Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 39 (25.9.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-09-25
- Page
- 615 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2932754-2933049-2933088-2958636--16737-2958696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
615 Machtgestirne. Historische Novelle cuitf der Feudalzeit Ungarns Von Samuel Verth old Noöner. —- (i)!a<J1br1uf verboten 11. lieberset;u1nv>vectn vorLh־ bellten (Fortsetzung.) ״Habt Ihr nicht vor einigen Tagen erwähnt, gestrenger Herr, daß in zwei Wochen der Landtag in Prcßbnrg eröffnet werden wird, und daß Ihr noch nicht darüber einig seid, ob Ihr auf demselben erscheinen werdet?" ״So ist cS auch," murmelte der Graf verdrießlich. ״Der Rentmeister hat mir angezeigt, daß meine Kasse sich in keinem guten Zustande befindet und wenn ich nicht mit jener Pracht in Prcßbnrg einziehcn kann, die man an den Qrmai'S seit jeher gewohnt ist, bleibe ich lieber zu Hause. Ueberhaupt gedenke ich mich diesmal durch meinen Engen vertreten zu lassen, da wäre es mir besonders lieb, wenn er bei seinem ersten Anstreten am Landtage die größte Pracht entfalten könnte. Ich begreife aber nicht, wie das hierher kommt? WaS willst Du damit?" Der Pfarrer lächelte verschmitzt. ״Die Hartnäckigfeit des BösewichtS," sagte er, ״soll uns Gelegenheit bieten, den Kassen Ew. Gestrengen ausznhelfea. Wenn der Jude beharrlich im Leugnen fortsährt, so erlassen Ew. Gnaden ein Edikt, welches besagt, daß sich alle Juden auS der Stadt, so wie aus allen Euren Be? sitzuugen vor Ablauf von viernndzwanzig Stunden hinaustrollen müssen, ohne daß sie mehr mitnehmcn dürfen, als wie viel zur Fristung des nackten Lebens für die nächste Zeit nothwendig ist. Entweder er bekennt sich schuldig und entdeckt seine Mitschuldigen, dann habt Ihr sowohl nach den staatlichen wie kirchlichen Gesetzen das Recht, das Vermögen der Verbrecher, welches bedeutend sein muß, zu konfiSzircn und den grundhcrrlichcn Kassen einznvcrleiben. Bleibt er aber beim Leugnen, so gehört ja daS ganze znrückgclasscne Vermögen aller Juden uns, oder wir lassen uns im schlimmsten Falle bewegen, die Inden für ein hohes Lösegcld noch länger im Komitate zu dulden. Seid Ihr mit diesem Vorschlage einverstanden, gnädiger Herr?" Der Graf, dessen Angen in zügelloser Habgier funkelten, nickte bejahend mit dem Kopfe. ״Verfahre wie Dir gut dünkt, ich sehe, daß Du cS doch am besten verstehst. Vergiß nur nicht, daß der Landtag nächste Woche schon eröffnet wird!" ״Ich verstehe," versetzte der Pfarrer, sich dankbar verneigend, ״eS muß Alles mit der größten Schnelligkeit vor sich gehen." Jene Thüre, durch welche wir seinerzeit denWasenmeister Kurt in das Zimmer des Grafen kommen gesehen, um ihm den Tod des Bauers Jörg anzuzeigen, öffnete sich wieder geräuschlos und ließ eine der damaligen ähnliche Gestalt, einen Folterknecht, erscheinen. ״Ehrwürdiger Herr," sagte dieser zum Geistlichen gewendet, ״Eurem Befehle gemäß verständige ich Euch, daß Alles bereit ist. Eure Gegenwart schlt nur noch, damit wir mit der Folter beginnen können." Der Pfarrer verneigte sich noch einmal tief vor dem Grafen und folgte dem Folterknecht durch die Tapetenthürc in den schmalen dunklen Gang. Etwa eine Stunde nach dem Gespräch des Pfarrers mit den! Grafen zog ans der Burg ein herrschaftlicher Haiduck, der eine mächtige Trommel an der Seite hatte, ins Städtchen hinunter, und mehrere berittene Kuriere sprengten mit verhängtem Zügel über die Zugbrücke, um nach verschiedenen Richtungen die Lande dcS edlen Grafen von Ormai zu durchkreuzen. Einige zerstreuten sich über die Ebene, Andere zogen ins Gebirge, überall aber, in jedem von Inden bewohnten Orte, wo die schnellen Hufe ihrer Rosse erschallten, zog Trauer und Klage ein in die Wohnungen der Juden, denn die Kuriere verkündeten überall daS AuSweisungsedikt des Grasen. Dasselbe that der Haidnck mit der großen Trommel in S—z. * * * Schier vernichtet war Rohrbach nach der Folterung in seinen Kerker zurückgcführt worden. Es war den schrecklichsten Qualen nicht gelungen, von ihm die entehrende und lügenhafte Selbstanklage zu erpressen, da ließ ihm der von seiner Standhaftigkeit bis zur Wuth erzürnte Pfarrer daS Edikt zur Austreibung aller Juden vorlescn. Ein Schauer durchrieselte den gepeinigten Rohrbach, und aus seiner zerquetschten und zerschnndenen Brust erhob sich ein schwacher Seufzer, aber einen Laut hervorznbringen, war er trotz aller Mühe nicht im Stande. Auf einen Wink dcS Pfarrers wurde er in den Kerker zurückgcführt. Hier gelangte er nur allntählich zum klaren Bewußtsein und zum Gebrauch der Sprache. Die von tausend Martern zerwühlte Brust des Unglücklichen hob und senkte sich keuchend, sein Athen! flog hastig und glühend heiß, in den Angen, welche sich aus ihren Höhlungen drängten, suhlte er einen heftigen stechenden Schmerz. Zu diesen nnerlräglichen körperlichen Leiden kam jetzt noch daS überaus martervolle Bewußtsein, für viele hundert Familien die Ursache des größten Elends zu sein — warum konnte er nur nicht sprechen damals, als man ihm jenen hartherzigen Ausweisungsbefehl mitgetheilt hatte, er hätte Alles gestanden, was mau nur von ihm gewünscht hätte! Ja, er hätte gestanden, daß er der Kirchenräubcr wäre — was lag noch an seinem eigenen von Qual und Leid beinahe völlig zermalmten Dasein, — aber wäre das Alles gewesen? Mußte er nicht