn auch jetzt, nach langem verstellten Suchen, die -Hostie, selbstverständlich mit vier Dlntslecken. Diese wurde in feierlicher Prozession, unter Kirchengcläntc und Hymnen, abgcholt, die Synagoge aber zerstört. An ihrer Stelle wurde thcilS von dem Gclde der Hingerichteten Juden, thcilS von frommen Beitragen, zur Ausbewahrung der Hostien die Kapelle deheiligen Bluteerbaut. Nach einem von Johann von Werle mit dem Domtapitol geschlossenen und von dem Bischof von Eainin bestätigten Vertrage, sollte von den zuströmenden Opfergaben der Wallfahrer ein Drittel dem Domherrn, daklebrige zwei zu stiftenden Bikarcicn znfallen. Als die Kapelle gegen Ende des 15. Jahrhundertihre Zugkraft verlor, erließ Papst Jnnocenz 1484 — acht Jahre vor der Sternberger Katastrophe — ans Veranlassung de- ״geliebten Sohnes und edlen Manne-, Herzog von Mecklenburg" (Magnus), der damals in Nom war, einen vollständigen Ablaß und Nachlaß aller Sünden allen Ehristgläubigen beiderlei Geschlechts, welche nach wahrer Buße und Beichte die Kapelle andachtsvoll besuchen und die Hand hütsrcich zur AnSschmnckung und Erhaltung derselben ansstrecken, damit die getreuen Ehristen um so freudiger zu dieser Kapelle j strömen und zu ihrer Schinücknng und Erhaltung um! so bereitwilliger die Hände bewegen." — Im Jahre; I r>1!3 wurde sic bei dem großen Brande, ׳ der in Güstrow i wüthcte, ein )raub der Flammen, aber die wunder- : thätigc Hostie wurde glücklich nach dem Dome gerettet. Hier wurde da- Gaukelspiel mit dem Glauben des - Volkefortgesetzt, bi- Luthers Reformation auch diesem; Lpnke ein Ende machte. Als Ersatz für die abgc-; brannte Blmkapelte erbauten die Herzöge Heinrich und - Albert 1500 an der Stelle, wo sie gestanden, ein