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Jeschurun · 1884-10-16 · Heft 41-42 (16.10.1884) · p. 657

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 41-42 (16.10.1884)
Article
Nachtphantasie
Date
1884-10-16
Page
657 (sequence 1)
Language
German
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M> 41 n. 4L Jeschnruu.. 657 Wachipfianialit. Brüder schließt den Zirkel enger Reicht mir eure treuen Hände, Denn die Schatten werden länger UndeS naht des Tages Ende. Die Sonne versinkt im Gewühle der Schatten Und träge und müde die Lichter ermatten, ÄuS hohen Sphären Herab sinkt die Nacht; Der letzte Schimmer, Ein Stcrncngeflinnner Entslieht in die Ferne vor des Tyrannen Finstrer Macht! — Die Lichter erlöschen, die Schatten erwachen Weit öffnet die Nacht ihren gähnenden Nachen. Da fühl' ich'S Herd an meinem Herzen nagen. In mir erwacht des Zweifels Stnrmgedraus, Und zn dem finstern Himmel steigen Klagen Ans meiner Brust bewegtem Trauerhaus. Wo ist Deine Allmacht -O Herrscher der Welt, An welcher die Tücke Der Bösen zerschellt? Freiheit, deine hehre Glorie Wäre nur ein flüchtig Wetterleuchten? Eitle Thoren wären deine Helden Die an Ruhm mir gleich den Grössten denchtcn? ׳ - Wo seid ihr Engel, die ihr wirktet Des Schöpfers allmnfasscud Werde, Die ihr aus dem wirren EhaoS Habt erschaffen diese Erde? Von Wolken umwallt, Von Donner nmhallt, Beschwöret ihr die Welt herauf; Mild tönen machtet ihr des Donners Schallen Und ließt die Wolken in den Abgrund fallen. — Entwölkt, Sabbathlich still Begann der Erde Laus. Ihr schuft für sie sogleich dann ihre Sonne Und leitetet den ersten Strahl zu ihr, Und dieser Strahl, vom höchsten Lichtesbronne Wirkt' göttlich fort, erleuchtend für und für. Und Millionen sonnten sich am Strahle, Gar Vielen hatt' ein Leben er ersetzt, Er trocknet' in des Lebens Iammerthale Die Zähren, die so manches Aug' genetzt. Wo ist nun dieser Trostesschimmer? — Ringsum nur Finsternisse bieten Hohn, Und überall herrscht düstre Grabesstille — In meiner Brust nur wacht ein Klageton!- Nacht ist! — Schlaf ein, gekränktes Herz, Schlaf ein und reg dich fürder nicht. Doch horch — welch süßer, banger Ton Dort ans den dunklen Schatten spricht. Horch — leise wie auf Geisterschwingen, Die mahnend hohen Worte klingen. ES rauschet ein Gefieder, Ich hör' eS mich umkreisen, Es tönen ferne Lieder, Nach alt vcrklung'ncn Weisen. Welch ein Säuseln, welch Geflüster, Fernes Murren dumpf und düster, Fernes (grollen unheilschwer. — Eine Stimme ruft durch Nachtcsschauer: ״Mensch laß ab, laß ab von deiner Trauer, Bezähme des Gefühles brausend Meer. Beherrsche deines Innern wilden Streit, Denn dunkel rollt die Fluth der Ewigkeit!" — O heilig GeisteSwalten, 0 ich fühle Daß du mir nah, ich sühl' ein neues Leben, — Vergieb mir, — ach, vom nieder!! Erdenbanne Wie soll ich mich zum lichten Kreis erheben! O leite huldvoll meine Blicke Hinweg von dieser Welt, vom Erden Ungeschicke, Und lüft' den Schleier, der in weiter Ferne Mir jetzt verhüllt den milden Schein der Sterne. — Sterne, Sterne, nun seh ich euch glänzen Am mitternächtlich schwarzen Firmament, Ich sehe euch, gleich tausend Demantkränzen Umwinden eines ZanberreicheS Grenzen Wo ungetrübt die heil'ge Lohe brennt! — Leis sprechen die Sterncnstrahlen, Die sonst mir waren stumm, Und vor meinem ahnenden Geiste Erstehet Elysium! — O wie milde, wie ergötzend Fächelt mir der Wind die Wange, Und der Geisterchor entrauschet Mit verhallendem Gesänge. ׳ Heil, — gepriesen sei du hehre Stunde, Und gepriesen sei dein nächtlich Dunkel, Sei willkommen mir, o HimmelSknnde, Die mir sprach von jenem Stcrngesunkel. Heil! — dreifaches Heil dir, Werk der Geister, Seht, zum Dank ich beuge mich dem Meister! Setze fort dein segensreiches Walten, Gnadenvolle, dunkle Sternennacht, Du hast in eine Welt mit neu'n Gestalten,! Die ich sonst nie geahnet, mich gebracht;? Du hast mir einen neuen Pfad erschlossen, i Der mir verhüllt war, als mich Licht!nnflosscn.

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