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Jeschurun · 1884-10-16 · Heft 41-42 (16.10.1884) · p. 651

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 41-42 (16.10.1884)
Article
Der wahre Festessegen
Date
1884-10-16
Page
651 (sequence 3)
Language
German
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651 und den Frieden, für welche der Tischrr die Saat ans-!*treuen wollte,;ur kräftigen, dauernden Entfaltung bringen. Dann standen wir nicht vergebens am Nosch Haschana, Jom Kippur und Suckoth vor Gott'; der Segen der Feste bewährt sich an uns alle Tage des Jahres. Grditnltcit ciiltg Mtlirtdigtrs iiiicr die jirrtigt.!Fortsetzung.) Ich glaube in dem bisher Entwickelten dargelcgt zu haben, dag vielen unter unseren Predigern das Geschick, das Berständniß und der Wille fehlen durch die Predigt der Gemeinde die lehren und Gesetze des IndenthnmS bekannt zu geben, deren Inhalt zu erläutern und zum Berständniß zu bringen und für deren Besolgung die Gemeinde zu begeistern. Sie verdrehen den heiligen Text, fälschen dessen Sinn, bringen nur theilwcisc oder gar nicht das Gottcöwort zur Kenntnis; der Gemeinde und ermahnen nur insoweit das Mahnwort Niemand belästigt, vielmehr ein Jeglicher im Auditorium aus der Predigt die Ueberzeugnng gewinnt, das; sein Wandel ein reiner, fromuter, gottgefälliger ist. Js! cs da zu verwundern, das; die Uukenutniß und Gleichgültigleit in Bezug auf die positiven Anfordernngen des IudenthumS zugestandenermaßen immer erschreckendere Dimensionen annehmen? Die Gemeinden lernen ja das eigentliche Jüdische des IudcnthumS gar nicht kennen, und eine kräftige Ermahnung wird ihnen nicht geboten. Wenn alle Prediger in allen Gemeinden jahraus jahrein in der Weise nieineS Dorf- /VS בעל von der Kanzel redeten, — welche Fülle religiöser Erkenntnis; könnte dann verbreitet, welche Anregung zu einem acht jüdischen, gewissenhaften Leben gegeben werden. ES will mir scheinen, daß die falsche Auffassung, welche die Herren Prediger von ihren! jüdischen Predigtamt haben, n. A. auch darin ihre Ursache findet, daß sie die ״Erbauung" der Gemeinde als das höchste Ziel der Predigt betrachten, und je größer die Erbauung ist, welche das Auditorium oerspürt, desto vollendeter ihnen die Lösung ihres PredigtamtS erscheint. ״Sie haben mich heute außerordentlich erbaut," das ist das wohlklingendste Lob für den Predigcr. Wenn man. unter Erbauung die Förderung der wirklichen Religiosität im jüdischen Sinne verstehen würde, d. h. dic Erweckung und Befestigung des Entschlusscs zur gewissenhaften Erfüllung der Gebote des IndenthnmS, so dürfte allerdings die ״Erbauung" den Zweck der Predigt allseitig decken und cs ließe sich kein höheres Streben für den Prediger denken, als^die Gemeinde zu erbauen. Leider verbindet man aber mit ״Erbauung" in der Regel nicht diesen Begriff, sondern versteht darunter das rein subjektive Gefühl des Zn- Hörers einer gewissen Befriedigung seines eigenartigen religiösen Bedürfnisses. Dieses ״religiöse Bedürsniß" gestaltet sich aber selbstverständlich nach der ״religiösen Anschauung" des Individuums, und dieses fühlt sich ״befriedigt," wenn der Prediger gerade die Saiten anschlügt, welche in seinem ״religiösen Gemüthc" einen Widerhall finden, wenn cs sich in vollster Uebereinstimmnng mit der von dem Prediger gegebenen Dartegung weiß. Je unbestimmter die Predigt gehalten ist, je mehr sie sich auf dem Niveau gedankenarmer Schönrederei bewegt und sich ans unklar auSgedrnckte allgemeine Betrachtungen beschränkt, für desto ״erbaulicher" wird sie nach diesem gängigen Worisinnc von einen! großen Thcilc des Publikums erklärt werden. ״Unser Herr Rabbiner hat heute eine rech! erbauliche Rede gehalten," sprechen die Leute, und fragt man nach den! Grunde dieser Erbaulichkeit, so wird n!an die verschiedensten Antworten erhalten. Die Ausführung über den Frieden hat mich sehr erbaut, wird der Eine sagen; er hat so schön von der Wohlthätigt'eil gesprechen, der Andere; mich hat der warn!e herzliche Ton, in welchen! er von den! häuslichen Glück redete, sehr sympathisch berührt; ich wurde durch dic Herrlichm Worte von der Güte Gottes ergriffen n. dgl. m. hört n!an von Anderen. — WaS hat er aber von dem Frieden, von der WohlthätigkeitSpflicht u. s. w. eigentlich gesagt? Ja, darauf wird schwer zu ant- Worten sein; denn er hat in Wirklichkeit nichts gesagt, er hat cS seinen Zuhörern überlassen, sich dabei zu denken, was jeder für gut erachtet. Die erbauliche Predigt ist meistentheils die gedankenarmste. Sie regt das Gefühl an ohne den Geist :1! beschäftigen, sic belehrt nicht, sie bessert nicht, sie ist wenig mehr als eitel Phrascnwerk. Ich erinnere mich einer Jom- .Kippur-Predigt, die als höchst erbaulich gerühmt wurde. Sie lautete ungefähr folgendermaßen: ״Andächtige Gemeinde! Wo gäbe eS einen Tag wie den heutigen, ihm gleich an Weihe und Erhabenheit? Welche Empfindnngcn werden in dieser Stunde in unö rege, welche Gefühle durchzucken unser Herz! Da stehst Du, geliebte Gemeinde, in Deinen Männern und Frauen, in Deinen Söhnen und Töchtern im Gotteshanfe, andachtSvoll und gottdnrchdrnngen. Alle Herzen wenden sich dankerfüllt nach Oben. Fühlen sie sich doch als Kind ihres Schöpfers und empfinden in wonnigem Schauer die beseligende heilige GottcSuähe. Bersöhnung ist das Angebinde dieses Tages. Wir sind versöhnt mit unserem himmlischen Vater, wir wissen uns rein von Fehl und Sünde, und ans reinem Herzen dringt unser Jubel und unser Flehen empor, vom frühen

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