Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-08-21
- Page
- 536 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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536 Antichrist sei! — Und dafür wird man ein Antichrist gescholten! ״Wir erleben traurige Zeiten," sprach er köpfschüttelnd zu einem Kreis Bauern, der sich um ihn gebildet hatte, und strich sich die Silberfädeu aus der Stirne, dem sich entserueudcn Zuge des Pfarrers und der Haidnckcn, in deren Mitte sich Nohrbach befand, nachblickcnd, ״unschuldige Menschen werden in den Kerker geworfen, und fromme Christen werden gottlos geschölten Ich sage Euch, paßt ans, wir werden merkwürdige Dinge erleben!" Der Volkshaufc zerstreute sich in dumpfer, gedrückter Stimmung. Wie Alpdruck lastete das Geschchene auf Icdcrmalln, und wer daran dachte, mußte sich unwillkürlich mit der Hand über die Stirne streichen, als ließe sich der quälende Gedanke dadurch ans dem Bewußtsein herauSwischen. * * Wo war Mara unterdessen, während im Hause ihres Prinzipals das Schicksal in so unheilvoller Weise waltete? Als sie den Lärm der Menge im Hofe vernahm, war sie ans der Schankstube in die Küche geeilt, die von Neugierigen gefüllt war. Sie drängte sich bis zur offenstehenden Thür des Wohnzimmers durch, sie sah die Haiducken, den Pfarrer mit dem Barchcsdeckel in der Hand, das leichenblasse Gesicht Nohrbach's und die jammernde Lcah und ihre Mutter. Sie hörte von Diebstahl, Kerker und Galgen sprechen, und das Tuch, das Tuch! — Es war heute viel röthcr als sonst, fast so roth, wie danipfendes, frisch vergossenes Blut. Und wie gespenstisch bleich war das Gesicht Nohrbach'S im Vergleiche zu diesem blutrothen Tuche, Nohrbach und das Tuch — das Tuch und Nohrbach! — Zuletzt war es ihr, als ob cs gar kein Tuch wäre, welches dort die Hände des Pfarrers röthet, nein, es ist warmes dampfendes Blut, welches in einem dicken Strahle unter dem leichenblasse Gesichte Rohrbach's hervorströmt und zu den Händen des Pfarrers hinnberspritzt, daß sic ganz davon übergossen werden. Der Blutstrahl wird immer dicker, bis er zu einem großen schaumenden Fluß anschwillt, und auf die Oberfläche dieses Flusses taucht plötzlich der gespenstisch blasse Todtenkopf Nohrbach's empor und schwimmt mit fletschenden Zähnen auf sie heran. Dieb, Kerker, Galgen! tönt es in einem verworrenen Stimmengebraus an ihr Ohr, und die schäumenden Wellen des DlutstroiuS kommen immer näher; schwellen immer höher an und drohen, sic in ihr gräuliches Reich uiederzuziehen, in die Gesellschaft deS fletschenden und grinsenden Todtenkopfe-S.-Die neugierige Menge durchbrechend, eilt sie von dannen, sie flieht vor dem nachrollenden Blutstrome - und bleibt nicht stehen — ganz so wie gestern Nacht — bis sie ihr kleines, niederes Kämmerchen erreicht hat. Dort sinkt sie ermattet vor einem Kruzifix nieder und verbirgt das Gesicht in die Hände. Aber auch hier findet sic keine Ruhe. Dieb, Kerker, Galgen — braust cs ihr immer um die Ohren. In der öden Stille der einsamen Kammer hört sie die Stimme nur noch deutlicher und die Wellen des Btutstromcs rollen polternd gegen die schwache Bretterthüre und drohen sic zu zertrümmern. Mit nnsichtbarer Gewalt reißt cs sie empor aus ihrer knieenden Stellung; sie stürzt zur Kammer hinaus aus dem Orte. — Immer weiter treibt es sie hinauf den Lauf des Waldbaches entlang; Der Fußstcg, der in'S waldige Gebirge hinLufführt, wird immer unwegsamer, mächtige Felsblöcke sind zu übersteigen, klaffende Felsensprünge zu übersetzen, aber alle Hindernisse bewältigt das sehnige alte Weib, bis sie hinauf gelangt, wo der in schmale Ufer cingezwangtc Sturzbach mit schaumendem Getöse dahinrollt zwischen den schroff abfallenden weißen Kalkfelsen. Dort oben hält sie erschöpft inne und drückt die zitternde Hand auf den schwer keuchenden Busen. Horch — was tönt aus dem wildrn Geschäume deS Wassers in verworrenem Gemurmel herauf? Ist dieses Geräusch nicht dem Murmeln der Menge im Rohrbach'schen Hofe ähnlich? — Und ans diesem verworrenen Stimmmgewoge donnern mit mächtiger Gewalt die Worte heraus: Dieb, Kerker, Galgen! Mit scheuen Blicken schaut das alte Weib von der erklommeneu Höhe zurück, ob es nicht gar einige nachfolgende Häscher sind, die ihr diese deutlich vernommenen Worte Nachrufen, Nein, — Ha!ducken sind ihr nicht nachgecilt, aber der Vlutstrom muß ihr, aufwärts seine gräulichen Wogen rollend, bis hierher gefolgt sein, dein! so weit ihre Blicke abwärts reichen, sieht sie einen sich aus den weißen Kalksteinen deutlich abhebcnden Blntstreifen. Sic hatte sich, ohne cS zu merken, die Füße wund geschunden, und diese ließen überall reichlichc Blntspuren zurück, wo sic hintratcn. Schaudernd will sie weiter eilen, will von den sie vcrsolgcnden Stimmen und Vlntspnren wieder entfliehen — doch die Kräfte schwinden ihr, sie stürzt mit einem weithin gellenden Schrei zusammen und eine Ohnmacht schützt sie vor jeder ferneren Verfolgung. VI. In dem sonst immer vom geschäftigen Leben widerhallenden Hause war es öde, seitdem der Hausherr demselben entrissen worden. Die Schankstube war immer leer, — wer hätte auch Lust haben sollen hinzugehen? Die Menschen fliehen die Stätten der Trauer und des Schmerzes, um sich nicht die wenigen Momente des Lebens, in denen das eigene Ungemach sein Folterhandwerk unterbricht, durch das Anschauen fremden Leides zu -vergällen! (Fortsetzung folgt.)