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Jeschurun · 1884-10-16 · Heft 41-42 (16.10.1884) · p. 658

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 41-42 (16.10.1884)
Article
Nachtphantasie
Date
1884-10-16
Page
658 (sequence 2)
Language
German
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658 Lasset, Freunde, uns verharren, Vasset uns im Dunkel weilen, Laßt ans kühnen Phantasien Uns in ferne Velten-eilen. Laßt, wenn nach uns zielen Giftgeschossc, Uns den Bund noch treuer schließen, Vielfach dann die Freuden sprießen Hochbeglückend, aus dem eignen Schooßc! S. B. Rose nhain. Bon Herrn Livncl 8. Cohen, Präsidenten des ..Board vf (Guardians svr the Relief of the Iewisl) Povr" geht m׳s das folgende Schreiben zu, dessen Veröffentlichung wir für dringend geboten erachten: TevoiishireTguäre 6. Oktober i884. IO, 2M0psgate kR Tlschri 5640. Geehrter Herr Redakteur! Als Präsident der hiesigen jüdischen Armenloniniission halte ich cs für meine Pflicht, vermittelst Ihres weitverbreiteten Organes einen eindringlichen Varnungsruf an unsere Glaubensbrüder in Deutschland, 'Rußland nnd Oesterreich ergehen zu lassen, uni ihnen von einer Einwanderung nach hier, in der Errvartung entweder hier einen Lebensunterhalt zu finden, oder von hier aus zur Weitercmigration nach Amerika assisnr: zu werden, aus. das Mcrentschiedcnstc abzurathcn. Ich fühle mich zu diesem Mahnruf gedrungen. da es zu meiner Kenntniß gekomnicn ist. daß kontinentale Komitcs keine Bedenken hegen, viele der uothleidendcu Brüder zur Reise nach England zu überreden und ihnen zu diesem Zwecke nur gerade genug Mittel geben, um London zu erreichen. Sämmtlichc Zweige der Industrie, des Handels und Gewerbes sind hier zu Lande mehr als überfüllt, tagtäglich wächst die Roth, überall stößt man aus Hunderte von Bejchüftignngslosen, die gern irgend welche Arbeit vcrrichten würden, wenn sie solche nur finden könnten. Die russischen Verfolgungen und . die bedancrnswerthen religiös-sozialen Reibungen auf dem Kontinent wahrend ,der letzten drei Jahre, haben seitdem die Reihen unserer hiesigen Unterstützungsbedürftigen bedeutend verstärkt, und wenn cs Diesen, die, nachdem sie hier schon angesiedelt und mit unserer Sprache, Sitten und Gebrauchen einigermaßen vertrant sind, schwer fällt, einen Lebensunterhalt zu finden, wie kann eS da erst den Reuankommenden ergehen! Früher war cS uns ermöglicht, die durch den Zufluß der fremden Armen entstehenden Schwierigkeiten zu überkommen, indem wir einem Thcil derselben zur Weiteremigration nach den Vereinigten Staaten de» hülflich waren; aber dieser Ausweg steht uns nicht mehr offen; die amerikanischen Behörden haben uns eindringlich gewarnt, daß sic nur rüstigen und wirklich arbeitsfähigen Emigranten das Landen gestatten, und daß selbst solche etwas eigene Mittel besitzen müssen. Manche der Emigranten, die diesen Anforderungen nicht entsprechen konnten, sind wieder nach Europa znrückverschifjt worden, und abgesehen von dem auf solche Weise unnütz verschwendeten Geldc, sind diese Armen dadurch großer Roth und Entbehrung ausgesetzt gewesen. Wir waren stets gern bereit, unseren vom Kontinent kommenden Brüdern, soweit cS unsere Mittel erlaubten, hülflcistcnde Hand zu reichen, und mit gerechtem Stolze können die Inden Englands auf ihre Benrühnngcn in dieser Hinsicht deuten, die eS tausenden von deutschen und russischen GlanbenSbrüdern ermöglichten, sich erfolgreich in Amerika und den Kolonien nicderzulassen oder hier zu Lande einen — wenn auch weniger sicheren — Lebensunterhalt zu finden. Wie die Verhältnisse aber jetzt liegen — außcrgewöhnliche Leblosigkeit in Handel und Gewerbe hier, und außergewöhnliche Beschränkungen für Einwanderer in Amerika —, ist es unsere Pflicht, unsere Brüder dringend darauf ausmerksam zu machen, daß, wenn der Zufluß der Einwanderung wie bisher anhält oder gar größere Dimensionen annimmt, cs uns absolut unmöglich sein wird, ihnen hier Hülse zu gewähren, und daß sic ohne solche der Noth erliegen oder schließlich wieder in ihre alte Heimath unter schlimmeren Vcrhältnissen, als sie sie verlassen, zurückkchreu müssen. Mein eindringlicher, wohlgemeinter, brüderlicher Mahnruf ergeht daher an alle die Institutionen, deren Aufgabe cs ist, der Roth unserer leidenden Brüder abzuhclfen, die bisherige Weise, sie einfach nach hier zu schicken, anfzngcben. Mit dem Hierherscnden ist den Armen nicht geholfen, im Gegentheil wird ihr Leiden durch bittere Enttäuschung und zwecklose Hin- und Herfahrt nur unnütz vergrößert. Ich bitte Sie, geehrter Herr Redakteur, mich in dieser Angelegenheit durch Veröffentlichung dieses Schreibcns in Ihrem vielgelescnen Blatte zu unterstützen. Genehmigen Sie, .geehrter Herr Redakteur, die Versicherung meiner Hochachtung. Ihr Ergebener Lionel L. Cohen, President of the Vonrd of Guardians for the Relief of the Jcwish Poor. Nachbemerkung der Redaktion. Wir aber richten an alle unsere Glaubensgenossen die ernste Frage: Was soll mit den unglücklichen Brüdern geschehen, welche, von Haus und Hof vertrieben, hcimathsloS umherirren??

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