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Jeschurun · 1884-11-06 · Heft 45 (6.11.1884) · p. 713

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 45 (6.11.1884)
Article
Der Ghetto in Rom
Date
1884-11-06
Page
713 (sequence 1)
Language
German
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Aff 45 713 Jcschrrrriu. Der Ghetto!1! Dom. I)!׳. A. Bergbaus giebt iu Nr. A-2 der ״Europa" die folgende Skizze, welche im Hinblicke auf die bevor׳- siebende Demoliruug des römischen Iudenviertels von crhöhtcnt Interesse ist. Das Indengnartier Noms, auf der Westseite der Ilion« di San Aiigelo gelegen, ist eines der merkwürdigsten Stücke Erde der ewigen Stadt; gegen sechstausend Menschen leben hier auf einer verhältnißmäßig winzigen Oberfläche: in jeder anderen Stadt lvohnt kaum ein Sechste! dieser Bevölkerung ans einem so kleinen Raume zusammengedrängt. Tritt man iu die Ghettostraßc, zumal in die Fiumara, die der Tiber alljährlich bis zum ersten Stockwerk der Häuser unter Wasser setzt, so findet man Israel in und vor seinen dunklen Hütten. Eine Hauptbeschäftigung ist, zwischen Lappen und Lumpen zu wühlen, ein passendes Stück zu irgend einer Flickerei zu entdecken, denn ganz Nom lügt im Ghetto flicken, was ein christlicher Schneider als zu gering von der Hand weist. Die Töchter Zioii's arbeiten mit ago (Toro (der goldenen Nadel), sic sind unerreichbar im Nähen, Stopfen, Flicken, sie sind wahre Arachucn, aber der Lohn alles dieses Fleißes ist ein Loos, das besonders früher wenig beneidenswertst war. Der Juden Stellung zu Nom zeigte sich unter Anderem in der feierlichen Besitzergreifung des Laterans Seitens eines neuen Papstes: iu den uns vorliegenden! ״Erinucrungen eines ehemaligen Jesuitcnzögliugs" finden wir folgende Mitthcilung über diese Festlichkeit, als Pius IX. den pästlichcn Stuhl bestiegen halte: .,Milten ans dem Foruni, am Triumphbogen des Titus, machte der pästliche Hnldigungszug einen Halt. Hier an diesem Erinnerungszeichen der Zerstörung Jerusalems, an diesem Bogen, dessen Nähe der Jude sonst meidet, stand, der Vorschrift gemäß, der Rabbiner mit den Aeltcsien der Sstnagogc. Spott und Hohn, mit welchem der Italiener auch das Unglück nicht verschont, tvurde dieser armen Deputation Seitens des Volkes hinlänglich zu Thcil. Bor dem Wagen des Papstes niederkuieend, reichte der Rabbiner die Thorschlüssel des Ghetto hin und bat den heiligen Pater, ihm und seinen Iudengenosscn auch unter seiner Regierung die Bewohnung desselben zu gestatten. Als Zeichen der Bewilligung schob der Papst mit abwehrendcr Hand die Schlüssel zurück und unter einigen Lcrklansulirnngcn wurde ihnen ihre Bitte gewährt. Au diesen Klauseln gehörte auch, daß sic sich beim päpstlichen Senate abzufiudcn haben. Die Juden schlichen von dannen. Die Demüthigung, welche ihrer am folgenden Tage ans dem Kapitol harrt, ist noch größer. Bor dem ans erhabenem Sitze thronenden Senator, welcher von anderen Würdenträgern und seinen Bedienten umgeben ist, erscheint die Deputation der Inden; am Eingänge des Empfangsaales kniccn sic nieder. Der Rabbiner, immer doch schon ein Greis, tritt vor zum Senator und bittet ihn ebenfalls ans seinen Knieen, den Inden den Auseiuhalt im Ghetto zu gestalten. Die Erlaubuiß wird alsdann unter Er- Mahnungen und unter Auflegung einer Iahrcsstener , crthcilt. Der Rabbiner bietet dein Senator ein Gej schenk an, dessen Annahme verweigert wird; die Abgabe erfolgt aber dennoch im Borzimmer an den Bedienten. Zum Zeichen der Entlassung gicbt der Senator dem! Rabbiner einen leisen Fußtritt, und die Deputation überbringt der im Ghetto harrenden Iudeuschaft die; Nachricht, daß sie iu Rom bleiben könne. Pius IX.! hat diesen Tritt und andere demüthigende Zeremonien! abgeschasst." Bei dem Pferderennen hatten die Juden am; Karneval die Preise zu entrichten; eine bestimmte Anzahl > mußte jeden Sonnabend in der beim Ausgange des ־ Ghetto an dem Tiber liegenden Kirche erscheinen, mit der Predigt oder der Katechese eines K'apuzincrpaterS : beizuwohnen. Bei Gelegenheit einer Silbcranlcihe bcj wirlte das Haus Rothschild, daß dieser Gebrauch aufj hörte.! Daß der Jude aber beim niederen Volke wenig; geachtet ist. resultin wohl aus den Beschäftigungen, denen er sich hingiebt. Einen ergiebigen Boden für dieselben findet er in Nom nur zu sehr, daher hat auch der römische Jude nie daran gedacht, den Ghetto zu verlassen und sich ein Aschl in anderen Stadtthcilen Rom's, oder außerhalb der ewigen Stadt in irgend einem anderen Orte des Königreiches Italien zu suchen; die Regierung vertreibt ihn aber jetzt förmlich gewaltsam aus diesen nnsanberen Hütten des Ghetto, indem sie die Baracken niederreißen läßt, um die Uferbanten an dem Tiber wciterznsühren. Der Name ״Ghetto" wird-also auch für das Judenquartier Rom's verschwinden, ein Nante, der nrsprüng-! lich eine ganz andere Bcdeut'ang hatte. An! äußersten Ende der Stadt Venedig, in der 'Nähe der Kirche S. Gcrcmia und unweit des heutigen Bahnhofes, giebt J eS ein ausgedehntes Terrain, welches laut der alten; Stadtpläue schon int 14. Jahrhundert bald ״Ghetto",; bald ״Getto" genannt wurde. Iu al.cn Urkunden finden wir Aufklärung, sowohl über die Bestimmung, welche dieser Stadtthcil hatte, als über die Bedeutung seiner Benennung. Es bestanden-uüuilich daselbst int 14. Jahri hundert zahlreiche Metallgießereien, welche aber schon in : der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nicht mehr! cxistirteu. In einem Dokumente von 1458 heißt cS | wörtlich: ,,ld<0־ vocabatur «1 getto. <!11ia erantibi ultra duodecim foruaces, «t ibi fiindehatur aes“ i (er wurde ״Getto" genannt, weil sich dort mehr denn

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