Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-10-30
- Page
- 695 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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095 neigte sich \n einigen Gcrichtsherrcn hin und flüsterte I ihnen ins Ohr: ״$d) kenne ba-> Weid, sie war früher beim Hauptangeklagtcu bcdicnstct. Sie war eine sehr j fromine Christin, und scheint es sich sehr;11 \>c\־;cn j genommen;u haben, das; sie lange bei einem Kirchen-! schänder gebient. Seit dem Tage nämlich, daß der! Räuber in ihrem Herrn emdeckt wurde, meidet sie! jede menschliche Gesellschaft, sie streift, wie man mir erzählt hat, im Gebirge umher, und die Annahme scheint berechtigt zu sein, baß sich ihr Verstand verwirrt hat." Die betroffenen (Gesichter der Gerichtoherren klärten sich auf, sic nickten zustimmcud und der Vorsitzende befahl einem Haidukeu, bas Weib ans dem Saal zu entfernen. Mara riß die fnrienhaften Angen weit ans und wankte einige Schritte znm Tisch hin, mit welchen bie Richter saßen. ״Habt ihr beim meine Anssagen schon zu Protokoll genommen, wie es bie Siegel ist, baß ihr mich gehen heißt?" fragte sie. ״Geht und stört nicht ben Gang des Gesetzes," herrschte sie der Vorsitzende an, ״eure Aussage hat keine Wichtigkeit für uns, es ist daher zwecklos, sic zn Protokoll zn nehmen." ״Wehe euch, ihr ruchlosen Mörder," schrie Mara mit schriller Stimme, ״die ihr mit dem wirklichen Verbrecher in Gemeinschaft über Unschuldige nrtheilt! Dort hinter jenem trügerischen Priestergcwanbe suchet ben wahren Misscthätcr, diese aber sind unschuldig!" Ein Haibnk ergriff sic ans einen Wink des Vorgesetzten und wollte die sich wie wahnsinnig Sträubende fortzcrrcn. Schaum bedeckte ihre zuckenden Rippen und bie geballten Fäuste gegen die Richter ansstreckcud, rief fic: ״Fluch euch— auf Erben schon sollt ihr von den ewigen Qualen der Hölle zerfleischt werden — Fluch, Fluch!" Damit stürzte sic aus dem Saal hinaus. Der Pfarrer, in dessen Mienen sich keine Muskel bewegte, murmelte vernehmbar im Tone der salbuugsvollen Andacht: ״Der Herr möge sich in seiner Allgütc des armen Weibes erbarmen und ihr ihren Hellen 1111■■׳ getrübten Verstand wieder zu Theil werden lassen." Einige fromme Gerichtshcrren begleiteten diese salbungsvollen Worte des Pfarrers mit einem frommen Amen. Nachdem sich die Gerichtshcrren vom Eindrücke des sonderbaren Zwischenfalles befreit hakten, wurden die Angeklagten abgcführt und die Urthcilsfällnng wieder vorgenommcn. Nach einer kurzen Berathnng wurden auf Antrag des Pfarrers alle Mildcruugs- Motive ausgeschlossen und sämmtliche Angeklagte den Bestimmungen des Paragraphen zufolge zum Tobe am Galgen vcrurtheilt. Die Deputation der Juden wurde srenndlich ausgenommen und ihre Bitte geivührleistet. In einem der finstern znm.Vierter führenden Gänge hatte sich der Psarrcs ausgestellt, um Salamon Nohrbach, dem man jetzt sein Unheil verkündete, hier zu begegnen, wenn er in seinen Kerker,;nrückgesührt werden würde. Als dieser, gefolgt von einem Kerkermeistee, an dem au die Wand gedrückten Pfarrer Vorbeigehen wollte, trat er hervor und rannte dem Gefangenen ins Ohr: ״Das Urthcil wird an euch vollstreckt werden, man wird euch alle hängen, wenn ich nicht eure Rettung in die Hand nehme. Du weißt, um welchen Preis ich bereit bin, das zn thun - willst Du mir diesen Preis gewähren, so lasse mich nur rufen und in einigen Stunden werdet ihr befreit sein." Aus Nohrbach machten diese Worte des Pfarrers nicht den geringsten Eindruck; er hatte sich in den Gedanken an den Tod schon so hiueiugclcbt, daß die Möglichkeit, sich dem Veben erhalten zu können, keinen Reiz ans ihn ansübte, er setzte also seinen Weg fort, ohne den Pfarrer eines Blickes zn würdigen. Jener sah ihn mit von Haß und Rache glühenden Blicken nach und inurmelte: ״So irerdet ihr zn Grunde gehen, und ich werde dennoch meine heißen Wünsche erreichen. Erst die Alten, dann kommt der Junge — die Rech- 1111111;, wenn sie auch alt ist, wird er mir dennoch bezahlen müssen — und dann wollen wir sehen, wer das holde Täubchen heiinsührl!" VI. Ein sonderbarer Zug bewegte sich an einem der nächstfolgeudeu Tage durch die Gassen und Gäßchen S zs. Fünf mit runden Vcinwan-ddächern überzogene Wagen, gezogen von je zwei kleinen, knochigen Kleppern. An der Seite der Wagen schritten hünenhafte Männer, deren edle, kupferbrauuc (Gesichter mit den kühn gebogeucu Adlernasen, laug wallende, struppige Bärte umrahmten; ihre mächtigen, wie aus Er; geschmiedeten Köpfe waren unbedeckt und das kohlschwarze Haar hing ihnen wild und verworren in Stirne und ׳Nacken herab. Sic trugen breite Stiefelhosen aus blauem Stoff, reich mit Schnüren verziert, und rothwollene Westen mit vielen Reihen blanker Mcssiugknöpfe besetzt. Die Westen hingen kose am Oberkörper herab und ließen die starke braune Brust unbedeckt, die znm Widerstande gegen die rauhesten Unbilleu von Wind und Wetter gebaut zn sein schien Einige der Männer lenkten die müden Klepper und suchten sie oft durch laute Zurufe oder auch durch sausende Prügel in eine schnellere Gangart zu bringen. Neben den Männern schritten alte und junge Weiber barfuß, in rothen Kittckn und eben solchen oder schreiend gelben Kopftüchern, unter denen manche Flechte des bläulich schwarzen Haares hcrvorlugtc. Den ganzen Zug nmschwärmten