Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 17 (1884)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1884)
- Article
- Nachtgestirne
- Date
- 1884-08-21
- Page
- 535 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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535 meinen Untergang beschlossen hast, zittere vor der waltenden Hand der ewigen Gerechtigkeit!" ״Ihr Memmen!" schrie der Pfarrer die-Vaiducken an. ,.Macht diesem leeren Gefasel einmal ein Ende!" Die Haiducken schritten wieder auf Nohrbach los, da wurde die Thüre hastig ausgerissen, und Gabriel stürzte herein mit fliegendem Athcm und flammenden Augen. Ans dem, was er schon draußen vernommen hatte und was er jetzt erblickte, hatte er in einer Sekunde die Situation erkannt, mit Blitzcsschnctligkcit hatte er einem Haiducken die Klinge aus der Scheide gerissen, und mit einem Tigcrsprunge war er an der Seite Rohrbach's. ״Wem sein Leben theuer ist, der komme nicht nahe!" schrie er, mit rasendem Ungestüme die blanke Waffe schwingend, daß die Haiducken, um den wntheuden Hieben des jungen Mannes zu entgehen, schleunig einige Schritte znrückweichcu mußten.׳ Rohrbach aber legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes und sprach: .,Laß ab, mein Sohn, Dein Wicdcrstand ist doch nutzlos, Du stehst allein einer großen Menge gegenüber, früher oder später mußt Du übermannt werden. Ich gehe getrost mit ihnen. Gott wird mich beschützen und. meine Unschuld aufklären. Diesen da/' sagte er weiter, auf Gattin und Tochter Zeigend, ״wende Deinen Schlitz zu, stehe ihnen kräftig zur Seite bis ich zurückkommcn werde, um Dich mit der Tochter zu vereinen." ״Ihr habt Recht, Vater," murmelte Gabriel dumpf und ließ mit einem schweren Seufzer die bewafsuete Hand sinken. ״Euch wird Gott helfen, denn Ihr seid unschuldig, diesen aber werde ich zur Seite bleiben bis zum letzten Athcmzuge." ״Habe Dank, mein Sohn," sprach Rohrbach und drückte innig die Hand Gabrielas, umarmte die Gattin und küßte das thränenfcuchte Antlitz der Tochter. Als er sich sauft aus der Umarmung der zwei liebenden Wesen befreien wollte, da sank die Tochter mit einem dumpfen Schrei leblos in die Arme des Geliebten, die Gattin aber sandte in stummem Schmerze dein sich entfernenden Gatten einen Blick endlos tiefer Trauer aus den hohlen Augen nach. Ihr war eS, als sehe sie den t heuren Mann zum letzten Male.- Draußen harrte das Volk in athemloser Stille. Als Rohrbach, umgeben von den Haiducken, ans der Thüre seines Hauses trat, da ging durch die Menge ein dumpfes, unzufriedenes Murren und Zischen. Also doch er! Nein — das ist unmöglich! Nohrbach ein Dieb! Er ist eS nicht, nein! — Nie und nimmer! — Ein ehrwürdiger alter Bauer, ein Greis mit sparlichen, silberweißen Haarlocken trat zum Pfarrer hin und sprach, sich den Kopf entblößend, daß die weißen Haarlocken im rauhen Herbstwinde wehten: ״Ich bin nur ein armer, alter Bauer, ihr Herren, und bin mein Lebtag nicht aus meinem Geburtsorte, wo ich schon seit zwanzig Jahren Richter bin, Heraußen gewesen: — aber was Recht und Unrecht ist, das weiß ich so gut wie Einer, und die Menschen kenne ich besser, als wer immer. Und das sage ich Euch, Ihr Herren, daß Ihr ganz gewiß int Irrt Hunte seid, und ich kann Euch versichern, daß der Salamon da nie ein Dieb gewesen ist, und dabei bleib ich und schwöre Euch unter freiem Himmel daraus, selbst wenn sein eigenes Kind wider ihn zeugen sollte. Laßt also den Salauton unbeheiligt zu Hause, so Ihr nicht den Zorn des gerechten Himmels gegen Euch wach rufen wollt, denn Ihr führt da einen Unschuldigen mit Euch, — so wahr ein Gott über uns Allen lebt, der die Thränen der Unschuldigen rächt an Denjenigen, die sie verursacht haben!" Ein beifälliges Murmeln begleitete diese kühnen Worte des braven, alten Mannes, und durch das muthige Beispiel ihres ehrwürdigen Richters angeeifert, rief Mancher aus dem Volke: ״Ja, der Rohrbach war immer ein braver Mann! — Sucht den Verbrecher anderwärts! — Während Ihr hier einen Unschuldigen scsthaltet, entwischt Euch der wirkliche Verbrecher!" Zwei große Thränen -er Rührung erglänzten m den Augen des unglücklichen Nohrbach, indem er mit überströmendem Gefühle die Hand des wackeren Richters ergriff und sie warm drückte. Auch manches wettergebräunte Baucrngesicht verzog sich ganz eigcnthümlich, 'um eine sich vordrängcnde Thräne zu zerdrücken, alles war tief bewegt; nur das eine verhaltene Wuth ausdrückende Gesicht des Pfarrers blieb eisig hart inmitten des allgemein rege gewordenen Beileides. ״Wie beredt Du׳ Dich nur des Juden annehmen magst, Marko,״ sagte er in beißendem Hohne, daß es bem ehrlichen Alten davon eiskalt überlief. ״Dich scheint es gar nicht sehr zu rühren, daß die Jungfrau allen Schmuckes beraubt worden ist, und wie ich wahrnehme, möchtest Du eS nicht ungern sehen, wenn der Schänder Deiner Kirche straflos auSgchen würde. Marko, Marko, nimm Dich in Acht, Du stehst am Rande des Grabes, da muß man sich besonders hüten, daß einem der Antichrist feine bösen Gedanken eingiebt." Der Greis trat betroffen zurück, um den Pfarrer und die klebrigen durchzulassen. Hatte er wirklich auch nur durch die leiseste Andeutung zu erkennen gegeben, daß es ihm lieb wäre, wenn der verruchte Uebelthäter nicht bestraft würde'? — Was für einen Grund sollte er auch haben, Letzteres zu wünschen? Hatte er doch nicht gesagt, daß man Rohrbach frei lassen möge, selbst wenn es erwiesen, daß er die Kirche beraubt, sondern nur, daß es ebenso unmöglich erwiesen sein könne, daß Rohrbach, mit dem er über zwanzig Jahre im selben Dorfe lebte, ein Dieb sein könne, wie daß er selbst ein