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Jeschurun · 1884-10-30 · Heft 44 (30.10.1884) · p. 692

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 44 (30.10.1884)
Article
Salomonische Spruchweisheit
Date
1884-10-30
Page
692 (sequence 2)
Language
German
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692 Wann ich erwache, fahre ich fort und suche es I aus'S Neue!" (23, W—35.) j So zeichnen unsere Sprüche den Zustand eines unverbesserlichen Trunkenboldes zu einem warnenden abschreckenden Bilde. (Fortsetzung folgt.) Grdlmlltil kiilks Rillzjpcedigkrs über die predigt. (Schluß.) Die Verkennung der eigentlichen Aufgabe der Predigt und der Stellung des Predigers hat dahin geführt, die Predigt und den Prediger mit einem Karaktcr höchst zweifelhafter Art zu bekleiden, der sie dem Wesen einer jüdischen Predigt und eines jüdischen Predigers immer mehr entfremdet. So scheint es wenigstens meinem Laienverstande und zwar so sehr, daß ich meine Söhne lieber jedem andern Berufe zuführen möchte, als dem jüdischen Predigtamte, wie es von Vielen verstanden und verwaltet wird. Wenn mau deul Prediger denjenigen Theil der ] priestcrlichcn Aufgabe, welcher in der Belehrung, Er-! Mahnung und Verbreitung des Gesetzes und der Lehre , besteht nach dem Worte; ני שפתי בהן ישמרו דעת ותורה יבקשו מפיהו, zuweiscn will, wie ja in der That! viele unserer Rabbiner und Prediger mit Vorliebe sich ״Priester des Herrn" nennen, so sollte auch nur die Erkcnntniß des Gesetzes von ihren Lippen tönen, und die Gemeinde nur ״Thora" Belehrung über den GotteSwillcn für die Gestaltung des Lebens bei ihnen suchen, von ihnen erwarten und verlangen. Wie ist eS aber in Wirklichkeit? Die Gemeinden suchen in der Predigt Erbauung und Rührung; sic betrachten die Predigt als die obligate Zugabe zu dem ״erhebenden" Gesang des Kantors t!nd des EhorS und den Prediger als den Darsteller des ihm zugewicscncu Theil s des Gottesdienstes. Der Gottesdienst aber wird vielfach überhaupt als eine musikalisch - deklamatorische Aufführung ernsten Stils behandelt. Das ästhetische Gefühl und der ästhetische Geschmack ist dafür maßgebend. Man betrachtet die äußere Erscheinung des Predigers, sein Organ, seine Vortragsweise als die allerweseutlichsten Attribute seines Amis. ״Unser Rabbiner ist eine schöne Kanzclcrschciuung; er hat eine angenehme, biegsame Stimme, welche jeder Modulation fähig ist; sein Miencnspicl ist sehr durchdacht und effektvoll" u. s. w., also habe ich häufig rühmen hören. Run will ich keineswegs in Abrede nehmen, daß alles dieses ״auch" bei einem Prediger in Betracht kommt, aber es zur Hauptsache zu machen und in erste Linie zu stellen, dürste denn doch wahrlich verkehrt sein. Und der Prediger bietet statt Belehrung nnd Erkcnntniß der Gemcindc Phrasen — elegante, bilderreiche, — nun ja, aber Phrasen, imb auch bei ihn! kommt cS vor Allem auf den Effekt an. Langsamen, feierlichen Schrittes — jeder einzelne ist berechnet — ersteigt er die Kanzel, das Haupt sinnend gesenkt. In stiller Sammlung wendet er den Blick hernieder und läßt die letzten Töne des EhoralS ans sich einwirkcn. Dann überkommt ihn plötzlich die heilige Begeisterung; er faltet kunstvoll die Hände, sein Haupt hebt sich gen oben, er gicbt sich ganz der weihevollen Stimmung hin, die ihm Worte deS GcbetS auf die Zunge legt, und er fleht heiß und inbrünstig, daß Gott ihm das rechte Wort ׳Zufuhren möge, ans daß er die Geuleinde erhebe und erbaue u. s. w. Wenn das Alles acht wäre,. wenn eS nur nicht den Stempel deS Gemachten. Einstndirtcn an der Stirn trüge! Dasselbe wiederholt sich bei jeder Rede, und die Zuhörer wissen doch sehr wohl, daß meisten- IheilS Alles sorgfältig in stiller Kemnate vorbereitet, berechnet und cinftubirt ist; nnd daß mcistentheilS, falls der geistliche Herr einmal sich nicht gehörig vorbereitet haben sollte, die Sache nicht so abgerundet und glatt abläufb oder allzuviel Rcmiuiszenzen an frühere Momente dieser urplötzlich gekommenen Er- Hebung und Erleuchtung zum Vorschein zu gelangen pflegen. Ich muß gestehen, daß mir dieses ganze theatralische Gebühren in der' Seele zuwider ist und mir viele Predigten gründlich verleidet. Was soll dieses ganze einleitende Gepränge, welches leider so sehr augenblicklich in Mode ist? Will der Prediger wirklich belehren und ermahnen, nun, so thne er eS -doch. Er hat sich doch zu Hause gründlich vorbereitet; — zu welchem Zwecke den Anschein erwecken, als ob er unvorbereitet ans die Tribüne gehe und erst dort sich gleichsam iuspirircn lassen wolle? Und dieses selbe Schauspiel wiederholt sich zum Schlüsse noch einmal. Wiederum faltet der Prediger die Hände, wiederum schaut er zur Decke empor und läßt sich, von seinem Gefühle überwältigt, abermals zu einem Gebet hinreißen. Ich habe stets bei diesen Gebeten der Herren Prediger die Empfindung gehabt, als ob sie im Anfang beteten, daß sic ihr Gedächtniß nicht verlasse bei dem Vortrage der mühsam mcmorirten Rede nnd zum Schlüsse dankten, daß Alles gut von Statten gegangen. ES harmonirt übrigens Einleitung und Schluß zum Inhalte; die Kanzel steht leider an vielen Orten im Dienste der Phrase. Die Gemeinde will Phrasen nnd der Prediger bietet sie ihr in Fülle. Und darum wirkt die Predigt nicht, darum nimmt die Unkenntniß in j vielen Gemeinden zu, darum entfremdet sich das jüngere! Geschlecht immer mehr dem Jndcnthnm, darum erstirbt > immer mehr die alte freudige Begeisterung für die

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