Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-09-25
- Page
- 616 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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016 auch Mitschuldige haben, und heischte man nicht von j ihm, daß er auch diese benenne? j Der Gesang nißwärter 3m0־ trat in die Zelle, ohne : daß er von Rohrbach, der in dmnpseS Brüten versunken war, bemerkt wurde. '?US er dieznsaininengcschrumpfte,! von blutigen Fetzen bedeckte Gestalt Rohrbach's sah, : konnte er sich der Thräncn nicht enthalten. Er beugte sich über ihn und flüsterte ihm in's Ohr: ״Ich war! in Deinem Hause, Salamon."! Ein mattes Lächeln verklärte aus einen Moment! das vcrsallcne Gesicht Rohrbach's und er hauchte kaum hörbar: ״Was macht mein Weib, meine Lcah und Gabriel?" ״Alle beten die ganze Zeit zu Eurem Gotte, daß er Dich aus den Händen Deiner Feinde befreien soll!" ״Zn Gott?" — murmelte Rohr dach, indem sein Gesicht einen höhnisch grinsenden Ausdruck aunahm: dann setzte er, bei jedem Worte stockend, hinzu: ״Der — hat — was — anderes — zu thuü!" Dann wieder schauerte er plötzlich zähneklappernd zusammen uud der Ausdruck seines Gesichtes wurde unheimlich starr wie Eis. Nachdem er einige Minuten regungslos gesessen, erhob er hastig den Kopf und seine Mienen belebten sich, wie von einer plötzlichen höheren Eingebung bescclt. ״Juro," sagte er mit erstarkender Stimme, ״Du sichst einen Sterbenden vor Dir, willst Du die letzte Bitte eines Sterbenden erfüllen?" Der,Gefaitgeitwäner versetzte ausweichend: .,Wer wird gleich an'S Sterben denken. Glaub' mir. Salamon, cS ist grundfalsch, was man von der Schwachheit der Menschen sagt. Der Mensch ist stärker als daS Bich ntid kann ungeheuer viel aushalten — ich weiß daS besser, als wer immer!" Nohrbach schüttelte trüb verneinend den Kopf. ״Laß daS gut sein, mein Freund, mit mir gcht'S stark bergab, mit ntir ist'S für diese Welt anS, und darum möchte ich so gerne noch einmal meine Brüder sehen! Sich, ich stehe am Rande des Grabes, versage mir die eine, letzte Bitte nicht — hole meine Brüder und lasse sie zu mir ins Gefängnitz herein!" Der Gefangenwärter wich einen Schritt zurück und stieß hastig hervor: ״Beim Gekreuzigten, du verlangst etwas Unmögliches von mir! Ich kann nicht, ich kann nicht!" Salamon Rohrbach streckte seine mageren zitternden Hände aus und ergriff die Hand Iuro's und blickte ihn so flehend an. ״Man soll einem Sterbenden nichts versagen," mahnte er mit einer Stimme, welche einer andern Welt anzugehören schien, ״wer aber einem Sterbenden etwas gewährt, der kann sicher sein, daß auch er dereinst Erhörnng finbcn wird vor dem Throne deS allerhöchsten Richters!" Es Lag etwas UeberirdischcS in diesen Worten, mit welchen ein unter dem Volke allgemein verbreiteter Glaube ausgesprochen wurde, — 3uro suhlte, daß wirklich ein Sterbender zu ihm gesprochen. Die Stimme ist so tonlos, die Hände, die noch immer die Seinigen iiiuflammert Hallen, sind so kalt und feucht! Juro kämpfte einen harten Kampf, er war, wie der größte Theil der Slovaken es noch heute ist, nngentein abergläubisch. EinesthcilS schauderte er vor den schrecklichen Folgen zurück, die das Bekanntwerden einer solchen Pflichtvcrgcsscnheit für ihn haben mußte — im Geiste suhlte er schon die Qualen der härtesten Foltern, mit welchen ihn sein entmenschter Vorgesetzte für sein Vergehen büßen lassen wird; andernthcils wieder versetzte eS ihn in die größte Bcdranguiß, sein Seelenheil gefährdet zu sehen oder wenigstens eine Gciegenhcit nicht benutzen zu können, sich dasselbe für immer zu sichern. Endlich beschloß er, sich durch einen Kniff ans der Verlegenheit zu ziehen. Er wollte dadurch vor Allem Zeit gewinnen, um sich die Sache reiflich überlegen zu können. ״Gut," sagte er also, erleichtert aufathmend, ״ich bin bereit, Deinen Wunsch zu erfüllen, sobald sich mir die Gelegenheit dazu bieten wird. Etwa im Laufe der nächsten Woche, wenn —" ״Heute," unterbrach ihn Rohrbach leidenschaftlich, ״heute noch muß ich mit meinen Brüdern sprechen. Im Schutze der Nacht führe sie herüber, kein Mensch wird euch wahrnehmen — Du aber erhältst hundert Dukaten zum Lohn." DaS gab endlich den Ausschlag. Hundert Dukaten! sind schon werth, daß man dafür etwas wagen soll.; ״Wohlan," sagte Juro mit einem schweren Seuszer, | ״ich will eS probireu, halte Dich also wach heute Nacht."! Als der Wächter Rohrbach verlassen hatte, zogen an! seinem Geiste, welcher längst von dieser Welt Abschied i genommen, wunderbare Bilder und Träume vorbei....! Er war von der erlittenen Tortur sehr ermattet, und j wie sehr cr sich auch dagegen strauben mochte, vcrsiel! er dennoch in einen dunklen, halbwachcn Zustand. Der! Kopf siel ihm schwer auf die Brust herab und vor! seinen geschlossenen Augen verschwamm die Wirklichkeit! mit dem Traum in ein formloses Chaos. Plötzlich - berührt sein Ohr eine Sphärenmusik, sanft und schwernlüthig, seufzend und einschmeichelnd, wie die Akkorde der Aeolsharfen, durch deren Saiten der letzte Hauch des vergehenden Tages weht. Die Musik tönt fort, gedämpft durch eine weite endlose Entfernung, und aus dem dunklen Zwielicht tauchen geisterhafte Gestalten aus, in einer endlos weiten, unerreichbaren Entfernung, über und über von einem blendenden Lichtschein umfluthet. ES sind das jene zahllosen Märtyrer, die sich seit undenklichen Zeiten für Gott, für die jüdische Gemeindc geopfert haben. (Forrsetzung folgt.)־