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Jeschurun · 1884-09-25 · Heft 39 (25.9.1884) · p. 611

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 39 (25.9.1884)
Article
Kol Nidre
Date
1884-09-25
Page
611 (sequence 3)
Language
German
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611 Diener und Kind — seid eingedenk der Heiligkeit des Worts, ihr lästert Gott, so eurer Lippen Hauch ein anderes zum Ausdruck dringt, als waö eueres Herzens Regung empfindet, so es euch nicht heiliger Ernst ist mit dem Sündenbekemttniß und dem BesscrungSgelöbniß, so ihr nicht in Wahrheit von der getrübten Reinheit eurer Vergangenheit durchdrungen und in Wahrheit entschlossen seid, zu Gott und seinem Gesetze znrückzukchrcn: die Gebote, die ihr mißachtet habt, fürderhin getreulich zu erfüllen, die Verstocktheit eures Herzens, den Trotz, die Unlauterkeit, den Leichtsinn, die Leidenschaft, den Spott, den Lug und den Trug abzulcgm und wo diese euch verführt haben, euch über daö GotteSgesetz zu erheben, den Sabbath zu entheiligen, die Nahrungöverbote zu verletzen, nicht zu befolgen, was Gott euch geboten in Bezug auf eure Ehe, eure Kleidung, euer Haus, euren Körper, für jeden Moment eures Daseins, da euch als gehorsame Kinder und Diener eures Vaters und Herrn von jetzt an zu erweisen.- An diesen heiligen Ernst und diese hohe Bedcutsamkcit unseres Wortes wollten uns die wahrhaft weisen und einsichtigen Alten in dem Angenbicke erinnern, wo wir uns anschicken, einen ganzen Tag mit solchem Bckcnntniß und Gelöbniß auf den Lippen vor Gott zu stehen. Denn nur in dem Bewußtsein solchen Ernstes und solcher Bedeutsamkeit können wir das große Werk der Selbsterkenntnis und Läuterung, die Vorbedingung für das Gnadengeschenk des 3om Kippur, an uns vollbringen. Noch eine andere Erwägung mochte bei der Einfügung des KolNidrc an die Spitze der Liturgie des Jom Kippur mitgewirkt haben. Das von der Heiligkeit des großen Tages ergriffene Gemüth könnte in der erschütternden Erkennt«iß der getrübten Vergangenheit sich zu Gelöbnissen und Vorsätzen vor Gott Hinreißen lassen, welche außerhalb des Kreises der unmittelbaren Pflicht liegen, in dem schaffenden und genießenden Leben aber solcher Gclobnngen und Entschlüsse uncingcdenk werden. Durch die im Kol Nidre in förmlicher und feierlicher Weise abgelegte Erklärung erscheinen in diesem Falle mcnschlicher Schwäche jene dem Gedächtnisse entschwundenen Angelobungen als nicht geschehen und entziehen sich dem Kreise der Versündigungen. Wahrlich, unsere Rabbiner thäten besser daran, die Bedeutung des Kot Nidre für den Jom Kippur ihren Gemeinden klar zu machen, als in gedankenloser, sträflicher Konnivenz dem Unverstand der NeuerungSsucht zu folgen, welche auch diese weise Einrichtung einer gottesfürchtigercn und erleuchteteren Vergangenheit abzuschaffcu kurzsichtig verlangt. Sie würden -- abgesehen von der ungesetzlichen Handlungsweise der Abrogirunz des Kol Nidrr — zur Hebung der Andacht und zur Erhöhung der Wirksamkeit des Gebets am Jom Kippur dadurch mehr beitragen, als durch die kindische, ein mitleidiges Lächeln herausfordernde Anstrcngung, au Stelle des Kol Nidre ״ein anderes Kol Nidre" zu setzen, um die —- Melodie zu retten, tu welcher das Kol Nidre vorgetragen zu werden pflegt. Die Abrogirung deö Kol Nidre ist übrigens die Verletzung eines Gelöbnisses. Der religiöse UsuS, סנהג, d. i. der Brauch, welchen eine Gemeinde zur Förderung des religiösen Bewußtseins angenommen lM, ist eine für alle Zeiten geltende und bindende Gclobung, welche kein Rabbiner und kein Gemeindebcschluß lösen kann. Daß aber das Kol Nidre ein solcher Minhag der Gemeinden Israels ist, bedarf nicht der Erwähnung. Möge der große Tag, dem wir entgegensetzen, im Geiste des Kol Nidre von allen Gemeinden Israels begangen werden, daß das Bekenntniß ihres Mundes und das Gelöbniß der תשובה, der Rückkehr zu Gott, ein wahrhaftiges, ansrichtiges sei, und sich auch an uns die Heiligkeit des Jom Kippur bewähre in der wiedergefundenen Reinheit unseres Herzens, in der erneuten Treue gegen Gott und in dem unverbrüchlichen Gehorsam, den wir Seinem Gesetze fortan zollen, daß Er das Gebet erhöre, mit welchem wir;u Mita von diesem großen Tage scheiden: היום תמהול ותפלח לכל עונותינו. Almosen — Wilka. Aus den Auszeichnungen ihrer Mutter mitgetheilt von S u l a m i t h.') .Ich möchte meinen Kindern und Enkeln recht eindringlich die Pflicht der Zedaka an empfehlen. In meinem zunehmenden Alter gewahre ich mit inniger Betrübniß, daß die veränderte LebenSanschauung und Gewohnheit, welche sich durch die Nichtbeachtung der Vorschriften des NcligiousgcsetzeS in weiten Kreisen hcrausgebildct haben, uns auch des herrlichsten Erbtheils unseres Ahns Abraham und unserer Acltermutter Sara verlustig werden lassen. Dieses Erbe ist aber die Zedaka, das Pflichtgefühl des Gebens, das Nachamonuß, die Empfindung der innigen brüderlichen und schwesterlichen Verwandtschaft mit dem Aermeren, dem Sorgerfülltcrcn, dem Bedürftigeren. Als eines der besonderen Merkmale der Nachkommen Abrahams und Saraö galt von jeher das Nachamonuß, und die Inden waren stolz ans dieses Kennzeichen ihrer Abrahamitischen Abslammrmg. Sehr bezeichnend nannten sie es ״das ') Siche Nr. 40 und 50 des vorigen Jahrgangs.

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