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Jeschurun · 1884-09-25 · Heft 39 (25.9.1884) · p. 612

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 39 (25.9.1884)
Article
Almosen - Zedaka
Date
1884-09-25
Page
612 (sequence 2)
Language
German
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612 jüdische Rachamonnß." Ich habe einmal den treuen j ehrwürdigen Freund unseres Hauses, den verewigten Rabbiner, gefragt, weshalb inan von ״jüdischem Rachamonnß" rede, da doch Rachamonnß d. i. Barm׳ Herzigkeit eine ganz allgemein!ncnschliche Tugend sei? Ich empfing sotgende Antwort: Sohl ist Barmherzigseit, Mitgesühl mit fremdem Leid, Th eil nähme an Anderer Schmerz und Roth jedem Menschen eigen; hat dieses Gefühl in die Brust aller seiner Menschenkinder gesenkt. Aber cs schlummern noch andere Empfindungen in dem Menschen, als: Egoismus, Haß, Neid, Rache u. s. w., und da ist eS denn sehr zweifelhaft, welche Regung in dem gegebenen Augenbliche die Übermacht im Menschen erhält. Es streiten diese häßlichen Empfindungen mit der Barmherzigkeit. Diese spricht zum Menschen: hilf deinem arme» Bruder, jene aber flüstern ihm zu: las; dich nicht von deinem barmherzigen Gefühle verlocken, was willst du dir etwas entziehen, um einem?ludern das Leben zu verschöncrn, oder -- jener Arme hat dich einmal beleidigt, er ist jetzt in Noth, freue dich darüber, der?lugenblick ist günstig für die Bethängung deines Hasses. Da kann dann der Egoismus oder der Haß viel gewaltiger sein als die Barmherzigkeit, und du wendest dem Unglücklichen dein barmherziges Gefühl weg und giebst dich der Selbstsucht und dem Hasse hin. Das ״jüdische'' Rachamonnß aber ist gegen die Feinde der Barmherzigkeil gefeit, Nicht daß der Jude den Kampf mit der Selbstsucht, den! Hasse und der Rachsucht nicht zu bc׳ stehen hätte — aber das jüdische Rachamonnß bleibt Sieger. DaS kommt daher, weil das jüdische?llmosen ״Zedaka" heißt und weil diese Zedaka ebensowohl daS Rachamonnß erzeugt, als sic von diesem gesördl'rt und gepflegt wird. Die jüdische Almoseuspende, Zedaka, wurzelt nicht in erster Linie in dein mitleidigen Gcsuhle, sondern in den! RechtSbcwußtsein, wie ״Zedaka" anbeutet, das in seiner Wurzel den Begriff des Rechts an zeigt. Der Arme und Elende hat ein Recht auf unsere Hülfe, wir sind nur gerecht, wenn wir seiner Nsth steuern, wir erfüllen lediglich ein Gebot der göttlichen Gerechtigkeit, indem wir spenden. DaS jüdische Nachamouuß unterscheidet sich demnach von der allgemeinen menschlichen Barmherzigkeit, daß es auf's Innigste verknüpft mit der Zedaka ebensowohl dem klaren RechtSbcwußtsein und Pflichtgefühl entspringt, wie der oft unklaren und unbewußten milden, oft nur augenblicklichen und vorüberranschcubcn, von anderen Empsmdnngen leicht zu bewältigenden Regung des Herzens. So mein unvergeßlicher weiser Freund über daS jüdische Nachamouuß. Wie oft aber habe ich!vahrgenommen, daß sich Töchter und Söhne des jüdischen Stammes nicht nur dieses köstlichen Erbguts cutäußert haben, sondern verachtiich und spöttisch desselben gedenken, und es sind das gerade oft solche, welche sich mit ihrer Bildung und Änsklärnng brüsten,?lls ob wahre Herzensbildung von irgend einer andern Bildung an Werth übertroffen werden könnte. So sehr ich die Geistes-, Verstands- und Geschmacksbildung schätze, so möchte ich dennoch lieber meine Kinder und Enkel dumm, linkisch, unbeholfen, unempfänglich für Kunst und Wissenschaft als dieser Herzensbildung bar wissen. Nicht um?llles in der Welt möchte ich bei ihnen das alte achte jüdische Rachamonnß und die Ucbung der Zedaka vermissen. Das ist unser?ldel und der Stolz unseres Volks. Ich erinnere mich, in einer Predigt am Schabuothfeste eine sehr schöne und beherzigenswerthe Erklärung in dieser Hinsicht gehört zu haben. Für dieses der Offenbarung der Thora ganz eigentlich gewidmete Fest ist bekanntlich eine besonders auszeichnende Handlung nicht geboten, wie für Peßach, Snckoth, Rosch-Haschana und Jom .Kippur. Es heißt nur ״du sollst dich vor Gott freuen, du, dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, der Levile in deinen Thoren, der Fremdling, die Waise und die Witwe, die sich in deiner Mitte befinden." Es spricht sich hierin der Gedanke ans, daß der Geist der Thora, den wir uns zu eigen machen sollen, sich zu bekunden habe in unserer Freude vor Gott, welche ihren reinsten, herrlichsten Ausdruck darin findet, wie wir die allgemein menschlichste Pflicht der Unterstützung und Hülfe unserer ärmeren Neben- Menschen üben. Wie der Jude Zedaka übt, darin zeigt sich sein jüdisches Bewußtsein. Der Fremde, die Wittwe und Waise, der keinen Antheil am Boden Besitzende, jeder?lrme und Bedürftige kann mit Zuversicht auf des Inden Beistand und Hülfe zu jeder Zeit rechnen. Ich halte cs für eine Vermessenheit, meinen Kindern Vorschriften zn ertheilen, welche etwas anders enthalten, als was das jüdische Gesetz gebietet. Wohl aber ziemt cs der Matter und Großmutter, sie zu ermahnen, diesen unverbrüchlichen Gehorsam zn erweisen. Diese Aufzeichnungen haben keinen andern Zweck. Bewahrt euch das jüdische Rachamonnß, übt Zedaka! wollen sie euch zurnfen. Laßt euch nicht bcthören von einer falschen Weisheit, welche euch dieses jüdische Kleinod als werthlos darstellcn will und unter der heuchlerischen Maske .,rationeller Armenpflege" eurem Egoismus sröhnt, auch eure Thür durch die Inschrift ״Mitglied des ArmcnvereinS" jeder Bitte des Bcdürftigen verschließen lehrt, für einen jährlich geschenkten Thalcr euch abzusinden unterweist mit der heiligen Zcdakapflicht und euch das jüdische Nachamouuß aus eurem Herzen reißt! Ucbt Zedaka, selbst wenn Gott euch nur wenig Antheil au den irdischen Glücksgütern beschecrt. Denn die Zedaka ist eine allgemeine, für Jeden, ob reich oder arm, gebotene Pflicht. Auch der

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