Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 41-42 (16.10.1884)
- Article
- Zur Schächtfrage
- Date
- 1884-10-16
- Page
- 659 (sequence 1)
- Language
- German
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659 Zur SlhiichlsrM. Die Schcchita, d. i. die Art und Weise, wie nach jüdischem Ncligionsgcsctze die Tödtung des Schlachtvichs vollzogen wird, ist in neuerer und neuester Zeit wiederum zum Gegenstände heftiger Angriffe gemacht worden, und namentlich sind c£ Thierschntzvcrcinc, welche diese Schlachtmethodc zur Thicrgnälerci stempeln und die Staatsgcn׳a!t zum Verbote des Schächtens veranlassen möchten. Diesen Bestrebungen gegenüber ן erscheint cs uns zweckmäßig, das Gutachten einer der > bedeutendsten Autoritäten zu reproduziren, welches aus ähnlichen Veranlassungen vor siebzehn Jahren in dieser! Sache abgegeben ist. Dasselbe stammt von keinem | Geringeren als dem Direktor der königlichen Thier-! arzncischulc 311 Berlin, Herrn Gchcimcn-Medizinalrath Professor Dr. Gcrlach, welcher damals Direktor der! königlichen Thierarznerschulc in Hannover war, und , befindet sich in der Schrift ״Die rituelle Schlachtfrage, ' oder ״Ist SchächtenThierquälerci?" von Di׳. M.Kaiser- | ling, Aarau-Sauerländer, und in dem ״Jejchurun", j 13. Jahrgang von 1867/1868. 6s lautet folgen-! dermaßen: j Gutachten des Herrn Prof. I)r. Gerlach, j Direktor der K. Thierarzneischulc in Hannover. > Herr Laudrabbincr Ilr. Mcher hieselbst hat mich; mündlich ersucht, ein Gutachten darüber abzugeben, ob j das Schlachten nach jüdischen Vorschriften, das Schächten, | Thicrguälceei sei, oder nicht. Ich habe mich deshalb j zunächst von der Art und Weise der Ausführung des! Schächtens und des Sterbens der geschachteten Ochsen j und Kälber durch eigene Anschauung überzeugt und I null hier den beobachteten Hergang kurz vorweg schicken. j Nachdem die Ochsen auf zweckentsprechende Weise! auf die rechte Seite, und zwar auf einen Strohsack! nicdcrgclegt und geknebelt waren, wurde eine 2 Fuß! lauge Schlinge von einem starken Seile über das rechte j Horn gehängt lind über die rechte Backe und die Acste j des HintcrkicstrS geführt; uiittelst eines durch diese! Schlinge gesteckten, au die linke Backe sich anlchnendcn! und mit dem untern Ende auf dem Fußboden uuter j den Hals geschobenen BaurncS wurde nun durch einen j Gehülfcn der Kopf gestreckt und so fixirt, daß Stirn s und Nasenbeine auf dem Fußboden lagen und sowohl! die Haut, wie alle Weichthcilc unterhalb (das Thier; stehend gedacht) der Halswirbel stark angespannt waren.; Das Schlachtmesser hatte eine l4 Zoll tauge und! 2 Zoll breite Klinge mit reiner, scharfer Schneide, j aber ohne Spitze. Mit diesen! Messer wurde ein; Halöschnitt in der Gegend des ersten und zweiten Hals- ' Wirbels mit großer Festigkeit in zwei resp. drei un-! mittelbar aufeinander und rasch erfolgenden Zügen 1 Lurch sämmtlichc gespannte Weichgebildc bis auf die Halswirbel geführt. Das hervorstürzendc Blut wurde in einem Gefäße ausgcfaugen, und mittelst der Faust verhinderte ein Gehülst das Verspritzen des Blutes aus den Plilsadcrn. Eine weitere Untersuchung der Schnittwunde nach bcm Tode ergab, daß sämmtlichc Muskeln unterhalb der Wirbclkörper, die Luströhre, der Schlund, die Jugularvcncn und Karotiden, wie auch die diese großen Gefäße begleitenden Nerven (X. Vagus, RpcuiTens und Sympathikus) quer durchschnitten waren und der Schnitt inuuer an der Verbindnngsstclle des ersten und zweiten Halswirbels endete. Die Blutung dauerte gegen 2 Minuten, anfänglich sehr stürmisch, später schwächer; während dieser Zeit lagen die Ochsen ziemlich ruhig; das Athmm derselben blieb im Verlaufe der dritten Minute stehen, darauf stellten sich einige Konvulsionen über den ganzen Körper ein, wobei ab und zu Magenkontcnta aus dem durchschnittenen Schlunde hcrvorspritztcn, und mit Ende -er vierten Minute waren die Thicre vollständig todl. Bei den mit gebundenen Beinen aus eine konkave Schlachtbank gelegten Kälbern wurde der Halsschnitt au derselben Stelle und mit derselben Schnelligkeit und Sicherheit bis auf die Halswirbel ausgcführt. Der weitere Vorgang war wie bei den Ochsen, nur die konvulsivischen Bewegungen waren etwas stärker, wobei der Kopf ab und zu nach dem Rücken geschnellt wurde (weil die Beuger des Halses, die Antagonisten der Halsstrccker, durchschnitten waren), und dauerten l Minute länger, so daß der vollständige Abschluß des Todcsaktcs erst mit 5 Minuten erfolgt war. Diese Beobachtungen haben bei mir die Ucbcrzcugung weiter bestärkt, daß die Verblutung überhaupt und vor Allem die Verblutung aus den Hauptgcfüßcn des Halses, die das Blut vom Herzen zum Kopfe und umgekehrt znrückführen, die leichteste der gewaltsamen Todesartcn ist, ״daß sornit das Schlachten uach jüdischen Vor- ״schriftcn, das Schächten, wie ich cs gesehen ״und oben beschrieben habe, keine Thiergnäterci ״ist, sondern im Gcgentheil zur humansten ״Scblachtmcthode gehört, die allgemein ein- ״geführt zu werden verdient." Für den Laien mag der Halsschnitt bei dem Schächten etwas Abschreckendes haben, namentlich dürftcn das Geräusch, welches die Luftströmung durch die guerdnrchschnittcnc Luftröhre verursacht, und die Konvulsioncn, besonders das Nückwärtsschlcudern des Kopfes, namentlich bei Kälbern, den Eindruck einer Quälerei machen. Anders verhält sich die Sache aber bei physiologischer Auffassung der Erscheinungen. Der Kampf zwischen Leben und Tod, der Todes-?ampf, die Agonie, ist um so größer, je größer die