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Jeschurun · 1884-09-04 · Heft 36 (4.9.1884) · p. 565

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 36 (4.9.1884)
Article
Gedanken eines Nichtpredigers über die Predigt
Date
1884-09-04
Page
565 (sequence 2)
Language
German
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565 hcrgebcn, weil sie mit dem Gottcsworte nichts anzufangen wissen. Sic nennen dieses Spiel geistreich und nennen den einen mit so geistvolleren Prediger, je mehr er in diesem Mißbrauch keck und kühn dem Texte Ge- Walt anthut. Ich muß mich berichtigen; nicht wird dem Texte hier Gewalt angcthan, denn cs ist auch nicht der allerloscstc Zusammeuhaug;wischen dem Textsinne und der Auffassung oder Deutung, in welcher der Prediger das ״eben verlesene Wort unseres WochenabschnittS" seiner Gemeinde vorführt, vorhanden. — sondern cs ist der absoluteste Unsinn, den Text der angeführten Predigten an das Wort der heiligen Schrift auch nur anlehncn zu wollen. Diese Weise erinnert mich vollständig an die vcrschrieene Manier chassidäischcr Prediger, welche ich einmal durch folgende Textvcrdrchung pcrsiflirt hörte: כהלל רשע על האות נפשו predigte einst ein solcher. Wie kann man הלל Hillcl, den srommcu, großen, weisen Hillel einen רשע, Nöscwicht, nennen? Doch cs ist so gemeint: Der רשע dünkt und giebt sich in der Demnth eines Hillel, wenn er den Gelüsten seines Herzens folgen will. Er spricht: ich bin so schwach, man kann von mir nichts Großes erwarten, ich kann kein צדיק fein, darum folge ich meiner Leidenschaft. Wir lachen über solche Tcxtanwcndmig, aber ist cS in den erwähnten Fällen etwa anders? Der Ehassidim-Prcdiger und die modernen Prediger haben die gleiche Manier; sie benutzen den Laut eines Wortes, eines Satzes, um dasjenige daran zu knüpfen, was ihnen gerade in den Sinn kommt, stehe cs selbst auch nicht im Entferntesten damit in Berbindnug. Ich könnte noch mit viel tolleren — ich bitte wegen dieses harten Ausdrucks um Verzeihung — Beispielen ans wirklich gehaltenen Predigten dienen, — und die Herren genießen in ihrem Kreise den Namen von guten Rednern! Sollte ich hierin mich in einem Jrrthume bcfinden, so erwarte ich eine geneigte Belehrung. Wenn ich mich in dieser Weise ausgesprochen habe, pflegte mir wohl entgegnet zu werden: Ihre Ausstctlungcn wenden sich nicht sowohl gegen die heutigen Prediger, als gegen die von jeher geübte hagadische Bibelcrktärnng, wie solche in den Hagadoth des Talmuds und den Midraschim uns vorliegt. Lassen Sie deshalb uns, die Epigonen der talmndischen Heroen, in Ruhe und richten Sie gefälligst Ihre Kritik gegen die Tanaim, Amoraim und Gaonim. Wenn Sic sich mit der Mischna, Gcmora, Nabboth, Jalkut u s.w. in dieser Hinsicht verständigt haben, dann kommen Sic wieder zu uns. In allen diesen Werken findet man die üppigste, -ausschweifendste Phantasie walten, welche, den eigentlichen Wortsinn gänzlich ignorircnd, Alles und Jedes in die Bibel hincininterpretirt. Und etwas Anderes geschieht von unserer Seite auch nicht. Wir folgen lediglich den Spuren dieser auch von Ihnen anerkannten Autoritäten. Wir fetzen nur den Midrasch fort. Meine Erwiderung auf diese Gegenrede lautete dahin: Ich erkenne diesen Einwand nicht an. In den angeführten Agadolh und Midraschim hat man nicht einen jeden beliebigen Gedanken in den heiligen Text hincingepvängt, wie unsere Prediger solches mit großer Virtuosität sich erlauben, sondern in der That den Sinn und die Bedeutung der betreffenden Stelle zu erfassen und zu erklären versucht. Wenn wir die Midraschim ernstlichst studircn wollen, so haben wir uns zu bemühen, den Geist zu erkennen, in welchem die alten Lehrer unserer Nation den vorliegenden Abschnitt aus der heiligen Schrift anfgcfaßt haben. Wenn uns dieses nicht immer leicht wird, wenn wir ihn nicht ergründen können, so liegt dieses an der Unzulänglichkeit unseres Wissens. Es wird aber dem Einen mehr, dem Andern minder gelingen, und ich möchte in der That unseren Herren Predigern ein nachhaltiges, ernstes Studium des Midrasch, Hand in Hand mit einem gründlichen, wahrhaft wissenschaftlichem Bibclstudiutn auf das Angelegentlichste empfehlen. Und von der Wahrheit dieser meiner Ansicht bin ich so fest durchdrungen, daß ich mich weder durch die Diplome, noch die Predigerpraxis meiner Herren Gegner hierin habe erschüttern lassen können. Denn wenn ich auch als ungelehrter Laie keineswegs so vermessen bin, mir ein solch tiefes Verstündniß und umfassendes Wissen znzuschrcibcn, um in der von mir angedeuteten Weise die große Midraschliteratur beherrschen zu können, so weiß ich doch, daß cs selbst meinem winzigen Vermögen nicht immer mißlungen ist, hin und wieder einige Schritte ans diesem unermeßlichen Gebiete zu wandeln. Ich bin dadurch befähigt worden zu ahnen, welche unerschöpflich reiche Quelle Demjenigen sich für das Verstündniß der heiligen Schrift hier erschließen muß, dem cs vergönnt ist, mit größerer geistiger und wissenschastlicher Kraft ausgerüstet und anhaltender und emsiger als ich zu forschen. Ich glaube, daß diese Forschung Midrasch heißt, weil cs gilt ״zu suchen" דרש, den tieferen Geist der heiligen Schrift aufzusuchen, nicht aber einen fremden Gedanken in dieselbe hiueiuzutragcu. Ich habe deshalb auch niemals Geschmack an den vielfach geübten sogenannten ״Thauro- Sagen" finden können, welches alles Andere, nur keine ״Thauro" ist. Predigten dieser Art können wohl vernünftige Gedanken anregcn, aber einen Beitrag zur Förderung des Verständnisses des Gottesworts werden sie niemals liefern. Int Gcgcntheil, sie bewirken int hohen Grade eine vollständige Entfremdung der Gemeinde von dem

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