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Jeschurun · 1884-08-21 · Heft 34 (21.8.1884) · p. 531

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Journal
Jeschurun
Volume
17 (1884)
Issue
Heft 34 (21.8.1884)
Article
Zur Begründung unseres Standpunkts
Date
1884-08-21
Page
531 (sequence 1)
Language
German
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Jin Kkgrml-ung mlseres Ztiul-zulnlits. (Schluß.) Auf den zweiten Einwand haben wir das Folgende zu erwidern. Wir sind gewiß die Letzten, welche nicht den Tag segnen wollten, an welchen! die Irrenden und Abgcfallcnen, ihres Irrlhnms inncgeworden und den Abfall beklagend, zu uns sprechen würden׳, wir hatten die Wahrheit verkannt, die rechte Schätzung des Judenthnms verloren und die von uns zu lösende Aufgabe nicht begriffen; wir hatten geglaubt, das Gesetz den Anschauungen der Zeit anpasseu zu sollen: die Ln anderen Kreisen und aus anderen Gebieten geltenden Maximen hatten unseren Blick getrübt, wir vernicinten, dieselben in daö Jndenthnn! übertragen und eine neue Wissenschaft auf deren Grund anbahncn zu müssen; wir sind zum Bewußtseins unseres Wahns gelangt. Wir haben erkannt, daß das Judenthum das Ewige, Unvcränderlichc, Göttliche, und cs eine Vermessenheit sei, an eine Reform desselben zu denken, daß cs vielmehr gelte, unser Leben mit den Gesetzen des Jndenthnms in Einklang zu bringen und unsere Anschauung an dem Geiste des Jndenthnms berichtigen zu lassen. Wohlan, lasset uns gemeinsam fortan streben, solches zu bewirken, lasset nns gemeinsam auf die Mittel und Wege sinnen, wie wir das heutige Israel zu der alten Begeisterung, zu dem alten Gehorsam, zu der alten Treue und steten Opserbercitschast znrückführcn. Wollten wir einer solchen Aufforderung gegenüber eine stolze, schroff ablehnende Haltung einnehmen, wahrlich, wir verdienten nicht eine freundschaftliche Er- Mahnung, sondern den herbsten Tadel. So aber ist leider bis zur Stunde nicht gesprochen worden; und cs hat den Anschein, als ob noch lange nicht also geredet werden wird. . Die Reform ist sich freilich ihrer vollendeten Impotenz bewußt geworden, aber keineswegs gesonnen, sich anfzngeben. Den Predigern und Vertretern derselben ist ein Granen überkommen vor dem eigenen Werke. Sie hatten gerechnet, daß das tief eingewurzelte religiöse Gefühl des jüdischen Stammes unvergänglich wäre und nach einer Bethätignng unter allen Umständen ringen würde. Je mehr man deshalb das ganze Gesetz ans dem Gedächtniß des Volks ansgelöscht hätte, desto lebhafter würde daS Bedürfniß nach neuen Formen für den Ausdruck des religiösen Gefühls hervortrctcn. An Stelle des fälsch- Uch so genannten Zeremonialgcsetzcs, welches man als ׳ werthlosen und hinderlichen Ballast über Bord geworfcn, würde man Predigt, Orgel, Damenchor, dcut- ^.sche Lieder, Einsegnung, Konfirmation und wie alle ^dic Raritäten heißen, welche die Reform auf Lager!hielt, als überaus köstliche Waaren einnehmen und des Priesters gar nicht entbehren können, welcher diese Sächelchen, recht geschmackvoll aufznstellcn und anznpreisen weiß. Darin aber hatte man sich geirrt. Die Predigt der Reform wurde mit der Zeit langweilig gefunden, Orgel 11. s. w. ermüdend, an der .Kraft des Segens des Rcsormrabbincrs für die Ereignisse des Familienlebens begann man höchst bedenklicher Weise zu zweifeln, und das A und O der Reform, der Tempel wurde immer leerer. Das aber hatten die Reform- Helden nicht gewollt. In einer solchen Gemeinschaft hat der Geistliche bald keine Stelle mehr. Darum gilt cs, dem unaufhaltsam sorlrollenden Gefährte der Reform einen orthodoxen Hemmschuh anznlcgcn, dann fühlt man sich sicherer in dem sonst so behaglichen weichen Sitz. Wir haben, wie wir glauben, überzeugend dargethan, das; lediglich auf Grund solcher Erwägungen ״ein Zusammengehen mit der Orthodoxie" erwünscht erscheint, und weil mau beileibe nicht ein wirkliches Ansgeben des hctcrodoxcn Standpunkts will, so soll der Orthodoxie durch ״den Ausschluß aller religiösen Disferenzpunktc" oder schlankweg ״der religiösen Frage" Kette und Trense angelegt werden, daß sie geduldig und gehorsam der Lenkung des geschickten Reformators folgt. Das ist der vielgepriesene, kurzsichtig angcjnbclte ״konservative Zug!" An dem festen Gefüge des hehren Jndenthnms sind bis jetzt alle Angriffe der Reform seit Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts abgeprallt. Die Reform hat die Orthodoxie vergebens zu besiegen getrachtet; alle Künste ihrer Strategie haben sich als nichtig erwiesen. Sic fühlt, daß ihre Zeit gekommen ist, sang- und klanglos in's Grab zu steigen. Sic weiß, daß, sobald die Konstellation der Schaffung einer konfcssionslosen Kirche in Deutschland günstig sein sollte, ein großer Thcil ihrer heutigen Gemeindcmitglicdcr oder deren Nachkommen sich derselben anschlicßcn würde. Darum ändert sie ihre Kampfcswcisc und sucht durch List zu erreichen, was in der offenen Feldschlacht nicht gelungen. Die Orthodoxie soll ihren Zielen dienstbar gemacht werden; sic soll ihr helfen, ihr Dasein zu verlängcrn. Es ist nicht wahr, daß wir die Hand zur Versöhnnng verweigern. Die Reform hat sich gar nicht zu versöhnen mit irgend einem Menschen; sic hat sich mit Gott und seinem Gesetze zu versöhnen. Sic hat ihr gesetzwidriges Leben aufzugcbcn, ihren unjüdischen Prinzipien zu entsagen, sic hat sich selbst anfzuhcben und die unverbrüchliche Verpflichtung des ganzen Indenthums in That und Gesinnung zu bewähren. Weh uns, wenn unser Kamps der Person unserer Brüder gelte! Wir bekämpfen die Reform als das Prinzip der Lüge, wir bekämpfen den Irrwahn und den Geist

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