Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1884)
- Article
- Zur Geschichte der Juden in Mecklenburg
- Date
- 1884-11-13
- Page
- 724 (sequence 2)
- Language
- German
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724 dadurch seine ganze Heerde wunderbar beschützt gewesen sein, und 111S sie nach Entdeckung dieser Wuuderkrafl nach Doberan gebracht worden, soll dieser Ort zu einem angesehenen Wallfahrtsort geworden sein. Welch einen sonderbaren Maßstab man für die Größe der Opserspende der betrogenen Pilger nahm, darauf wirst der im Jahre 1222 in Schwerin entstandene Konkurrent dieses Sakraments, das heilige Blut im Schweriner Dom, ein gar possirlichcS Licht. Hier befand sich nämlich eine Sünderwage, ans welcher sich die die Wuuderkrafl des HciligthnmS versuchenden Pilger wägen lassen mußten, um die Schwere und Wucht ihrer Sünden zu ermitteln und das Gewicht ihres Leibes war die Norm, nach welcher sie von Hab und Gut, je nach dem Vermögen, von Gold, Silber, Geld oder Naturalien zu opfern hatten. Die glänzenden Einnahmen dieser Wallfahrtsorte hatten in dem Hirn gewisser Herren in Krakow, das, ein bescheidenes Städtchen, weder eine Hansestadt wie Rostock und WiSmar, noch eine reiche Handels- und Gewcrbcstadt wie Parchim war, den fruchtbaren und praktischen Gedanken wachgcrnfcn, in der Gestalt einer wtinderthätigen Hostie ihrem Städtchen eine reiche Erwerbsguellc zuznsühren. Machen Rostock und WiSmar, dachten sie, überseeische Geschäfte, warum sollten wir keine überirdische ntachcn! — Gedacht — gethan. ES war, wie Tychsen erzählt, seiner Zeit eine Tradition unter den Juden verbreitet — und hat Herr I)r. Donaths), der Verfasser der Geschichte der Juden, nach welcher diese Schrift einen Auszug bildet, eS selbst, wie er erzählt, aus dem Munde eines alten Mannes gehört, --- daß Krakow in jener Zeit eine große jüdische Gemeinde mit einem Oberrabbinat gehabt haben soll. Da sich aber keine aitthenlischc Quellen hierfür finden, so hielt cs Tychseit für eine NamenSvcrwechselung mit der österreichisch-polnischen Stadt Krakau. Wie dem auch sei, das gedachte Hostiengeschäft wurde aus Kosten des Blutes und Gutes dieser Gemeinde ctablirt, im Jahre l.'lckH, wo der deutsche Kaiser, Ludwig der Baicr, Schutzbricfe für die Juden erlassen. Eines TagcS fand man nänilich die Thüren einer Kirche erbrochen und das Gefäß mit" den geweihten Hostien entwendet. Diese hatte inan durchstochen und zerstückelt auf der Straße gefunden. Natürlich sollten die Attentäter keine Anderen als die bösen Juden gewesen sein, die zu ihrer größten Schadenfreude Hostienstücke aus allen Wegen und Stegen herumgestrcut, damit sie auch von den Füßen der christgläubigen Menschen zertreten werden sollten. *) Cir war;1! bcr Zcü 11S11) in Güstrow SMigionS־ Ictjrcr und ist — leider — in dem träfligsten ManneöUlcr gestorbcn. Gr war ein dlirchaud lüchliger Mann rmd alo srommcr Jude Schreiber dieses persönlich belanur. ES wurden Abgeordnete nach Güstrow, der Residenz des Herrn Johann von Werte. ]\1 dessen Gebiet auch Krakow gehörte, geschickt, welche ihm den Vorfall berichteten. Das Domkapitel schrieb einen Fasttag aus, und Gebete stiegen auf zum Himmel, auf das; cs Gott enthülle, wer das Sakrilcgium begangen, und ob cs aus Eigenntttz oder Bosheit geschehen. Da die Inden im Vorhinein als Opfer anserjehcn, waren mußte wohl auch der Himmel gegen sie ausgcsagt haben. Der Fürst begab sich nach Krakow und ließ sowohl die Inden dieser Gemeinde, als auch andere, deren er nur habhaft werden konnte, in den Kerker werfen: denn je mehr, desto besser. Das Verhör ging unter Folter und Marter vor sich. Nach dem ältesten . Berichte, den wir über diese Begebenheit in der 1378 vollendeten, mittelhochdeutschen Mecklenburger Reim- Ehronik des Ernst von Kirchberg besitzen, hätten die Juden ein Bckenntniß ihrer Schuld abgelegt und in diesem Sinne auch gegen auswärtige Glaubensgenossen ausgcsagt, die hcrgekommcn wären, um sich an ihrem ״Spiel" zu betheiligen und zu ergötzen. Karl von Heister, General a. D., einer der wenigen vorurthcilslosen neuesten christlichen Schriftsteller, die über jene Zeit berichten (Archiv für Mecklenburgische Landeskünde: ,,Zur Geschichte der Juden in Mecklenburg") aber hält ein solches Bekcuutniß für höchst unwahrscheinlich, denn cS würde dies im grellsten Kontraste sichen zu der Standhaftigkeit, welche die Juden in Güstrow alsbald bei einem ähnlichen Falle bewährten. Aber auch das Faktum dcS Geständnisses angcnomtuen, so wirft dies doch nicht auf die Unschuld der Juden auch nur den leisesten Schatten, da mau bekamnlich im wahnsinnigen Schmerz der Tortur nur zu oft gestand, was die Quälgeister hören wollten. Aber Fürst Johann von Werte ließ die Juden auf . dem ״Jörgenbcrge" (Judcnberge) bei Krakow rädern. Es war — wie cs Heister mit Recht nennt — ein schauderhafter Justizmord, vollzogen von dem Sproßling eines Hauses, au welchem das Blut eines Vatermordes klebte. Zur Aufbewahrung der von den Geistlichen gesammelten Hostienstücke ließ der Fürst, mit Zustimmung des Bischofs von Eamin, von den konfiSzirtcn Gütern der Juden eine Kapelle erbauen. Wallfahrer strömten von allen Seiten der wundcrthätigcn Hostie zu und reichlich flössen die Opfer und Spenden, welche der Fürst und die Domherren unter sich thciltcu. Gewiß eine glänzende Spekulation, wie sich deren die Börsenfürsten der grüuduugSrcichstcu Zeit nicht rühmen können. Aber cS ging mit diesem Geschäfte bald derart, daß darin auch Konkurrenz entstand. Hatten doch für j die!383 zur Verehrung gekommenen blutenden Hostien l zu Wilsnack in der Prignitz, deren Konkurrenz mit der